Wenn das Hochstapler*innen-Gefühl kickt

Kolumnist*in Juri Wasenmüller schreibt über Fragen und Zweifel in öffentlichen Outingprozessen.

Profilfoto Juri Wasenmüller

Juri Wasenmüller
Juri Wasenmüller schreibt als freie*r Autor*in über Queerfeminismus, Klassismus und postsowjetische Migration. Zuletzt erschien dazu ein Beitrag im Sammelband "Solidarisch gegen Klassismus" bei Unrast. Auf twitter und instagram ist Juri unter @ju_wasn zu finden.

Text: Juri Wasenmüller
Illustration: El Boum

Letzte Woche habe ich auf Social Media mitgeteilt, dass ich privat schon länger nicht mehr mit dem Namen angesprochen werde, der bislang unter meinen Texten stand. Ich benutze den Namen Juri und keine Pronomen bzw. they/them im Englischen. Mit dem Moment des Öffentlichmachens verbinde ich vor allem ein Gefühl von Aufregung und Vorfreude: darauf, ab jetzt unter dem Namen zu schreiben, mit dem ich mich wohlfühle, nicht mehr navigieren zu müssen, in welchen Räumen ich mich wie vorstelle, und bei Jobanfragen am Telefon nicht mehr kurz verwirrt zu sein, wenn ein Name fällt, der kaum noch etwas mit mir zu tun hat.

Outings, Transitionen und Veränderungsprozesse wirken oft wie etwas Abgeschlossenes, wenn sie zu Papier gebracht oder öffentlich mitgeteilt werden. Die vielen Fragen im Davor und Währenddessen werden selten auserzählt. Das Zweifeln daran, ob ich mir wirklich sicher und ab wann ich sicher genug bin, hat mich über viele Monate begleitet. Viele queere, trans, nicht-binäre und inter Personen kennen dieses Gefühl genauso wie die sich einschleichende Unsicherheit, ob es danach noch ein Zurück gibt oder man für immer etwas aufgegeben hat. Wie viele vor mir habe ich mich gefragt, an welchem Gefühl es sich festmachen lässt, dass ein neuer, selbst gewählter Name der richtige ist. Und auch die Endgegner*innenfrage aller Transitions- und Outingprozesse war manchmal da: Vielleicht ist es ja nur eine Phase?

All diese Fragen haben gemeinsam, dass sie nicht endgültig zu beantworten sind. Es gab Momente, in denen der Wunsch in mir aufkam, gar keinen Namen zu haben, auf den irgendetwas projiziert werden kann. Einfach zu sein und that’s it.

Hochstapler*innengefühle bezüglich der eigenen Queerness vermischen sich mit gesellschaftlichem Druck in einer Welt, die patriarchal, cis- und heteronormativ strukturiert ist, in der queere Körper infrage gestellt, pathologisiert, policed* und angegriffen werden.

In Branchen wie im Journalismus oder im Literaturbetrieb, in denen Namen gleichzeitig die eigene Marke sind, kommen weitere Themen hinzu: Verliere ich mit einer Namensänderung meinen Wiedererkennungswert? Schaffen potenzielle Arbeitgeber*innen es, den Link zu meinen früheren Arbeiten zu machen? An welchem Punkt in einer Schreibkarriere ist eine Namensänderung (noch) möglich ?

Anfang des Jahres haben sich 185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans Schauspieler*innen im “SZ Magazin” unter dem Hashtag #actout geoutet. Mit dieser kollektiven Aktion kritisierten sie klischeehafte Rollen im Theater, Film und Fernsehen sowie die immer noch gängige Warnung vor einem Coming-out in der Branche. In einem Manifest mit dem Titel „Wir sind schon da“ heißt es, dass ihnen von Agent*innen, Caster*innen, Kolleg*innen, Produzent*innen, Redakteur*innen, Regisseur*innen usw. geraten wurde, die eigene sexuelle Orientierung, Identität sowie Gender geheim zu halten, um ihre Karrieren nicht zu gefährden. Viele sahen erst in einem Gruppen-Outing die Chance, eine Zurschaustellung persönlicher Coming-outs zu umgehen und gleichzeitig die notwendige Öffentlichkeit zu erzeugen, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen.

Wo es noch wenige öffentliche Beispiele gibt – etwa in der deutschsprachigen Schreibszene –, erhöht sich der Druck für Einzelne, das „perfekte Outing“ hinzulegen, das sie sich selbst als Beispiel gewünscht hätten.

