Zwölf Monate Hanau

Was hat sich seitdem verändert? Nicht viel. Wir sind ja auch noch nicht fertig, schreibt unsere Kolumnistin.

18.02.21 > Sibel Schick
Profilfoto Sibel Schick

Sibel Schick
ist 1985 in der Türkei geboren und wohnt seit 2009 in Deutschland. Seit 2016 arbeitet sie als freie Autorin, Journalistin und Social-Media-Redakteurin. In ihren Texten provoziert sie gern und bezeichnet sich als ein "offenes, peinliches Buch". Auf Twitter und Instagram ist sie als @sibelschick unterwegs.

Text: Sibel Schick
Illustration: EL BOUM

Diese Wut frisst mich auf,
treibt den Schweiß auf meine Stirn.
Die Welt verrottet vor sich hin
und kein’ scheint’s zu interessieren.

– Ferhat Unvar, 20. Dezember 2016

Zwölf Monate sind seit Hanau vergangen. Der Name eines Orts steht jetzt für den rassistischen Mord an neun Menschen, für eine Katastrophe, für einen Schock. Hanau, sagen wir, und haben neun Gesichter vor Augen. Neun Namen, die wir nicht vergessen dürfen: Ferhat Unvar. Said Nesar Hashemi. Vili Viorel Păun. Mercedes Kierpacz. Sedat Gürbüz. Kaloyan Velkov. Fatih Saraçoğlu. Gökhan Gültekin. Hamza Kurtović. „Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst“, schrieb Ferhat Unvar in einem Facebook-Post am 17. Oktober 2015. In einem Gespräch sagte mir seine Mutter Serpil Temiz Unvar: „Unsere Kinder werden immer zu den ‚Anderen‘ gemacht, dabei werden sie hier geboren, und sie sterben auch hier.“

Nicht alle können unpolitisch sterben. Nicht allen wird’s gegönnt.

Der Hanau-Anschlag ist zwar ein Jahr her, aber es fühlt sich nicht an wie ein Jahr. Es fühlt sich an wie ein paar Wochen, es fühlt sich an wie ein Dauerzustand. Der Schmerz. Die Angst. Die Wut, von der auch Ferhat Unvar schreibt. Die Scham. All das sitzt noch tief.
Ein rassistischer Mord an neun Menschen, die lebten, die waren und jetzt nicht mehr sind, nicht mehr sein können, weil sich ein Nazi so entschieden hat. Für manche, nicht wenige, bleibt die Zeit stehen. Eine kollektive Wunde wurde geschlagen. Trauma, so nennt man das eigentlich. Mir gefällt Trauma nicht, Trauma ist mir zu abstrakt. Hanau ist eine Wunde, die eitert.

Ich komme mir anmaßend vor, wenn ich von Hanau spreche, denn ich lebe. Meine Freund*innen leben, meine Familie lebt. Aber ich weiß, dass ich mitgemeint bin, dass meine Familie mitgemeint ist. Alle, denen tagein tagaus klargemacht wird, dass sie in Deutschland bloß ein Fremdkörper sind, der herausgespuckt werden sollte, wissen, dass sie mitgemeint sind. Ein rassistischer Mord ist immer gleichzeitig auch eine Botschaft an Überlebende. Ein rassistischer Mord ist das Ergebnis der Verdinglichung von Menschen, es ist der Punkt, an dem Menschen, die zu Gegenständen gemacht werden, auch so zerstört werden, als wären sie wirklich Gegenstände. Sachen. Dinge.

Nicht alle können unpolitisch leben. Manche müssen einfach nur leben, um als politisch zu gelten, um politisiert zu werden. Der Spruch „Lebe so, dass Nazis ein Problem damit haben“ ist für manche leicht zu verwirklichen: Sie müssen nur atmen. Sie müssen nur in einem Café sitzen oder in einem Kiosk stehen. Sie müssen sich gerade etwas zu essen bestellt haben. Und schon sind sie eine Zielscheibe.

Was hat sich seit Hanau in Deutschland verändert? Deutsche sitzen auf Talkshows bei Öffentlich-Rechtlichen und reproduzieren rassistische Begriffe, verteidigen und fordern deren freie Nutzung. Sie nutzen dieselben Worte, mit denen Nazis Menschen, die sie zur Zielscheibe des Hasses, der Gewalt, machen, bezeichnen, um ihr Selbstwertgefühl zu verletzen, um sie zu überzeugen, dass sie wertlos seien. Reaktion. Entschuldigung. Paar Wochen später erneut Rassismus. Reaktion. Entschuldigung. Und nun?

Der Rassismus in Deutschland zirkuliert. Weil er nicht vollständig aufgearbeitet wird. Weil Deutschland seine nationalsozialistische und koloniale Geschichte nicht vollständig aufarbeitet. Weil Rassismus so überlebt, besteht, bleibt, zerstört.

Mit wem teilt ihr eine Sprache? Mit wem wollt ihr eine Sprache teilen? Welche Sprache, wessen Sprache verteidigt ihr? Welche Rolle spielt ihr dabei, dass die rassistische Stimmung in diesem Land, die uns tötet, jeden Tag ein Stück normaler und gewöhnlicher wird?

Was hat sich seit Hanau in Deutschland verändert? 2020 stieg die Zahl der Nazis mit Waffenerlaubnis um 35 Prozent. Der Mörder, der in Hanau neun Menschen aus rassistischen Gründen ermordete, war ein Nazi mit Waffenerlaubnis. Davon also gibt es jetzt 35 Prozent mehr als im Jahr 2019. Es sind insgesamt 1200 Nazis, die legal Waffen besitzen dürfen. 1200 Nazis, die sich im Fernsehen von weißen Promis erklären lassen, dass sie rassistische Wörter frei nutzen dürfen sollten, dass sie ein Anrecht darauf hätten, Menschen rassistisch zu beleidigen. Naziwörter, die Nazis Menschen auf die Haut tätowierten, bevor sie sie ermordeten. 1200 Nazis, die dann losziehen könnten, um Menschen genau mit diesen Wörtern zu beleidigen, bevor sie sie erschießen.

Jedes Mal, wenn ihr eine Sprache mit Nazis teilt, macht ihr euch mit Nazis gemein. Damit tragt ihr zu dem Vertrag rassistischer Gesellschaften bei, dass manche Leben mehr wert seien als andere, dass manche Menschen mehr Mensch seien als andere. Indem ihr mit Nazis eine Sprache teilt, kooperiert ihr mit ihnen, ihr stärkt ihnen den Rücken, ihr öffnet ihnen einen Raum, in dem sie gewaltvoller werden und mehr töten können. Dass ich das sage, mag euch stören, das soll euch auch stören. Unsere Leben sind wichtiger als eure Befindlichkeiten. Unsere Leben sind wichtiger als eure vermeintliche Freiheit, Nazisprache zu sprechen.

Was hat sich seit Hanau in Deutschland verändert? Nicht viel, zumindest nicht zum Besseren. Aber das wird es. Wir sind ja auch noch nicht fertig.