Im leeren Raum

Marie Minkov über die Einsamkeit, ohne Community aufzuwachsen und die Wichtigkeit von Zugehörigkeit.

02.09.21 > Marie Minkov
Profilfoto Marie Minkov

Marie Minkov
Marie Minkov arbeitet als freie Autorin und Illustratorin und studiert Literarisches Schreiben in Hildesheim. In ihren Texten befasst sie sich mit Behinderung, Norm und Scham und untersucht das Inklusionspotential autobiografischer Texte.

TEXT: Marie Minkov
ILLUSTRATION: Xueh Magrini Troll

Wenn ich Texte über Feminismus und Behinderung schreibe, fühlt sich das oft an, als würde ich in einen leeren Raum schreien. Ich habe keine Ahnung, wer hinter den Wänden sitzt und zuhört. Ich habe keine Ahnung, ob meine Meinungen mit anderen behinderten Menschen resonieren. Und auch sonst habe ich keine Ahnung, was andere behinderte Menschen über irgendetwas denken. Weil ich kaum welche kenne.

Seit ich den Begriff „Community“ zum ersten Mal gehört habe, wünsche ich mir eine. Dabei weiß ich immer noch nicht so richtig, was eine Community überhaupt sein soll. Ist es die imaginäre Zahl an Menschen auf dieser Welt, die ähnliche Erfahrungen wie ich macht? Sind es die Insta-Follower*innen, die ebenfalls eine Behinderung haben und manchmal mit Flammen-Emojis auf meine Storys reagieren? Sind es behinderte Freund*innen, die in meiner Stadt wohnen, mit denen ich abends im Park sitzen und mich über Diskriminierungserfahrungen austauschen kann?

Wenn wir von Letzterem ausgehen, dann besteht meine Community aus genau einer Person. Als ich Karla im Jahr 2018 das erste Mal während eines WG-Castings durch ein Skype-Fenster sehe, fragt sie: „Wie viele Treppen sind es bis zu eurer Wohnung?“ Und ich denke: So eine Frage stelle sonst eigentlich immer nur ich.

Später sitze ich mit ihr in meiner WG-Küche und tausche mich zum allerersten Mal in meinem Leben mit einer behinderten Person über meine Ableismuserfahrungen aus. Ich bin zu diesem Zeitpunkt 23, lebe seit 15 Jahren mit einer Behinderung, fast zwei Drittel meines Lebens. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob das, was ich erfahre, überhaupt Diskriminierung ist. Von dem Begriff „Ableismus“ hatte ich noch nie gehört.

Karla ist zwölf Jahre älter als ich, sie ist informiert, sie liest Sachbücher, Autobiografien, und wissenschaftliche Texte, schaut Ted Talks über Feminismus und Disability Studies. In den Jahren, in denen wir zusammenwohnen, tauschen wir uns miteinander aus. Unsere Behinderungen sind sehr unterschiedlich, aber viele Erfahrungen, die wir machen, überschneiden sich: Wenn wir es mit kurzen Hosen vor die Tür wagen, werden unsere Beine angestarrt. Auf der Straße werden wir gefragt, „was uns passiert ist.“ Wenn die Haus-WGs im Dachboden, der uns nicht zugänglich ist, eine Party schmeißen, bleiben wir zu zweit unten, kochen Suppe und schauen zusammen Netflix.

Manchmal, wenn wir zu zweit unterwegs sind, frage ich mich, wie wir von außen wirken: Wir sind ein ungleiches Paar, ich sehe jung aus für mein Alter, unser gemeinsamer Zahnarzt hält Karla für meine Mutter. Wenn sie im Rollstuhl sitzt und ich auf Krücken neben ihr herlaufe, stelle ich mir vor, dass die Menschen uns für Bewohnerinnen irgendeines Heims für kranke Menschen halten, die gerade einen Ausflug an die frische Luft machen. Karlas Partner ist in diesem Szenario unser Betreuer, der uns begleitet und den Rollstuhl schiebt. Und wenn Karla auf der Straße aus ihrem Rollstuhl aufsteht, wird sie angestarrt, als sei gerade ein Wunder passiert.

