Film- und Serienempfehlungen

Hier sind unsere Filmtipps für den Herbst.

13.09.21 > Film & Serien
Missy Magazine 05/21, Filmrezis
© Carole Bethuel

Titane
Aus diesem Film voller Bilder, die sich einbrennen, wird wohl besonders die Sexszene in die Filmgeschichte eingehen: Protagonistin Alexia (Agathe Rousselle) tritt aus der Dusche und steigt nackt und nass in ein glänzendes Auto. Kurz darauf poltert und hüpft es, Alexia klammert sich an Gurten fest,

schreit und kommt. Wenig später ist sie schwanger. Als Kind wurde ihr nach einem schweren Autounfall eine Titanplatte hinters Ohr implantiert – seitdem fühlt sie sich zu Metall hingezogen. Bei Julia Ducournaus Film, der die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat, fällt es schwer, immer hinzusehen: Er folgt Alexia dabei, wie sie eine Bekanntschaft nach der anderen umbringt. In ihrem Haar steckt eine Nadel und wenn sie ihren Zopf öffnet, ist das kein gutes Zeichen. Doch aus Alexia wird Adrien, der behauptet, der verschwundene Sohn von Vincent (Vincent Lindon) zu sein. Die beiden gehen eine dysfunktionale Familienbeziehung ein. „Titane“ ist ein Splatter- und Body-Horror-Film mit Genderthematik, der an Sex, Blut und Motoröl nicht spart. Doch wie seine Figur emanzipiert er sich von der reinen Gewaltdarstellung und zeigt die unbedingte Suche nach Zärtlichkeit. Lili Hering

„Titane“ FR 2021 ( Regie: Julia Ducournau. Mit: Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Garance Marillier u. a., 108 Min., Start: 07.10. )

Missy Magazine 05/21, Filmrezis
© 2021 Mein Name ist Klitoris – Der Film- Der Filmverleih GmbH

Mein Name ist Klitoris
Warum ist Biologieunterricht oft so rückständig? Warum spielt die Lust von Frauen häufig keine Rolle? Und wo und wie groß ist sie denn nun eigentlich, die Klitoris? Diese Fragen beschäftigen die Filmemacherinnen Daphné Leblond und Lisa Billuart Monet. In „Mein Name ist Klitoris“ teilen zwölf junge cis Frauen mit den beiden ihre Erfahrungen – peinliche, verstörende und schöne. Intim begegnen wir den Protagonistinnen in Nahaufnahmen. In ihren Schlafzimmern sprechen sie anekdotisch darüber, wie Frauen Sexualität entdecken. Wie ihr Verhalten, ihre Vorlieben oder auch nur die Körperbehaa- rung zur Zielscheibe gesellschaftlicher Stigmatisierung werden. Im Frage-Antwort-Spiel wird auf ebenso berührende wie sachliche Weise gezeigt, wie schwer es ist, Geschlechtermythen und jahrzehntelang anerzogene Scham aufzubrechen. Dass nicht nur Frauen eine Klitoris haben können, findet leider nur im Nebensatz Erwähnung. Auch an konstruktiven Vorschlägen mangelt es der sonst sehr bereichernden Dokumentation. Doch sie ist ein erster wichtiger Schritt und ein Film, der unter keinen Umständen nur von Frauen gesehen werden sollte. Laura Patz

„Mein Name ist Klitoris“ BEL 2019 ( Regie: Lisa Billuart Monet & Daphné Leblond, 88 Min., Start: 16.09. )

Missy Magazine 05/21, Filmrezis
© Copyright Pandora Film /Foto: Tom Trambow

Je suis Karl
Maxis Familie ist bei einem Bombenanschlag ums Leben gekommen. Überlebt haben nur sie und ihr Vater Alex (Milan Peschel). Frustriert über ins Leere laufende Ermittlungen beginnt Maxi (Luna Wedler) sich zu radikalisieren. Den Anstoß gibt Karl (Jannis Niewöhner) – einer der führenden Köpfe einer vermeintlich liberalen Jugendbewegung, die sich als rechtsradikales Netzwerk entpuppt. Maxi verliebt sich in Karl, der bereit ist, über Leichen zu gehen. Dann ist da noch Yusuf (Aziz Dyab), ein Geflüchteter, den Maxis Eltern vor einigen Jahren nach Deutschland brachten. Als die politischen Ereignisse in Europa sich überschlagen und in eine Katastrophe münden, hilft Yusuf Maxi und Alex in einer ausweglosen Situation. „Je suis Karl“ veranschaulicht schonungslos die perfiden Strategien der Neuen Rechten und zeichnet den dystopischen Hergang einer Machtergreifung nach. Abgeleitet ist der Titel von „Je suis Charlie“ – der Parole, die sich nach dem islamistischen Terroranschlag auf die Pariser Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ gebildet hat. Er verweist darauf, wie Rechtspopulist*innen Begriffe aus ihrem Zusammenhang reißen und instrumentalisieren. Katrin Börsch

„Je suis Karl“ DE 2021 ( Regie: Christian Schwochow. Mit: Luna Wedler, Jannis Niewöhner, Milan Peschel u. a., 126 Min., Start: 16.09.

