Die Zweifel der anderen

Betroffenen von sexualisierter Gewalt wird oft nicht geglaubt, sodass sie selbst ihre Wahrnehmung hinterfragen

13.09.21 > Gesundheit, Körper

Text: Christine Siedler
Illustration: Anna Beil

„Ich wusste nicht, wem ich glauben sollte. Mir selbst, oder den anderen.“ Ada* war 21, als sie sexualisierte Gewalt erlebte. Ein Opfer sein, das wollte sie nicht. Aussprechen, was sie erlebt hatte, ebenfalls nicht. Vor allem nicht vor sich selbst. Zu groß war die Angst, dass ihr nicht geglaubt würde. Dass ihr Umfeld sie so empfände, wie sie sich selbst fühlte: schuldig. Dass Betroffene ihr Erleben von sexualisierter Gewalt infrage stellen, ist leider nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das Nicht-wahr- haben-Wollen dessen, was nicht sein darf, be- gleitet den Verarbeitungsprozess – oft jahrelang. So auch bei Ada. Lange versuchte sie, das Geschehene zu verdrängen, es als „Übergriffigkeit“ abzutun. Bis sie es nicht mehr konnte, weil ihr Körper es nicht mehr zuließ: Panikattacken, Angst vor der Begegnung mit dem Täter, depressive Episoden. „Scham und Schuldgefühle spielen im Prozess der Verarbeitung von sexualisierter Gewalt eine große Rolle. Je mehr sie da sind, desto schwieriger ist die Verarbeitung“, erklärt Astrid Lampe, Vorstandsmitglied der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT e.V.) , in einem Interview mit dem Online-Magazin „ze.tt”.

Missy Magazine 05/21, Die Zweifel der anderen, Gesundheitstext
© Anna Beil

Durch sie steigt die Wahrscheinlichkeit einer Stressfolgeerkrankung, wie bspw. einer posttraumatischen Belastungsstörung. Man beschäftigt sich mehr mit der eigenen Rolle als mit der traumatischen Erfahrung an sich. Als Ada sich schließlich dazu entschloss, sich ihrem Umfeld anzuvertrauen, wurden ihre Befürchtungen wahr: Ihr wurde von einer engen Freundin nicht geglaubt, es kam zu einem Bruch der Freundschaft. „Ich war voller Selbstzweifel, habe mich gefragt, ob ich übertreibe, mich selbst belüge. Plötzlich wurde ich von meiner Freundin als Täterin wahrgenommen, die jemanden zu Unrecht beschuldigt.“ Ada vertraute ihrer Freundin, somit auch ihrer Wahrnehmung. Und stellte sich so selbst noch mehr infrage als zuvor. Die Abwehrmechanismen in der Reaktion auf sexualisierte Gewalt sind omnipräsent. Doch sie sind schädlich, sogar retraumatisie- rend, erklärt Sexualpsychologin Claudia Eli- zabeth Huber: „Es ist furchtbar – das Bauchgefühl sagt, dass da eine Grenzübertretung stattgefunden hat, und das wird dann aber übergangen. Das kann dazu führen, dass man ab einem gewissen Punkt den anderen mehr glaubt und die Selbst- durch eine Fremdwahrnehmung ersetzt.“ Die Folgen können verheerend sein: Vertrauensstörungen, Depressionen, Angststörungen. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Grenzüberschreitungen folgen, gerade wenn solch eine Gewalterfahrung in jungen Jahren passiert. „Die sexuelle Identität ist noch nicht gefestigt, man befindet sich in einer unsicheren Phase, die Selbstwahr- nehmung wird neu strukturiert und aufgebaut. Das betrifft auch die Grenzen. Bei solchen Erfahrungen kann es deswegen dazu kommen, dass man die eigenen Vorstellungen von sexueller Norm anzweifelt. Was wiederum dazu führen kann, dass die Betroffenen sich niemandem anvertrauen und isolieren“, erklärt Lampe. „Je besser die soziale Unterstützung des Umfelds ist, desto leichter ist es, solche Erlebnisse zu verarbeiten. Wenn ein Partner sexualisierte Gewalt gegen die Betroffene ausübt, ist das ein großer Vertrauensbruch und Verrat. Glaubt einem das Umfeld nicht, stellt das wiederum einen Vertrauensbruch dar.“ Die Gesellschaft wiederholt in der Reaktion ein für die Betroffenen bekanntes Muster – das der Täter*innen, mit denen sie fusioniert. Sie spricht den Betroffenen die Bewertungsfähigkeit der eigenen Grenzen und der Situation ab und gaslightet sie dadurch. Der Konflikt vermehrt sich, wird allgegenwärtig. Denn der*die Täter*in spricht und handelt plötzlich aus den anderen. Der Prozess der ständigen Rechtfertigung und Infragestellung wird fortgeführt.

