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Now and Then: Bettina Köster über Lale Andersen

Die New-Wave-Ikone Bettina Köster hat viele Vorbilder, etwa die Sängerin Lale Andersen.

13.09.21 > Musik

Gehen wir zu meinen Anfängen zurück. Insbesondere eine Frau hat mich, musikalisch gesehen, nicht mehr in Ruhe gelassen: Lale Andersen. Meine Familie hatte keinen Plattenspieler, bis ich elf war. Ich entwickelte mich also zum TV-Addict. Es gab dort ja immer diese Intermezzi: Lale Andersen im Strickpullover am Strand unter Wolken auf Langeoog – und da ich jede Menge Hausarrest hatte (allerdings mit Ensuite-Badezimmer und Fernseher), sang ich vor dem Spiegel nach, was ich vorher im TV gesehen hatte.

Als ich vielleicht vier oder fünf war, ich war jedenfalls noch nicht in der Schule, machten wir Urlaub auf Langeoog. Neben dem Seemannsfriedhof stand ein Haus in den Dünen, herausspaziert kam Lale Andersen und lud uns zum Tee ein.

Ich hatte gehört, dass sie ein Glasauge habe, und fragte auch sofort, ob sie es mir zeigen könne – sie tat auch so als ob …

Missy Magazine 05/21, Now and Then
© links: P. Gruchot, Foto rechts: arturbeul.ch, Artur und Lale. Zuhause im Garten in Zollikon (1959)

Von da an wusste ich, die wirklich Großartigen benehmen sich nicht arrogant oder affektiert – wie im übrigen auch Catherine Deneuve, die zu einem unserer Konzerte kam. Hinterher erzählte sie mir, dass sie sich immer erst den Techniker*innen vorstellt, wenn sie am ersten Drehtag ans Set kommt. Das mache ich auch – man ist ja auf sie angewiesen …

Ich beurteile Musik immer noch danach, ob sie mir Gänsehaut bereitet. In der Klassik: Maria Callas – keine hat gesungen wie sie, außer vielleicht Jessye Norman. In Deutschland gibt es eigentlich nur Inga Rumpf mit Frumpy. Ich war mit 15 zwangsweise von Berlin nach Vlotho/Westfalen umgezogen worden und das einzig Interessante in Vlotho war das Umsonst-und-Draußen-Festival. So machte ich die Bekanntschaft von Inga Rumpf, die man auch die deutsche Janis Joplin nannte. Und frech war sie, das fand ich toll. Starke Frauen am Mikro oder ganz allgemein in der Musik waren rar gesät.

Wenn ich von Vorbildern spreche, darf eine aber nicht fehlen: Marianne Faithfull. Mein Lieblingstext von ihr: „If Marianne was born a man / She’d show you all a way to piss your life against the wall.“ Ich habe neulich alte Lieder von mir mit Mania D und Malaria! gehört. Wie glockenhell war meine Stimme! Das habe ich wohl mit Marianne in common. Vorletztes Jahr kamen Gudrun Gut und Manon Duursma zu mir nach Italien, um zu sehen, ob wir als Malaria! noch das haben, was wir einmal hatten. Ob es überhaupt Sinn macht, noch einmal miteinander auf die Bühne zu gehen. Und: Jaaa, es hat gerockt.

Bettina Köster (*1959) ist Sängerin, Produzentin und Autorin. 1979 co-initiierte sie das All-female-Projekt Mania D, aus dem 1981 Malaria! hervorging. Zum Jubiläum erscheinen das Buch „M_Dokumente“ sowie eine Doppel- LP. Beides wird von 21.–24.10. im Silent Green Berlin gefeiert.

Lale Andersen (1905–1972) war eine Schlagersängerin und Schauspielerin, die unter Pseudonym auch selbst Liedtexte schrieb. Weltweit bekannt wurde sie 1939 mit ihrer Interpretation des sogenannten Soldatenlieds „Lili Marleen“. Bis heute vergibt ihre Geburtsstadt Bremerhaven den Lale-Andersen-Musikpreis.

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