Lernen und Heilen

Wo Sexarbeit momentan illegal ist, schenkt eine Anthologie unserem Kolumnisten Hoffnung.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @hurentheorie.

Text: Christian Schmacht
Illustration: EL BOUM

In Deutschland unbemerkt erschien im Frühjahr eine komplexe Anthologie, die von sexualisierter Gewalt in der Sexarbeit erzählt. In „We too. Essays on sex work and survival“ berichten bekannte, unbekannte und anonyme Stimmen aus dem US-amerikanischen Raum von ihren Erfahrungen. Betroffene sind Sexarbeiter*innen, die Täter*innen sind Polizisten, Kunden, Beziehungspartner*innen, Familienmitglieder oder Kolleg*innen am Arbeitsplatz. Das Buch, das von den Sexarbeiter*innen Natalie West und Tina Horn herausgegeben wird, teilt sich in die Kapitel Stigma, Staat, Arbeitsplatz, Familie, Überleben und Heilung. Aus marginalisierter wie aus privilegierter Perspektive geht es um die Hurenbewegungen ebenso wie um die Erfahrung von Einsamkeit als sexarbeitende Person. Perlen sind Namen wie Jacqueline Frances Sawatsky, die das Cover designt hat, die bekannten Porn-Performer*innen Cyd Nova und Arabelle Raphael sowie Ikonen des Sexwork-Twitters femi babylon und Rebelle Cunt. Jeder einzelne Aufsatz ist lesenswert, ob von berühmten oder weniger berühmten Autor*innen verfasst, und in ihrer Gesamtheit ergeben sie ein Kaleidoskop an Geschichten, das hoffentlich viele ähnliche Buchprojekte inspirieren wird.

Einige Schilderungen offenbaren die Strafverfolgungsbehörden als aktive oder strukturelle Verursacher*innen der Gewalt. Da die Essays von Sexarbeiter*innen aus den USA geschrieben wurden, wo Sexarbeit kriminalisiert wird, berichten alle aus der Perspektive der Illegalisierung. Sexarbeiter*innen landen dort meist direkt im Knast, wenn sie bei der Arbeit erwischt oder als Sexworker überführt werden.

In Deutschland hat das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz 2017 die Kolleg*innen gespalten: Es gesteht einigen die legale Arbeit zu, wenn sie eine Arbeitserlaubnis haben sowie steuerlich gemeldet, krankenversichert, psychologisch begutachtet und mit Hurenpass als Prostituierte registriert sind. Als informelle Arbeit, die Menschen ohne Ausbildung oder Studium möglich ist und in der Bargeld und Anonymität vorherrschen, wird Sexarbeit von Menschen genutzt, die ihr Geld ohne Anmeldung und Bürokratie verdienen wollen. Wer die zahlreichen Regeln und Meldeauflagen bricht, betreibt die Arbeit illegal. Präsent sind in Deutschland Narrative, in denen der Staat vielleicht in Form von Finanz- oder Gesundheitsamt auftritt, aber nicht als ausführende Gewalt. Sexarbeiter*innen im Knast gibt es aber auch hier. Nur dürfen diejenigen, die verhaftet werden, nicht sprechen. Sie sind nämlich Opfer, die die Polizei vor Menschenhandel gerettet hat, oder Kriminelle, denen, wie im Fall von Rapperin Schwesta Ewa, selbst Menschenhandel vorgeworfen wird.

Diese Spaltung in gesetzeskonform und -unkonform hat sich seit dem Frühjahr 2020 mit dem Beginn der Pandemie verändert. Aktuell sind alle sexuellen Dienstleistungen verboten, ausgenommen Internetarbeit. Wir leben im Zustand der kompletten Illegalität. Nicht nur in diesem Licht haben die Essays in „We too“ absolute Relevanz für den deutschsprachigen Raum.

„Looking for that perfect job? Something that will give you access to hot babes who are always available?“[1] In „Undercover Agent“ formuliert Norma Jean Almodovar eine überspitzte Jobbeschreibung, in der Männer gesucht werden, die als Scheinfreier für die Polizei arbeiten wollen. Auch in Deutschland werden in einigen Städten seit 2020 Scheinfreier eingesetzt, um Sexdienstleister*innen beim Bruch der Corona-Regeln zu erwischen. Das bedeutet, jemand, oder ein Polizist[2], posiert als Kunde, vereinbart ein Date mit einer Person, die Sexdienstleistungen anbietet, und überführt sie so der illegalen Aktivität. Eine Mausefalle. Sexarbeiter*innen wurden mit Bußgeldern von 800 Euro bis 2000 Euro belegt, im Fall von drei albanischen Migrantinnen in NRW wurden die Sexarbeiter*innen außerdem festgenommen.

