Was macht ihr da?

Opfer sexualisierter Gewalt müssen endlich ernst genommen werden, schreibt unsere Kolumnistin.

20.04.21 > Sibel Schick
Profilfoto Sibel Schick

Sibel Schick
ist 1985 in der Türkei geboren und wohnt seit 2009 in Deutschland. Seit 2016 arbeitet sie als freie Autorin, Journalistin und Social-Media-Redakteurin. In ihren Texten provoziert sie gern und bezeichnet sich als ein "offenes, peinliches Buch". Auf Twitter und Instagram ist sie als @sibelschick unterwegs.

Text: Sibel Schick
Illustration: Judith Weber

tw: sexualisierte Gewalt

Schon wieder diskutieren wir über sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch aus dem traurigen Grund, dass diese passieren. Die mutmaßlichen oder tatsächlichen Täter*innen sind auch hier in überwiegender Mehrheit cis Männer. Die Opfer in der Regel nicht. Diejenigen, die sie mundtot machen, indem sie Betroffenen in den sozialen Netzwerken und in traditionellen Medien direkt oder unterschwellig Lügen vorwerfen, sind ebenso überwiegend cis Männer.

Bei Diskussionen um sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch geht es vor allem um eines: die Strukturen sichtbar zu machen, damit wir daraus Schutz- und Präventionsmaßnahmen entwickeln können. Das Ziel ist, alle Menschen vor Gewalt und Diskriminierung zu schützen, alle Menschen gleichzustellen.

Alle, die Betroffenen pauschal nicht glauben und Lügen und so weiter unterstellen: Wenn ihr Betroffene angreift, damit sie nicht mehr über sexualisierte Gewalt sprechen – was macht ihr da? Warum wehrt man sich gegen eine solche Selbstverständlichkeit, dass niemand Gewalt erleben muss?

Der Verdacht liegt nahe: weil man ein Interesse darin hat, dass alles bleibt, wie es ist. Weil man von heutigen Zuständen profitiert. Weil man bestimmte Menschenfeindlichkeiten verinnerlicht hat und das nicht reflektiert. Weil man Teil des Systems sein möchte, es ist nämlich bequemer. Weil man von gewalttätigen cis Männern Schulterklopfen bekommen möchte. Das alles gibt es bedauerlicherweise.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es überhaupt eine von strukturellem Sexismus betroffene Person in dieser Welt gibt, die Diskriminierungserfahrungen nicht selber machen musste. Ich wette meine Niere, dass alle, die potenziell von Sexismus betroffen sind, auch schon mal tatsächlich betroffen waren. Dennoch schreien Menschen „Unschuldsvermutung“, sobald betroffene Personen über erfahrene Gewalt sprechen.

Das muss enden: Gewalt relativieren und auf eine Befindlichkeit reduzieren, Menschen die eigene(n) Erfahrung(en?) absprechen und ihre Zurechnungsfähigkeit infrage stellen, Betroffenen Lügen unterstellen. Und damit das enden kann, müssen sich auch cis Männer aktiv dagegen wehren. Hierbei geht’s mir viel weniger darum, ob sich ein cis Mann als Feminist oder profeministisch bezeichnet – Hauptsache, er leistet die Arbeit!

Sexualisierte Gewalt ist real. Auch in Fällen ohne Verurteilung ist es wahrscheinlicher, dass sie passiert ist, als andersrum. Wie kann ich so sicher sein, fragt ihr? Schauen wir uns die Statistiken an: Laut dem Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland werden nur 8,4 Prozent der wegen sexualisierter Gewalt angezeigten Menschen verurteilt. Und nur fünf bis 15 Prozent der Vergewaltigungen werden überhaupt zur Anzeige gebracht. Krass, oder?

Dass die Dunkelziffer so hoch ist, kann nicht nur daran liegen, dass es schwierig ist, über erfahrene Gewalt zu sprechen, weil das Thema schambesetzt ist. Es liegt auch daran, dass den betroffenen Menschen, die darüber sprechen, mit einer enormen Gewalt- und Hasswelle begegnet wird. Sie erleben Gewalt, wollen darüber sprechen und werden noch einmal mit Gewalt zum Schweigen gebracht. Das soll sie einschüchtern und letztendlich verhindern, dass über erlebte Gewalt gesprochen wird. Es reicht.

Das Thema sexualisierte Gewalt geht uns alle an. Auch cis Männer und Kinder sind davon betroffen. Unser Umgang mit sexualisierter Gewalt muss sicherstellen, dass wir den Betroffenen vermitteln, dass sie sprechen können, ohne Sanktionen zu fürchten. Dass wir ihre Schilderungen ernst nehmen und ihnen nachgehen. Dass sie nicht schuld daran sind, Gewalt ausgesetzt worden zu sein, und dass das nicht an ihnen und ihrem Verhalten liegt. Wir müssen ein Sicherheitsnetz schaffen, um Betroffene vor weiteren Gewalttaten zu schützen. Vor allem müssen wir gemeinsam eine Zukunft aufbauen, in der Empathie für die Täter*innen und Täter*innenschutz keinen Platz haben. Die Empathie verdienen vor allem die Betroffenen. Wir müssen Gewalt gesellschaftlich und juristisch, und zwar mit allen Mitteln des Rechtsstaats, sanktionieren bzw. bestrafen. Nur so können wir Menschen davor schützen und ungleiche Machtverhältnisse beseitigen. Es ist an der Zeit.