Zwischen mehreren Stühlen

Die Narrative der Dominanzgesellschaft über queeres (post-)migrantisches Leben sind voll von Stigmatisierung.

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Juri Wasenmüller
Juri Wasenmüller schreibt als freie*r Autor*in über Queerfeminismus, Klassismus und postsowjetische Migration. Zuletzt erschien dazu ein Beitrag im Sammelband "Solidarisch gegen Klassismus" bei Unrast. Auf twitter und instagram ist Juri unter @ju_wasn zu finden.

Text: Juri Wasenmüller
Illustration: El Boum

Für Geschichten über (post-)migrantisches Leben wird oft das Bild des Zwischen-den-Stühlen-Sitzens benutzt. Dabei geht es fast nie um nur zwei Stühle. Meistens ist da ein ganzer Stuhlkreis – so wie damals im deutschen Kindergarten. Dir wird ein Platz zugewiesen, irgendwann bist du mit dem Sprechen dran. Und dann wird es stressig, denn was sagbar ist und was nicht, hängt davon ab, wer auf den anderen Stühlen sitzt und zuhört und welche Erzieher*innen gerade Dienst haben.

Ich hatte in letzter Zeit viele Gespräche mit queeren Freund*innen über die Beziehungen zu unseren Eltern. Diese Erlebnisse und Geschichten spielten meist in migrantischen Haushalten, die Gespräche zwischen den Generationen fanden oft nicht auf Deutsch statt und die Nuancen in den Reaktionen lassen sich nur bedingt übersetzen. Manchmal spricht auch das Nicht-Sprechen für sich. Manche haben sich vor ihren Eltern geoutet, manche nur vor einzelnen Personen in der Familie, andere gar nicht. Bei manchen denkt sich die Familie ihren Teil und fragt nicht weiter nach, manche Mütter warten noch immer auf die ausschweifende traditionelle Hetero-Hochzeit. Manche stellten ihre Partner*innen vor, manche denken darüber nach, es bald zu tun, anderen haben keinen Kontakt mehr zur Familie. Irgendwann in diesen Gesprächen kommen wir dann meistens an den Punkt, an dem wir uns einig sind, dass wir diese Geschichten in weiß-deutschen queeren Kreisen so niemals erzählen würden.

Denn: Ohne Raum für die Komplexität und Unterschiede der Erfahrungen, wird aus queeren migra-Stories meist eines der beiden Narrative herausgehört: Entweder kamen queere Migrant*innen aus repressiven Kontexten nach Europa, um hier frei leben zu können. Oder junge Queers brechen aus ihren homofeindlichen migrantischen Familien aus, um in einer deutschen Großstadt endlich out und proud zu sein. Bürgerliche weiße deutsche Heteros stellen sich mit der schützenden Rainbowflag zwischen Migrant*innen und ihre queerfeindlichen Herkunftsfamilien- und länder. Haben sie genauso viel darüber nachgedacht, wie smooth ein Outing in einem katholischen bayrischen Dorf wohl läuft?

Wie auch in den aktuellen Debatten um „importierten Antisemitismus“ oder „importierte Misogynie“, etwa in der Berichterstattung über die Kölner Silvesternacht, wird das Thema Queerfeindlichkeit externalisiert und auf Migrant*innen sowie Länder des Globalen Südens und ehemaligen Ostblocks projiziert.

Queerfeindlichkeit ist aber leider überall mehr Normalität als Abweichung.

 

Zurück zu meinen Gesprächen der letzten Wochen: Anstatt uns einfach nur über unsere Erfahrungen auszutauschen, ist unser Sprechen und vor allem die Frage, mit wem wir sprechen, ein ständiges Navigieren zwischen Abgrenzung von stereotypen Narrativen und – sobald wir aus geschützten Räumen heraustreten – Verantwortungsgefühl für die Diskurse der Dominanzgesellschaft. Wie können migrantische und BIPoC Queers über Gewalterfahrungen in den eigenen Communitys sprechen, ohne dass diese Geschichten aufgegriffen und rassistisch instrumentalisiert werden? Wie können Menschen sich um sich selbst kümmern und Trauma verarbeiten, wenn sie sich gleichzeitig an mehreren diskursiven Fronten abarbeiten?