Die Sexualität werde durch ein solches Erlebnis stark geprägt, gerade, wenn es sich um die ersten sexuellen Erfahrungen handle, sagt Lampe. Häufig gebe es eine große Verunsicherung, Angst vor Sexualität, in manchen Fällen chronische Schmerzen bei penetrativem Geschlechtsverkehr. Sex genießen zu können, gelinge Betroffenen häufig nur mit therapeutischer Hilfe.

Gerade bei betroffenen FLINT ist die Reaktion auf Erzählungen des Erlebten geprägt von Unglauben, auch im öffentlichen Diskurs. Eine Tatsache, die symptomatisch ist für den von Misogynie geprägten Umgang mit Frauen und Sexualität. Anstatt den Betroffenen zuzuhören, werden Gründe für eine vermeintlich verzerrte Wahrnehmung oder Lüge gesucht.

Dabei sprechen die Zahlen für sich. Laut Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe liegt die Quote für Falsch- beschuldigungen in Deutschland bei etwa drei Prozent, das geht aus einer europaweiten Studie zur Strafverfolgung von Vergewaltigung hervor. Ebenfalls durch Untersuchungen belegt ist, dass die Betroffenen sexualisierter Gewalt vornehmlich weiblich sind bzw. im binären System als solche erfasst werden. So sind bspw. die Betroffenen von sexualisierter Partner*innenschaftsgewalt zu 98,4 Prozent weiblich, die Täter*innen wiederum zu 99 Prozent männlich.

Es besteht demnach eine Diskrepanz zwischen den Fakten und der Wahrnehmung von vermeintlich instrumentalisierter sexualisier- ter Gewalt. Die Opfer-Täter*innen-Rollen verschieben sich. In der öffentlichen Diskussion wird die Betroffene zur Täterin der Falschbeschuldigung, während sie in Wirklichkeit zum doppelten Opfer wird: dem der sexualisierten Gewalt und des gesellschaftlichen Gaslightings.

Die patriarchale Betrachtungsweise von Sexualität ist dabei ausschlaggebend. „Sexualität wurde lange für Frauen tabuisiert. Sie hatten keinen Bezug dazu und zu sich selbst, wurden davor gewarnt“, so Lampe im Interview. Durch die männliche Konnotation von Sexualität und Lust werden diese Aspekte anderen Geschlechtern abgesprochen. Das degradiert sie zu Sexualobjekten, die den Bedürfnissen anderer dienen sollen. Dieses Bild spiegelt sich auch im Umgang mit sexualisierter Gewalt. Eine Frau, die innerhalb einer sexuellen Beziehung zu einem Mann Nein sagt – also ihre Sexualität, die sie in dem Moment nicht ausleben möchte, über seine stellt –, passt nicht in das gängige Modell von Sexualität: ein Modell, in dem cis Männern Sexualität in sämtlichen Facetten zu- gesprochen wird, auch in Hinblick auf Kommunikation und Interpretation.

Zwingend notwendig für den öffentlichen Diskurs über sexualisierte Gewalt ist somit auch ein offener Dialog über Sexualität: „Wie soll über etwas derart Negatives wie sexualisierte Gewalt gesprochen werden können, wenn nicht einmal das Positive – die Lust, die Bedürfnisse – adressiert werden können?“, fragt Huber. Es gilt also, Lust zu enttabuisieren, Frauen Sexualität und den eigenen Körper auf eine positive, nicht schambesetzte Weise näherzubringen. Erst wenn das geschehen ist, kann sexualisierte Gewalt auf Augenhöhe besprochen werden. Wichtig ist dabei vor allem Empathie: Der erste Impuls, nach Gründen, die gegen die Erzählungen sprechen, zu suchen, sollte durch die Frage ersetzt werden, wie der Person am besten geholfen werden kann.

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