Hurenfeindlichkeit und antiasiatischer Rassismus

Über „Love Mobil“ und die Dimension der Gewalt gegen Sexarbeiter*innen in Bezug auf die Morde in Atlanta.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @hurentheorie.

Text: Christian Schmacht
Illustration: EL BOUM

Relaxen nach der Sexarbeit war nie wichtiger. Die Kund*innen sind noch komplizierter, weil sie durch Corona langsam am Rad drehen, mensch selbst ist nervös wegen Kriminalisierung und Ansteckungsgefahr und ich persönlich bin sowieso einfach nur exhausted. Aber was kriege ich von Netflix, Patronin der stumpfen Entspannung? Eine humorvoll überspannte Krimiserie über Prostituierte namens „Sky Rojo“, von den Leuten, die auch „Haus des Geldes“ kreiert haben. In Wirklichkeit ist die Serie ein Lehrbuch des Hurenstigmas. Die Frauen werden durchwegs sexualisiert gezeigt. Besonders in Gewalt- und Zwangssituationen werden ihre Körper erotisiert und ihre Charaktere misogyn und klassistisch verhöhnt. Die erste „Dead Hooker“, also die Trope der toten Prostituierten, die in keinem hurenfeindlichen Werk fehlen darf, erleben wir schon in Episode eins. Auch sonst fehlt es an nichts: Gewalt, Drogenkonsum und naive Nutten in Sexkostümen, die Folge für Folge gequält, erniedrigt und sexualisiert werden. Ihre scheinbare Selbstbefreiung gelingt nur, weil eine der Frauen nicht nur Prostituierte ist, sondern auch was im Kopf hat – nämlich ein abgeschlossenes Studium. Puh, zum Glück. (Sarkasmus!) Wer diese Kolumne kennt, merkt es schon – die Serie erzählt einen SWERF-Epos* zum Verlieben. Aber dafür ist Netflix ja auch da – nimm alles, was an unserer Welt problematisch ist, und schlachte es aus.

Anderes erwartet mensch vom Format Dokumentarfilm in den Öffentlich-Rechtlichen. Doch nun stellt sich raus, dass die preisgekrönte Sexarbeit-Doku „Love Mobil“ von der Regisseurin Elke Margarete Lehrenkrauss ein Fake ist. Ein Großteil der Szenen ist geskriptet, die Mehrheit der Protagonist*innen sind weder Sexarbeitende, Zuhälter oder Freier, sondern Schauspieler*innen. Lehrenkrauss unterließ es, ihre Darsteller*innen, ihren Auftraggeber NDR sowie ihr Publikum über diese Tatsachen zu informieren. In einer Recherche von „STRG F“ findet Mariam Noori heraus, dass die Schauspieler*innen überrascht bis unglücklich damit sind, nun der ganzen Welt als Prostituierte bzw. Zuhälter bekannt zu sein. Sie dachten, sie seien für einen fiktiven Spielfilm gecastet worden. Darüber hinaus erfand die Regisseurin kurzerhand einen Zuhälter, einen Polizeieinsatz und eine „Dead Hooker“ für die Dramaturgie ihres Films. Lehrenkrauss selbst verteidigt ihr Vorgehen – ihre Darstellung sei eben authentischer als die Realität. Hat sie zu viel „Sky Rojo“ geguckt?

Als abgebrühte Hure denkt mensch sich bei solchen Storys eigentlich nur noch LOL. Thema LOL – Lichtblick in diesen Tagen ist einzig der neue Song „Lola“ von Nura, die sich gewohnt hurensolidarisch im Video mit echten Sexarbeiter*innen zeigt und aus der Perspektive der Stripperin Lola singt.

Der heitere Teil dieser Kolumne ist vorüber.

Eine Zuspitzung von Hurenfeindlichkeit und Rassismus mussten wir im März in den USA beobachten. Ein weißer cis Mann erschoss acht Menschen, sechs davon asiatische Frauen, in einer Serie von Angriffen auf Massagesalons.

Ihre Namen sind Hyun Jung Grant, Xiaojie Tan, Delaina Ashley Yaun, Daoyou Feng, Soon C. Park, Yong Ae Yue und Suncha Kim sowie Paul Andre Michels. Ihnen gilt meine Trauer und Solidarität.

