Von den Lippen ablesen

Claudia Durastanti erzählt mit schlichten poetischen Worten die Geschichte einer dysfunktionalen Familie.

08.03.21 > , Literatur & Comics

Von Holle Barbara Zoz

Wie haben sich die Eltern der Ich-Erzählerin kennnengelernt? Auf diese Frage erhalten wir jeweils sehr verschiedene Antworten: Die Mutter will den Vater davon abgehalten haben, sich in den Tiber zu stürzen; dieser habe die Mutter vor einem Raubüberfall gerettet. Außer der Rettungsgeschichte verbindet sie ihre Gehörlosigkeit und die damit einhergehende Isolation. Durch Lippenlesen und Sprechen ohne Gehör versuchen die Eltern, ihre Beeinträchtigung zu verbergen, doch bleiben sie sowohl in den USA als auch in Italien Außenseiter*innen, die beruflich und finanziell scheitern. Der Tochter bringen sie nie die Zeichensprache bei. Stattdessen prägt eine gebrochene Kommunikation das

Familienleben, verstärkt noch durch Sprachbarrieren. Seit der Großelterngeneration bewegt sich die Familie zwischen Brooklyn, Rom, der süditalienischen Provinz und London.

MISSY MAGAZINE 02/21, Literaturaufmacher
© Sara Lucas Agutoli

Der Titel „Die Fremde“ bezieht sich ebenso auf die Mutter wie auf die Tochter und Ich-Erzählerin. Denn nach der Rückkehr der Familie aus Brooklyn in ein süditalienisches Dorf ist sie bei der Integration dort auf sich alleine gestellt. Die englische Übersetzung des Titels steht noch aus, denn „The Stranger“ erlaubt nicht das weibliche Pronomen, auf das die Autorin Wert legt – und ist zudem von Albert Camus’ berühmtem Roman besetzt. Der Vater erscheint nach der Trennung der Eltern nur episodisch im Leben der Tochter, etwa wenn er sie zu e…

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