,,Ich date keine Blondinen“

Was passiert, wenn weiße Typen Exotismus für den Ausdruck einer woken Gesinnung halten.

08.03.21 > Sex & Beziehung

Von Golshan Fahmide
Illustration: Zora Asse

Klein oder groß, rothaarig oder brünett, bärtig oder aalglatt. Okay, eher groß, aber ansonsten könnten die Männer, die mich interessieren, von außen betrachtet nicht unterschiedlicher sein. Vielleicht finde ich es deshalb so komisch, dass mir zwei aufeinanderfolgende Bumble-Dates verraten: Psst, ich date keine „Blondinen“. Mist. Ich musste ja auch fragen.

Beim Ersten, nennen wir ihn Steffen, liegen wir nach unserem zweiten Date erschlagen, Halleluja, in seinem Bett, als ich ihm die Typfrage stelle. Nein, einen Typ habe er nicht.

Außer Blondinen, die würde er vermeiden. Er lacht, ich nehme es nicht ernst. Ist das ein Fall von „Gegensätze ziehen sich an“? Er, blond und weiß wie Schnee, ich bin der braune Typ, und, nein, nicht von der Sonne, sondern von Geburt an. Whatever, ich denke nicht mehr drüber nach. Drei Wochen später darf Thomas mich kennenlernen. Wir machen das, wofür Neukölln heute bekannt ist: süffige Ramen essen und dicken Rotwein nippen oder so. Ich stelle ihm dieselbe Frage. Er blickt sich kurz um, kommt dann mit seiner Antwort wie aus der Kanone geschossen: „Ich date keine Blondinen.“ Fuck. Ist das jetzt doch so ein #notyourfetish-Moment? Mir fällt plötzlich Joris ein, mein holländischer Arbeitskollege von damals. Wir sind in der Mittagspause und schnacken über unser Liebesleben, als er leise hinzufügt: „You know what I always tell my mum? I prefer my women as I enjoy my coffee – dark and strong.“ Und das eine Woche, nachdem ich seine ziemlich weiße Freundin getroffen habe. Run, woman, run!

Missy Magazine 02/21, Sexkommentar, Text
© Zora Asse

Dann kommt Ali, mein erstes Pandemie-Date. Hach. Er meint „voll normal“, Menschen hätten Vorlieben, was das Aussehen angeht. Meine Mundwinkel beginnen zu zucken. Thomas erzählt, dass er eigentlich nichts mit „biodeutschen“ Frauen anfangen könne. Er wäre ein Achtel Franzose und, wie süß, „multikulti“ aufgewachsen. Biodeutsch wäre halt langweilig. Joris spricht von „dunklen und starken“ Frauen und reproduziert eine sehr gängige und gefährliche Assoziation, mit der sich sehr viele BIPoC herumschlagen müssen. Diesen Männern geht es nicht um mein Aussehen, sondern um das, was es buchstäblich verkörpert. Good old exotification.

Als ich Ali davon erzähle, ist er nicht überzeugt. Er habe doch auch das starke Bedürfnis, Frauen zu daten, die nicht „nur“ biodeutsch sind. Junge! Ich erkläre ihm geduldig, dass es einen verdammt großen Unterschied macht, ob man selbst of Color ist und Menschen mit einem ähnlichen Background daten will – oder ob der strohblonde Ein- Achtel-„Franzose“ sich an meiner vermeintlichen Fremdartigkeit bereichern will, weil ihn das, was er selbst verkörpert, langweilt; mal ganz abgesehen davon, was ich eigentlich davon hätte, mit ’ner „langweiligen Blondine“ wie ihm auszugehen.

Aber es ist so viel mehr als das. Der Flüsterton, der gesenkte Blick: Diese Männer wissen ganz genau, dass sie sich „heikel“ äußern, wollen es dir aber als Triumph verkaufen. Sie wirken stolz auf ihren „Geschmack“, ihre Vorliebe klingt wie ein Statement: Ich bin anders, woke, ich weiß Bescheid. Ihr lächerlich selbstbewusstes Auftreten verrät vor allem, dass sie glauben, mir damit ein Riesenkompliment zu machen. Frauen, die sich durch die Abwertung anderer Frauen also geschmeichelt fühlen sollen? Das Patriarchat lässt grüßen.

Und ich? Ich werde weiterhin Typen die Typfrage stellen – und bei dubiosen Kriterien Reißaus nehmen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/21.

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