Missy Magazine 05/21, Filmrezis
© Sächsischer Kinder- und Jugendfilmdienst e.V.

Bori
Bori (Kim Ah Song) wünscht sich nichts sehnlicher als eins: gehörlos zu sein wie ihre Eltern und ihr kleiner Bruder. Als einzige Hörende managt die Elfjährige die Familie, bestellt Essen und kommuniziert mit dem Taxifahrer. Doch immer mehr hat sie das Gefühl, dass die Bindung zwischen Eltern und Bruder stärker ist als zu ihr. Weil sie ihnen näher sein will, täuscht sie nach einem Tauchunfall Taubheit vor. Endlich fühlt sie sich ihnen zugehörig. Doch sie merkt schnell, welche Kämpfe ihre Familienmitglieder führen: Es wird über sie gelästert, der Bruder versteht den Unterricht nicht, die Mutter wird über den Tisch gezogen. Bori kriegt alles mit und es zerreißt sie. Am Ende steht sie vor dem Di- lemma, die Wahrheit aufdecken zu müssen. Kim Jinyus Spielfilmdebüt zeigt in feinen Facetten, was es bedeuten kann, als Child of Deaf Adults zwischen zwei Welten aufzuwachsen. Tamara Marszalkowski

„Bori“ KOR 2018 ( Regie: Kim Jinyu. Mit: Kim Ah Song, Lee Rin Ha, Kwak Jin Seok, Heo Ji Na u. a., 105 Min., Start: 16.09. )

Missy Magazine 05/21, Filmrezis
© Antiheld Filmverleih

Ghosts
Ein Handy unterbricht den Gebetsgesang. Feminist*innen senken die Köpfe, um auf Polizist*innen nicht verdächtig zu wirken. Istanbul ist voller Gegensätze und politischer Minenfelder. Azra Deniz Okyay schaut mit ihrem Langfilmdebüt tief in die Seele der türkischen Gesellschaft und beleuchtet Generationenkonflikte, Gentrifizierung und Geschlechterrollen. Eine Tänzerin (Dilayda Güneş), eine Aktivistin (Beril Kayar) und eine Mutter, deren Sohn im Gefängnis bedroht wird (Nalan Kuruçim), kämpfen um ökonomisches Überleben, soziale Gerechtigkeit und persönliche Freiheiten. Ihre Antithese ist ein staatstreuer und skrupelloser Mittelsmann (Emrah Özdemir). Episodenhaft erzählt, verweben sich ihre Geschichten am Rande eines landesweiten Stromausfalls. Der Aufruhr passiert nicht nur inhaltlich: „Ghosts“ erschafft durch starke Bildsprache eine filmische Skulptur Istanbuls. Chaotische Protestszenen wechseln sich ab mit statischen Architekturaufnahmen, hochaufgelöste Bilder mit verwackelten Handyvideos. Die Staatsmacht gibt durch Razzien, Sirenen und Hubschrauber den Takt an – aber un- sichtbare Geister halten der Repression sanften und hoffnungsvollen Widerstand entgegen. Laura Helene May

„Ghosts / Hayaletler“ TUR / QAT 2020 ( Regie: Azra Deniz Okyay. Mit: Nalan Kuruçim, Dilayda Güneş, Beril Kayar, Emrah Özdemir u. a., 127 Min., Start: 07.10. )

Missy Magazine 05/21, Filmrezis
© 2021 Weydemann Bros. / Constanze Schmitt & David Schmitt

Ivie wie Ivie
Die afrodeutsche Ivie (Haley Louise Jones) lebt mit ihrer besten Freundin Anne in einer WG in Leipzig und arbeitet übergangsweise im Solarium ihres Exfreundes Ingo. Ihre Freund*innen nennen sie „Schoko“. Eines Tages steht die ihr bis dahin unbekannte Halbschwester Naomi (Lorna Ishema) vor der Tür und informiert Ivie über den Tod des gemeinsamen Vaters und die anstehende Beerdigung im Senegal. Während sich die Schwestern kennenlernen, beginnt Ivie, ihren Spitznamen und ihr Selbstbild zu hinterfragen. Regisseurin und Drehbuchautorin Sarah Blaßkiewitz gibt in ihrem Spielfilmdebüt einen bisher einzigartigen Einblick in die Lebensrealitäten afrodeutscher Menschen in Ostdeutschland. Doch leider bleibt der Film eher oberflächlich, es gelingt ihm nicht ausreichend, die Komplexität dieser Realitäten wiederzugeben. Problematische bis rassistische Aussagen von weißen Protagonist*innen bleiben teilweise unreflektiert stehen und werden nicht eindeutig kritisch herausgestellt. Den Schwestern stehen außerdem unausgeglichene Repertoires an Emotionen zur Verfügung: So darf z. B. Ivie (lightskinned) traurig, wütend und verzweifelt sein, während Naomi (darkskinned) ein weitaus engeres Spektrum an Gefühlsausdrücken zugestanden wird und sie doch das Klischee der starken Schwarzen Frau repräsentieren muss. Oyèmi Hessou