Karla und ich teilen auch die schönen Momente, die stolzen Momente. Ich schicke ihr eine Nachricht, in der ich erzähle, dass ich mich endlich getraut habe, das ableistische Verhalten meines Dozenten anzusprechen. Sie schreibt: „Ich bin sehr stolz auf dich!“ Zum Disability Pride Month bestelle ich uns kleine Buttons, die die Disability Pride Flag ziert, wir pinnen sie an unsere Pullover und schicken uns Fotos.

Vor ein paar Wochen waren wir zusammen Sushi essen, in dieser winzigen Stadt, die Fenster neben unserem Tisch so vollgeregnet, dass man die Straße draußen kaum erkennt. „Du bist die einzige Community, die ich habe“, sage ich. „Und du bist die einzige Community, die ich habe“, antwortet sie.

Was der Kontakt zu einer einzelnen Bezugsperson in mir auslösen wird, ahne ich 2018 noch nicht. Und wie einsam, und vollkommen kontextlos ich mich vor dieser Freundinnenschaft gefühlt habe, wird mir auch erst später klar. Jetzt ist Karla auf Wohnungssuche in Leipzig. Wenn sie etwas gefunden hat, wird sie Hildesheim verlassen. Manchmal habe ich Angst davor, durch ihr Gehen zurück in die Kontextlosigkeit zu fallen. Meistens versuche ich, nicht darüber nachzudenken.

Warum fällt es mir so verdammt schwer, eine Community aufzubauen? Gibt es wirklich so wenige Menschen mit Behinderung in meinem Umfeld? Überraschen würde es mich nicht, da ich mich hauptsächlich in akademischen Räumen bewege, und Menschen mit Behinderung systematisch aus diesen ausgeschlossen werden. Oder gibt es uns doch, es fehlt uns bloß an Räumen, einander zu finden?

Bis ich diese Räume erreiche, existieren sie nur in meinem Kopf. Ich schließe die Augen und stelle mir eine Freund*innenclique vor. Nicht alle davon müssen behindert sein, aber sie müssen sich mit dem Thema auskennen, sensibilisiert sein, vielleicht anderen marginalisierten Gruppen zugehören, und Erfahrungen machen, die sich teils mit meinen überschneiden. Vielleicht würde es schon helfen, wenn sich meine Freund*innen besser informieren, mir bessere Fragen stellen, mich in ihrem linken Aktivismus mitdenken würden, damit ich mich weniger isoliert fühlen könnte.

Manchmal überlege ich, mich mal wieder in eine Reha-Klinik einweisen zu lassen. Nicht, um als neuer, funktionierender Mensch zurück ins Zentrum der Gesellschaft rehabilitiert zu werden, sondern weil ich Lust habe, mal wieder mit einem Haufen körperlich behinderter Menschen durch klebrige Flure zu humpeln. Ein Gebäude, in dem ausschließlich Menschen wohnen, die irgendeine Form von Behinderung, Krankheit oder Verletzung haben, ist ein Ort, an dem ich mich so normal wie nirgendwo sonst fühlen kann.

Ich habe Lust, mit meiner behinderten Zimmernachbarin über das schlechte Essen zu lästern, mit ihr die behinderten Menschen auf unserem Flur nach Attraktivität zu ranken, über die nicht behinderten Therapeut*innen zu lästern. Ich habe Lust, jemandem von meiner Kindheit zu erzählen, und als Reaktion nichts weiter als ein „Uff, same“ zu bekommen. Ich habe Lust, Geschichten einer Gruppe zu erzählen, die sich damit identifizieren kann. Ich habe Lust, endlich mal wieder relatable zu sein. Relatable sein ist eines der Privilegien, um die ich andere am meisten beneide.