Dass queere, trans, inter und nicht-binäre Personen Outing und Namensänderungen oft über eine lange Zeit mit sich selbst aushandeln und im Zweifel weiter unter Deadnames schreiben und auftreten, liegt an den stereotypen Narrativen, die wir über Transitionen kennen. Es gibt entweder das Narrativ des Kindes, das schon mit zwei Jahren weiß, was seine*ihre „wahre Geschlechtsidentität“ ist, oder das des leidenden queeren Charakters, der*die im „falschen Körper“ steckt. Es ist wichtig, dass diese Geschichten erzählt werden, denn sie sind Teil queerer Lebensrealitäten. Jedoch wird queere Identität viel zu oft auf Gender- und Körperdysphorie reduziert. Der Begriff Dysphorie bezeichnet das körperliche, psychische und soziale Unwohlsein, das aufgrund unterschiedlicher Eigen- und Fremdwahrnehmungen entstehen kann. Dabei steht das pathologosierende Konzept des Leidensdrucks im Vordergrund. Warum muss es einem Menschen aber zuerst unglaublich schlecht gehen, um zu entscheiden, dass es ihm*ihr mit einem anderen Namen, anderen Pronomen oder einem anderen Körperbild einfach besser geht?

Das Narrativ, „keine andere Wahl zu haben“, dient vor allem dazu, queere Geschichten für ein straightes cis-Publikum leicht verdaulich zu machen. Es wirkt beruhigend. Wie sollen die Leute auch damit umgehen, dass sich unsere Geschlechtsidentitäten, Namen, Pronomen und unser Begehren im Laufe eines Lebens ändern können – auch mehrfach –, so wie sich vieles im Leben eben verändert? Eine ziemlich banale Sidenote: In unserer Gesellschaft ändern ständig Menschen ihre Namen, am allermeisten nämlich solche in klassischen Heterobeziehungen, die heiraten. In diesen Fällen kriegen Arbeitsumfeld, Ämter und Familie die Transferleistung, dass Anette Meier jetzt Anette Müller heißt, easy hin. E-Mail-Adressen werden geändert, ein neuer Kontakt im Handy eingespeichert und meist besteht die Reaktion zu dieser Info aus Glückwünschen und geteilter Freude.

Ich habe in den vergangenen Wochen versucht, den Druck aus meiner Namensentscheidung rauszunehmen, indem ich mir immer wieder in Erinnerung gerufen habe, dass Entscheidungen und Momente des Neuanfangs oft ambivalente Gefühle zwischen Unsicherheit und Chance mit sich bringen. Auch Hochstapler*innengefühle kenne ich schon – aus akademischen Kontexten und bei der Frage von Zugehörigkeit in diesem Land. Das Hineinwachsen in neue Rollen ist Teil von Veränderungsprozessen – vor allem solcher, in denen Menschen die Schubladen gesellschaftlicher Strukturen infrage stellen und aufbrechen. Ich weiß, welche Geschichten von Anpassung und Anstrengung die Dominanzgesellschaft von uns erwartet: als Migrant*innen, Bildungsaufsteiger*innen, Queers. Ich bin geübt im Ausloten meiner Performanz in unterschiedlichen Kontexten.

Masha Gessen stellt sich in der Essaysammlung „Leben mit Exil. Über Migration sprechen“ die Frage, wie viel Handlungsmacht Migrant*innen und Queers innerhalb der gesellschaftlich für uns vorgesehenen Strukturen und Narrative haben. Der Band endet mit der Feststellung, dass sich beim Emigrieren die Entscheidung zu gehen selten frei anfühlt, „aber die Entscheidung, neue Weltengegenden (oder veränderte Körper) zu bewohnen, erfordert Vorstellungskraft“.

Ich wünsche mir, dass es in Zukunft einfacher wird, in neue Orte, Körper, Namen und Pronomen hineinzuwachsen, dass wir Labels und Selbstbezeichnungen ausprobieren, passende für uns finden oder auch alle ablehnen können. Und dass es dabei primär darum geht, was uns guttut, und nicht darum, ob es uns schlecht genug ging, um Entscheidungen treffen zu dürfen.

* policed = wird von Vanessa Thompson als „poliziert“ benutzt. In der Kolumne wird der Begriff als „überwachen“ übersetzt.