„Ivie wie Ivie“ DE 2021 ( Regie: Sarah Blaßkiewitz. Mit: Haley Louise Jones, Lorna Ishema, Anne Haug u. a., 117 Min., Start: 16.09. )

Missy Magazine 05/21, Filmrezis
© Roanfilm

Jackfruit
„Man sagt, dass sich eine Kultur nach drei Generationen assimiliert. Wenn das stimmt, trage ich die Verantwortung für unsere Erinnerungen.“ Mít (Hồng Ngọc Lê) ist Mitte zwanzig, wohnt mit der Mutter in Berlin und steht kurz vor Ende des Studiums. Ebenso ist Mít genderfluid und mit Lara (Shari Asha Crosson) zusammen, was nicht ganz in das Weltbild von Mutter Mai (Mai Phương Kollath) und Großmutter Roan (Dần Boldt) passen würde, wenn sie es wüssten. Gerade als Mít den Wunsch des Alleinlebens äußert, wird Roan mit Alzheimer diagnostiziert. Kurzerhand beschließt Mít, bei ihr zu wohnen und sich um sie zu kümmern. Doch auch dies ist nicht die gewünschte Emanzipation. Mit „Jackfruit“ hat Thùy Trang Nguyễn einen dokumentarisch anmutenden, postmigrantischen vietdeutschen Kurzfilm geschaffen, der mit viel Ruhe und ebenso vielen Nuancen ein Leben nicht zwischen, sondern mit zwei Welten nachzeichnet, die alles andere als eindimensional sind. So hat Mai selbst Bedenken, ihren neuen Freund Dieter (Mehmet Yılmaz) der Familie vorzustellen, und auch Roan ist eine Ausnahme, hat sie doch einen Altar, obwohl dieser traditionell nur Männern zusteht. „Jackfruit“ zeigt unaufgeregt nicht nur die Reibungen, die entstehen, wenn vermeintlich Altes auf Neues trifft, sondern auch die Schönheit und Komplexität, wenn sich das eine im anderen findet. Ava Weis

„Jackfruit“ DE 2021 ( Regie: Thùy Trang Nguyễn. Mit: Hồng Ngọc Lê, Mai Phương Kollath, Dần Boldt u. a., 34 Min., abrufbar auf vimeo.com )

Missy Magazine 05/21, Filmrezis
ConnySchraubt © mindjazz pictures

Trans – I Got Life
Rikku, Mikael, Elisabeth, Julius, Cornelia, Jana und Verena leben unterschiedliche Leben, haben aber eins gemeinsam: Sie sind trans. Und kommen, anders als im üblichen Storytelling, in dieser Doku selbst zu Wort.
Alle sieben können ihre Geschichte erzählen, ehrlich und ungefiltert: von
späten Outings, verständnislosen Eltern und der Angst aufzufallen, von
bedingungsloser Unterstützung, aufrichtiger Freude und Gender Eupho-
ria. Verbindungspunkt ist dabei Dr. Schaff, Spezialist für Transitions-
Chirurgie, der den medizinischen Diskurs zu Geschlecht ändern will.
Mit Dr. Bowers kommt sogar eine Ärztin vor, die selbst zur Community
gehört. „Trans – I Got Life“ ist der weitestgehend gelungene Versuch, den
Fokus aufs Zuhören statt auf Pathologisierung zu legen. Um der ein oder
anderen Lebensgeschichte noch mehr Raum zu geben, dürfte es gerne
eine Fortsetzung geben. Ava Weis

„Trans – I Got Life“ DE / RUS / USA 2021 ( Regie: Imogen Kimmel & Doris Metz. 95 Min., Start: 23.09. )

Missy Magazine 05/21, Filmrezis
© Warner Bros

Töchter
Betty und Martha sind Freundinnen, fast vierzig und unglücklich. Betty nimmt Antidepressiva, Martha plagt ein unerfüllter Kinderwunsch. Beide sind entfremdet von ihren Vätern. Nana Neuls Roadmovie, basierend auf dem Roman von Lucy Fricke, schickt die um sich kreisenden Frauen auf  ein Abenteuer. Marthas schwerkranker Vater Kurt bittet um einen letzten Gefallen: zu einem Sterbehilfetermin in die Schweiz gefahren zu werden. Mit seinem alten Golf macht sich das ungleiche Trio auf den Weg über  Italien und bis nach Griechenland: der dosenbiertrinkende Kurt, die stets um Fassung ringende Martha und die kettenrauchende Betty, die nun ihren verschwundenen (Stief-)Vater aufspüren will. Die Schauspieler*innen glänzen und Witz springt über, doch die Auslassungen des Drehbuchs verhindern Empathie für die Figuren. Dafür erzeugen die malerischen Schauplätze Urlaubsgefühle.
Amelie Persson

„Töchter“ DE 2021 ( Regie: Nana Neul. Mit: Birgit Minichmayr, Alexandra Maria Lara u. a., 121 Min., Start: 07.10. )

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