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Spät zünden

Unsere Kolumnistin findet: Nehmt mal Dampf raus! Und freut sich auf ihr Buchdebüt mit fünfzig.

12.07.21 >

Von Nadia Shehadeh
Illustration: Antimimosa

Ich habe ja schon viel in dieser Kolumne behauptet. Z. B., dass Ehrgeiz überbewertet ist und dass Rosamunde Pilcher Bücher geschrieben hat, die wirklich gut und unterhaltsam sind. Und beides hat natürlich etwas mit mir zu tun, weil mir das Missy Magazine erlaubt, hier alle zwei Monate eine ganze Seite vollzuschreiben. Danke, liebes Missy-Team! Und

jetzt, wo wir uns alle besser kennen, kann ich euch auch endlich ein Geheimnis verraten: Ich bin nämlich eine Old Lady, auch wenn ich mir einbilde, dass meine Skin-Care-Routine etwas anderes über mich aussagt.

Denn als ich vor zwei Jahren begann, diese Kolumne zu schreiben, hatte ich schon fast die Vierzig geknackt. Meinen ersten bühnenreifen Text für die Öffentlichkeit schrieb ich sogar erst mit dreißig. Ja, ihr hört richtig, ich hatte schon drei Jahrzehnte Life, eine Ehe, eine Scheidung, mehrere Umzüge, einen Haufen Schulden und mehrere Jobs hinter mir, als ich mich dann doch entschied, es mal wieder mit dem Schreiben zu probieren. Oder, um es genauer zu sagen: als mich diverse Gelegenheiten und Menschen dazu brachten, für ein halbwegs vielversprechendes Projekt die Feder zu zücken.

Missy 04/21 - Kolumne
© Antimimosa

Die Gründe für diese Spätzünderei waren natürlich vielfältig. Zum einen hatte ich bekannterweise schon immer wenig Ambitionen, zum anderen lebe ich immer noch nach der Devise: „Eines Tages, wenn ich nur alt genug bin, wird dies, das und jenes geschehen!“ Mich interessierten immer schon Menschen, die erst im höheren Alter aus ihren Passionen was gemacht haben – obschon die meisten davon wahrscheinlich mehr Durchhaltevermögen als ich hatten. Rosamunde Pilcher ist eine davon. Aber auch: Vivienne Westwood, Sheryl Crow, Naomi Watts. Es gibt viele Menschen, die eben nicht in ihren Zwanzigern durchgestartet sind, sondern vorher einfach was anderes gemacht haben. Gut, damit will ich jetzt nicht behaupten, dass ich irgendwann durchstarte – selbst das Buch, das ich eigentlich schreiben könnte, sehe ich erst in meinen Fünfzigern erscheinen. Aber ihr wisst, was ich meine.

Ich hätte in den letzten elf Jahren, in denen ich jetzt für verschiedene Formate schreibe, auf keiner „30 unter 30“-Liste stehen können, und das ist überhaupt nicht schlimm, sondern sogar relativ komfortabel. Letztens las ich bei einer sehr jungen und bereits renommierten Journalistin auf Instagram, dass sie sich im neuen Redakteurinnenjob „endlich angekommen“ fühle, und ich habe nicht schlecht gestaunt. Mit Anfang zwanzig war ich froh, wenn ich in meinem Uniseminar ankam – das war’s auch schon! Das Schöne an späten Durchbrüchen ist, dass niemand mehr etwas von dir erwartet – am wenigsten du selbst. Alles, was dann noch kommt, ist ein Geschenk. Gut, manchmal führt das auch zu absurden Situationen: Wie etwa letztens, als ich auf einer Veranstaltung als junge Nachwuchsfeministin bezeichnet wurde, obwohl ich weder jung bin noch Neu-Feministin. Anscheinend sollte mein Lebensmodell mit Vollzeitjob und erfüllenden Side-Hustles in meinem Alter kein Ding mehr sein, weil die Leute eher das eine oder das andere machen – also entweder berühmte Schriftsteller*innen sind oder normal malochen gehen.

Spätzünderei ist total unterbewertet – vor allem, wenn man gar nicht vorhat, mit seinen großen und kleinen Passionen durchzustarten. Man kann sich einfach Zeit lassen und darauf vertrauen, dass das, was man tut, auch wirklich Spaß macht – ohne dass man es in jungen Jahren in ein anstrengendes Verwertungsmuster pressen muss. Und manchmal findet man damit auch die eigene kleine Nische, die man befüllen kann – so wie ich sie hier in der Missy gefunden habe.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/21.