Ich weiß nicht, wer von diesen Menschen Sexarbeiter*innen waren, und das geht mich auch nichts an. Es ist wahrscheinlich, dass einige Massagearbeiter*innen in den angegriffenen Salons auch sexuelle Dienstleistungen verkauften, andere wiederum nicht. Im Freierforum RubMaps finden sich jedenfalls Einträge, die auf die Existenz von Sexarbeit in den betroffenen Salons schließen lassen. Außerdem waren sie im Fokus von Anti-Prostitutionseinsätzen der örtlichen Polizei[1]. Der Täter, selbst Kunde, entschied sich, Menschen anzugreifen, die er für Sexarbeiter*innen hielt. Hurenfeindlichkeit ist immer auch vermischt mit Rassismus und Klassismus, und die asiatischen Massagearbeiter*innen waren von allen drei Marginalisierungen betroffen. Esther K, von der Sexarbeiter*innen-Selbstorganisation Red Canary Song bringt es im „Guardian“ auf den Punkt: „Die Vermischung von Massagesalons und Sexarbeiter*innen ohne jede Nuancierung ist ein Merkmal von anti-asiatischem Rassismus gegen asiatische Frauen“.[2] Dieser Rassismus hat eine lange Geschichte und ist eng verknüpft mit zwei stereotypen, diskriminierenden Frauenbildern, die tief in die nordamerikanische und europäische Kulturproduktion eingeschrieben sind. Demnach ist eine asiatisch gelesene Frau entweder eine kaltherzige, verführerische Domina oder eine unterwürfige, willige Dienerin, jeweils mit einer ordentlichen Portion orientalistischer Exotifizierung versehen. Diese Tropen finden sich bereits im Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“, der Oper „Madame Butterfly“ und im Musical „Miss Saigon“. Dabei sind diese Kulturprodukte ein Echo des orientalistischen Blicks Marco Polos, der im 14. Jahrhundert seinen asiatischen Reisereport erdichtete.

Und um es nicht unbenannt zu lassen: Diskriminierung und Gewalt erfahren asiatische Sexarbeiter*innen auch in Deutschland. Zuletzt bei Razzien in Berlin, Hamburg und Schleswig-Holstein, u. a. gegen Bordelle, in denen vietnamesische Migrant*innen arbeiteten. Mit der typischen Mischung aus Lust und Empörung bleibt die Berichterstattung dabei, von Menschenhandel und Zwangsprostitution zu sprechen, ohne dass auch nur eine Stimme von Betroffenen gehört wurde, um diese Deutung zu verifizieren.

Das Hurenstigma trifft nicht nur die, die Huren sind, sondern auch die, die für Huren gehalten werden. So berichteten nach dem Anschlag viele Menschen, die Sexismus und antiasiatischen Rassismus erfahren, auf Twitter von ihren Erfahrungen mit meist weißen Männern, die sie für Sexarbeiter*innen, also für willig und verfügbar, gehalten und dementsprechend belästigt haben. Das Hurenstigma gegen asiatische Menschen geht so weit, dass in Deutschland fast jeder Salon, der reguläre Thai-Massage anbietet, mit Schildern darauf hinweisen muss, dass an diesem Ort keine Sexarbeit angeboten wird. Bei einer Physiopraxis, in der weiße, deutsche Menschen arbeiten – nicht vorstellbar.

Der antiasiatische Rassismus, der seit Ausbreitung der Coronapandemie zunimmt, reicht nicht als alleinige Erklärung für die Morde. Der Täter, gläubiger Christ und selbst bezeichneter Sexsüchtiger, sagte aus, er habe die Frauen bestrafen wollen, da sie ihn in Versuchung führten. Damit klingt er wie eine Mischung aus rechtem Incel und europäisch-mittelalterlichem Hexenjäger. Berichten zufolge hatte er vor, nach seinen Morden in den Massagesalons, in den Bundesstaat Florida zu fahren und dort „die Pornoindustrie“ zu attackieren. Bevor er dies in die Tat umsetzen konnte, wurde er gestellt und verhaftet.

* SWERF = Sex Work Exclusionary Radical Feminism