Almodovar erklärt die problematischen Layer dieser Praxis und die dahinterliegenden Gesetze, die sie ermöglichen. Denn in den USA können Ermittler*innen tatsächlich erst „Sex“ gegen Geld mit einer Person haben und sie hinterher für genau diese Tätigkeit verhaften. Aus diesem Grund habe ich Sex in Anführungszeichen gesetzt. Die Praxis der Scheinfreier ist eine Form der sexualisierten Gewalt. Denn Geld ist nicht die einzige Bedingung für den Konsens mit den Sexarbeiter*innen. Die Transaktion ist auch konsensual, weil wir davon ausgehen, dass der andere ist, wer er sagt: ein Mensch, der Sex mit uns haben möchte und that’s it. Wüssten wir, dass er uns danach verhaften wird, würden wir nicht mit ihm schlafen. Ein Scheinfreier täuscht falsche Tatsachen vor und überschreitet unsere körperlichen und psychischen Grenzen. Dazu kommt die Entwendung des Lohnes – oder wer glaubt, dass der*die Sexarbeiter*in die vereinbarte Bezahlung noch behalten darf? Es ist Vergewaltigung, nicht metaphorisch, sondern real, staatlich verordnet, von Steuergeldern bezahlt. Erlaubt ist dies, anders als in den USA, in Deutschland bisher nicht. Ob Polizist*innen immer nur das tun, was erlaubt ist, steht auf einem anderen Blatt.

Der Staat ist im Übrigen, wie bereits bei den Prostituierten, die 1975 die Kirche im französischen Saint-Nizier besetzten, „der größte Zuhälter“. Sie analysierten, dass Gesetze, die Sexarbeiter*innen mit Bußgeldern belegen, diese erst recht in die Sexarbeit drängen.
Mit den Corona-Bußgeldern verschärft sich dieses Gefüge. Denn wenn das Bußgeld verhängt ist, will es bezahlt werden. Und wovon? Welche Person, die während Corona ackern gehen muss, hat die 800 oder 2000 auf Tasche? Ich jedenfalls nicht. Was muss ich oder mensch oder maus also tun, um die Euronen ranzukriegen? Weiter ackern. Noch mehr Sex verkaufen, in kürzerer Zeit. Höhere (Corona-)Risiken eingehen, niedrigere Sicherheitsstandards in Kauf nehmen. Danke für nichts @ Deutschland.

Mindblowing in „We too“ ist, vor allem für Menschen, die selbst keine oder wenige Erfahrungen in der Welt des Rotlichts haben, der Mut zur Nuance. Ashley Paige berichtet in „That Sliver of Light“ von ihrem Leben mit einem Zuhälter, für den sie auch arbeitet. Allein diese Geschichte bricht ein Tabu. Zu normalisiert ist die Attitüde pressefreundlicher Kolleg*innen, die beteuern: „Ich habe keinen Zuhälter!“ Gerne garniert mit: „Und ich nehme auch keine Drogen!“ Hurenhierarchie 101. Aber es gibt nicht nur jene Menschen, die mit Sexarbeit eine selbstbestimmte Karriere machen. Die Gewalt zu verschweigen lässt sie nicht verschwinden. In Paiges Fall war die Entscheidung, mit einem Zuhälter zu arbeiten, freiwillig, und dennoch erlebte sie von ihm psychische Gewalt. Paige schließt ihren Essay mit der Feststellung: „If you survive it, it’s over – versus having to experience abuse again and again, not being able to get out of it because you need the paycheck, and it’s the only paycheck you can get.“[3] Mit dem Paycheck bezieht sie sich auf Jobs im Angestelltenverhältnis, in denen Gewalt normalisiert ist und die Lohnarbeitenden jeden Tag aufs Neue zu den Täter*innen zurückkehren müssen und von ihnen abhängig sind. Im Gegensatz dazu ist die Gewalt, die Kund*innen einer Person in der Sexarbeit antun, schnell vorbei und mensch muss ihnen nie wieder begegnen.

Diesen Text zu lesen war für mich wie Aufatmen. Er ist, wie die gesamte Anthologie, zu komplex, um in einer einzigen Kolumne durchgenudelt zu werden. Beim Lesen von „We too“ erlebte ich viele Momente des Aufatmens. Aufatmen, weil ich spüre: Wenn für diese Geschichte Platz ist, dann ist auch für meine Platz. Je mehr Space andere für sich erschaffen, desto mehr Space gibt es auch für mich.

Der Essay „How to Build a Hooker’s Army“  von Vanessa Carlisle schließt den Band mit einer kollektiven Handlungsperspektive. Darin wird eine Kritik an normativen Selbstverteidigungskursen erörtert und der Aufbau von HALA – Hooker’s Army Los Angeles geschildert. HALA verbindet Erfahrungen und Kenntnisse von Trauma, Sexarbeit, intersektionalen Diskriminierungserfahrungen mit körperlicher Selbstverteidigung und hält den Raum, sodass für jede anwesende Person Space ist, zu lernen und zu heilen.


[1] „Suchst du den perfekten Job? Willst du Zugriff auf heiße Babes haben, die dir immer zur Verfügung stehen?“

[2] Bislang sind nur Männer bekannt.

[3] „Wenn du es überlebst, dann ist es vorbei – im Gegensatz zu Gewalt immer und immer wieder erleben zu müssen, nicht rauskönnen, weil es dein Monatslohn ist, und es ist das einzige Einkommen, das du kriegen kannst.“