Es bleibt ein Dilemma, das ich persönlich vor allem aus postsowjetischen migrantischen Kontexten kenne. Queerness und „der Osten“ scheint für ganz unterschiedliche Seiten eine unvereinbare und unmögliche Kombi. Teilweise spricht die eigene migrantische Community in Deutschland LGTBIQs die Zugehörigkeit ab. Oft kommt hinterher noch der Vorwurf, Queerness sei ein Ausdruck davon, zu viel Zeit in „Gayropa*“ verbracht zu haben. Wer nicht mit der Gewissheit aufgewachsen ist, dass einer*m alles zusteht, wo Anpassung das Credo zum Erfolg war, für wen die Angst davor, nirgendwo einen Platz zu haben, real ist, wer immer wieder eingeholt wird von Schuldgefühlen und dem Druck, familiäre Erwartungen nicht zu erfüllen, überlegt sich zweimal, ob ein Outing infrage kommt und das Richtige ist.

Gleichzeitig ist es anstrengend, wenn weiße Deutsche mit Überraschung bis Unglauben reagieren, wenn queere Postosts eine gute Beziehung zu Verwandten haben und die Verbindung zu Orten der Familiengeschichte aufrechterhalten. Mit dem dominanzgesellschaftlichen Blick von West nach Ost können Queers es in ihren postostmigrantischen und oft ökonomisch prekären, nicht-akademischen und teilweise religiösen Familien nur schwer haben. Rassismen vermischen sich mit Klassismus und Antislawismus. Die erwartete Geschichte ist eine darüber, wie schlimm es im gesamten Ostblock sei:

Ja, in Russland gibt es seit 2013 ein Gesetz gegen sogenannte homosexuelle Propaganda. Ja, in Polen wurden in den letzten Jahren sogenannte LGBT-ideologiefreie Zonen ausgerufen. Ja, in Ungarn wurden den Genderstudies 2018 die Akkreditierung per Regierungsdekret entzogen.

Wie können Queers in der Diaspora über diese Realitäten und Repressionen sprechen, ohne queere Geschichte und Aktivismus an diesen Orten unsichtbar zu machen? Und wie können Queers/Betroffene verhindern, dass rassistische Ohren wieder ganze Gesellschaften als per se und essenziell homofeindlich einordnen?

Es ist nur möglich, über all diese Fragen zu sprechen, wenn wir anstelle des von Anfang an nervigen dominanzgesellschaftlichen Stuhlkreises Menschen um uns herum haben, mit denen es im gleichen Gespräch möglich ist, über schmerzhafte Brüche zu trauern und sich über verständnisvolle Reaktionen oder das Wieder-Zueinanderfinden zu freuen. Die verstehen, was es bedeutet, aufgrund der Identität oder Sexualität gehen zu müssen. Die fühlen, wie schmerzhaft es ist, wenn Eltern so sehr damit beschäftigt waren, in Deutschland anzukommen und zu arbeiten, dass für grundsätzliches Hinterfragen kein Raum war – und die dennoch nicht wegreden, wie weh es tut, von der Herkunftsfamilie nicht gesehen zu werden. Die bei positiven und liebevollen Reaktionen aus der Community nicht denken, diese hätten wir der Integration in die deutsche Gesellschaft zu verdanken. Die verstehen, dass Queerfeindlichkeit ein strukturelles Problem und nicht eines migrantischer Familien oder Gesellschaften außerhalb Europas ist.

Im Redigat dieses Textes kam die Frage auf, wie ich mir einen solchen Begegnungsraum vorstelle. Als saferspace für migrantische, migrantisierte und BIPoC Queers oder als utopischen offenen Raum, in dem weniger Privilegierte weder tokenisiert noch in Erklärrollen gedrängt werden? – Ich weiß es nicht.

Anmerkungen:
* In Russland wird der Begriff „Gayropa“ verwendet, um queeres Leben als „westlichen Einfluss und Propaganda“ darzustellen.