Pferdeposter im Hochhaus

Die moderne Adaption von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ überrascht mit erzählerischer Freiheit.

08.03.21 > Film & Serien,

Von Sarah Kailuweit

In Christianes Zimmer hängen Pferdeposter. Später, das betont die 13-Jährige immer wieder, wird sie Springreiterin und auf jeden Fall nicht wie ihre Mutter. Das Zuhause in der Berliner Gropiusstadt-Wohnung ist nämlich bestimmt von Geldnot und streitenden Eltern. Christiane will raus aus diesem Leben, sucht Emanzipation und Anschluss, findet

Freund*innen und Heroin.

43 Jahre nach der Veröffentlichung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ interpretiert eine Serienadaption in acht Teilen Christiane Felscherinows, damals dem „stern“ diktierte, Jugendjahre neu. Ein echtes David-Bowie-Konzert, wie in der Erstverfilmung von 1981, ist zwar nicht dabei, dafür zeigen die Macher*innen, was dank technischen Fortschritts heute alles möglich ist. Bildgewaltig spiegelt die Umgebung das Innenleben der sechs Jugendlichen, die kompromisslos für ihre Freiheiten kämpfen, bis sie der Rausch zerstört. Drehbuchautorin Annette Hess („Ku’damm 56/59“) und Regisseur Philipp Kadelbach („Parfum“) schaffen es, Christianes Entwicklung aufmerksam und sensibel zu dokumentieren, ohne sich von diesem Fokus einschränken zu lassen. Das gesellschaftliche Gefüge der Jugendlichen, die unter diversen sozialen Umständen alle zur Droge finden, wird feinfühlig analysiert und effektvoll illustriert.

Missy Magazine 02/21, serienaufmacher, Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Text und Vorschaubild
© Constatin Televison / Amazon

„Einzelne Personen sowie Ereignisse in ihrem Freundeskreis und familiären Umfeld sind fiktionalisiert oder frei erfunden“, heißt es zu Beginn jeder Folge. Dabei sind die Erlebnisse von Christiane und ihrer Clique doch so eindrucksvoll, weil sie den real existierenden Teufelskreis aus Abhängigkeit und Geldmangel schonungslos schildern. Aber die Produktion von Oliver Berben und Sophie von Uslar nutzt die Fiktionalisierung des biografischen Materials, um Zuschauende effektiv zu zermürben. Dabei bekommt der Heroinrausch über meditative Slow-Motion-Aufnahmen und manipulierte Bildkompositionen faszinierend viel Raum – vor allem in einer Zeit, in der so viele eine Sehnsucht nach den hedonistischen Freiräumen des Nachtlebens teilen. Schnell wird man vom Soundtrack aus Bowie-Adaptionen eingelullt, um schließlich immer wieder in der Realität aus Entzug und Kriminalität aufzuprallen. Trotz ausführlicher Rauschhuldigung zwischen unsaniertem Altbau und Plattenbau-Charme vergisst die moderne Adaption des Bestsellerstoffs nicht, wie verzweifelt die Lebensrealität der Christiane F. war. Da muss sogar David Bowie weinen.

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo ist auf Amazon Prime zu sehen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/21.

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