Fick ihn!

Als cis Mann penetriert werden? Unsere Autorin erzählt, warum sie gern den Strap-on trägt.

13.09.21 > , Sex & Beziehung

Text: Lara Maille
Illustration: Zora Asse

Das Gefühl, zum ersten Mal einen Mann zu ficken , ist unbeschreiblich. Mein Freund liegt vor mir und schaut mich an. Er ist bereit. 14 Zentimeter. Ich stelle fest, dass das Gleitgel leicht nach Erdbeeren riecht, während ich den Strap-on-Dildo damit einreibe. Bevor ich ihn in ihn einführe, ziehe ich meinen Freund an mich und küsse ihn. Doch anstatt sich im Anschluss wieder auf den Rücken zu legen, nimmt er den Strap-on in den Mund. Obwohl ich nichts spüre, finde ich es geil. Danach penetriere ich meinen Freund.

Missy Magazine 05/21,Sexkolumne
© Zora Asse

Ich dringe anal in ihn ein und bemerke, wie seine Pupillen sich weiten. Nach kurzer Zeit kommt er. Wir sind ein heterosexuelles Paar und haben beim Sex die konventionell verankerten Rollen getauscht. Normalerweise penetriert der cis Mann die cis Frau, die dadurch aus gesellschaftlicher Sicht eine unterwürfige Rolle einnimmt. Ich penetriere meinen Freund und nehme dadurch den Akt des Eindringens in der aktiven Rolle wahr. Mein Partner genießt es, obwohl die Vorstellung, dass eine Frau einen Mann penetrieren könnte, historisch und auch heute noch stark tabuisiert ist. Die gleichgeschlechtliche Penetration durch Sexspielzeug wurde bereits im antiken Griechenland mit sogenannten „Olisbos“ (Vorläufer des Dildos) praktiziert. Hier wird einzig von gleichgeschlechtlichem Sex gesprochen, während die Penetration des cis Mannes durch die cis Frau nicht thematisiert wird. Dabei sehe ich das Erlebnis als Durchbruch der sexuellen Freiheit.

Doch was triggert an dieser Erfahrung mein sexuelles Freiheitsgefühl? Ich verspüre meinem Freund gegenüber kein Überlegenheits- oder gar Machtgefühl, selbst nicht, wenn ich ihn weiterhin mit dem Strap-on ficke. Der Bruch mit dem gesellschaftlich genormten Sexualverhalten hätte natürlich auch zu einer verstärkten Identifikation mit „männlichen“ Attributen wie Macht oder Dominanz bei mir führen können. Das tut es nicht. Daher muss die Freiheit einen anderen Ursprung haben als die reine Bildung eines Antagonismus. Der Akt des Eindringens wird in unserer Gesellschaft als dominant angesehen. Der cis Mann ist das handelnde Subjekt, das die cis Frau als passives Objekt der Begierde betitelt und daher auch so behandeln kann. Dem Ein- dringen kommt somit eine essenzialisierende Bedeutung zu. Noch heute gilt ein sexueller Akt erst als abgeschlossen, wenn es zur Penetration kommt. Erst dann behaupten cis Männer von sich, sie hätten eine Frau „gehabt“. Die Penetration wird dadurch in einer schändlichen Weise glorifiziert, da es der Akt des Eindringens ist, der dem cis Mann in der Gesellschaft den Status verleiht, viele Frauen „erobert“ zu haben.

Jedoch stelle ich durch mein eigenes Erleben fest, dass die Penetration nicht missbräu- lich als Machtinstrument verwendet werden sollte, wie es in der Gesellschaft oft getan wird. Das Gegenkonzept zur Penetration stellt nach Bini Adamczak die Zirklusion dar – das Umschließen statt dem Einführen. Somit können sexuelle Handlungen aus einer gegengesetzten Perspektive betrachtet werden, nämlich einer Perspektive, die keine Verbindung zwischen Aktivität und Macht zulässt.

Es hält sich der Mythos, dass die eindringende Person automatisch die Macht hat. Doch ich spüre die Freiheit, da ich Sex nicht mehr als Machtakt wahrnehme. Die Freiheit, die durch den Bruch mit genau diesem Mythos entsteht.

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