Verstricktes Begehren

Dating ist für unsere Autorin nicht so wichtig.

10.05.21 > Sex & Beziehung

Von Marie Minkov
Illustration: Zora Asse

Der Einladung zu meinem ersten Date mit 17 habe ich aus Höflichkeit zugesagt und meine Mutter mitgenommen, um möglichst wenig mit ihm reden zu müssen. Es gibt kaum eine Phase im Datingprozess, die ich nicht unangenehm finde: aufeinander aufmerksam werden, Interesse bekunden, kennenlernen, sich annähern. Und am Ende die Frage: Warum das Ganze eigentlich?

Wenn Menschen meine eineiige Zwillingsschwester und mich fragen, ob wir uns gut verstehen, müssen wir lachen. Natürlich. Doch so gut wir uns verstehen, so schlecht verstehen wir uns mit anderen. Bereits als Kinder fiel es uns schwer, mit anderen zu

 

 

kommunizieren. Es war seltsam, wie sie die Dinge nicht auf Anhieb verstanden, wie anders ihre Gehirne programmiert waren. An Personen, die wir neu kennenlernten, hatten wir unrealistisch hohe Ansprüche. Wir waren daran gewöhnt, mit einer Person Zeit zu verbringen, die komplett auf uns abgestimmt ist. Freundschaften? Okay. Aber Dating? Schwierig.

Wenn wir anfangen, jemanden zu daten, bedeutet das, dass wir einander weniger Nachrichten am Tag schreiben, öfter abgelenkt sind, vielleicht nicht immer zuhören. Als das zum ersten Mal bei mir der Fall ist und ich eine Woche später mit meiner Schwester in einem Bett schlafe, sagt sie: „Du kuschelst irgendwie anders als sonst.“ Manchmal reden wir darüber, ob wir einander unsere Partner*innen vorstellen würden, auch wenn das bedeutet, in unserer Individualität gekränkt zu werden.

Missy Magazine 03/21 - Sex-Kommentar
© Zora Asse

Wenn mich jemand für meine Eigenarten begehrt und meine Schwester genau dieselben Eigenarten aufweist, würde ich mich daran gewöhnen können? Aber dazu kommt es erst gar nicht. Denn warum sollte ich mir den Aufwand machen, eine*n Partner*in zu suchen, wenn meine Seelenverwandte schon seit meiner Geburt mit mir abhängt? Die naheliegende Antwort: weil es Dinge gibt, die man nur aus romantischen oder sexuellen Beziehungen erlangen kann. Aber genau da liegt der Haken. Jahrelang suchte ich nach dem Verlangen in mir, das die Menschen um mich herum antreibt. Dem Verlangen nach Nähe, nach Körperlichkeit, nach Partnerschaft.

Meistens verorte ich mich auf einem asexuellen/aromantischen Spektrum. Manchmal frage ich mich aber auch, ob ich einfach Angst vor Nähe oder Ablehnung habe. Dass ich eine sichtbare Behinderung habe, macht diese Diagnose für mich und für andere naheliegend, als müsse die Scham um meinen Körper gezwungenermaßen so groß sein, dass ich andere Menschen an ihm nicht teilhaben lassen kann.

Es stimmt, dass ich meinen Körper tendenziell in einem medizinischen Kontext wahrnehme. Schließlich musste ich mich öfter vor Ärzt*innen als vor irgendwelchen anderen Menschen ausziehen, wurde öfter zu medizinischen Zwecken als zu sexuellen zwischen den Beinen berührt. Es stimmt auch, dass ich Onlinebekanntschaften meistens nicht mehr antworte, wenn es um die Frage nach dem Treffen geht, weil ich nicht weiß, wie ich, ohne die nervigen Reaktionen aushalten zu müssen, von meiner Behinderung erzählen soll.

Andererseits habe ich aber eben auch einfach keine Lust auf Sex und zu diesem Zeitpunkt keine Bedürfnisse, die es nötig machen würden, jemanden kennenzulernen. Wenn ich meine Schwester frage, wie es bei ihr ist, zuckt sie mit den Schultern. Das Schöne an Sexualität ist, dass man sich nicht entscheiden muss.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/21.

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