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„Oder willst du etwa Isolation?“

Tirzah sind Stimmbänder, die Welten verbinden.

13.09.21 > Musik

Text: Jennifer Beck
Fotos: Vicky Grout

Tirzah Mastin tanzt. Oder sie tut, was zu tun ist, wenn ein Dosenbeat und eine krepierende Flöte in jeden Wirbel eines sehr jungen Rumpfes fahren, wenn sie möchten, dass Gelenke knacken und Fasern reißen, und man altersbedingt noch tut, was BPM von einer*m verlangen, mal loslassen nämlich, aber so richtig, like: bring it on!, aber vor allem, dass es weitergeht, immer weiter, und dass sie für einen Moment scheißegal ist: die Haltung. Man möchte also sagen, Tirzah Mastin tanze, als gäbe es kein Morgen. Dabei ist in ihrem aktuellen Leben nur eine Sache noch unwahrscheinlicher: dass der nächste Tag erst morgen früh anfängt.

Missy Magazine 05/21, Titelstory
© Vicky Grout, Assistenz: Rashidi Noah

„Es ist ein Trip“, sagt Mastin, und ob sie es mit halb geöffneten oder halb geschlossenen Augen tut, ist wie immer eine Frage der Einstellung oder des Handyempfangs. „Aber ein wirklich wundervoller“, ergänzt sie nach einer Pause, die in einen vorzeitigen Mittagsnap zu kippen droht. Denn was sie meint, sind weder der Clip zum Dosenbeattrack „I’m Not Dancing (I’m Fighting)“, der gerade im Tab hinter dem Glitchbild klebt, in welchem Mastin dem 3G-Netz von einem Raum der „totalen Blase“, die ihr Haus in London-Sidcup ist, in den nächsten hinterherjagt. Noch meint sie ihren letzten Versuch, sich in Ruhe einen Lidstrich zu ziehen, der an den Videodreh vor acht Jahren erinnert. Was Tirzah Mastin meint, ist: Kacka 24/7.

„Schwangerschaft, Geburt, Elternschaft, oh yeah“, sagt sie und ihr Blick tastet Reaktionen ab, als sei das ein Hauptsatz, der alles erklärt. „Der eigene, wachsende Körper fühlt sich an wie öffentliches Eigentum, alle erheben Anspruch darauf, mitreden zu dürfen. Meine Güte, ist das überfordernd, aber irgendwie auch logisch. In meinem Bauch passiert schließlich das Krasseste, was es gibt: Leben. Dazu haben Menschen natürlich eine Meinung“, bekommt Mastin schließlich einen Atemzug lang ihre Gedanken zu fassen, bevor sie auf die Frage nach den Abgrenzungsstrategien abermals erst mit Sekundenschlaf antwortet, dann mit Zimmerwechsel und schlussendlich mit der Wahrheit: „Ich fürchte, ich bin zu gut im Annehmen von Ratschlägen. Sagt man nicht, es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen? Ich habe zwei. Ich sauge also alles auf und bin ständig am Filtern, welche Hinweise ich mir zu Herzen nehme. Dabei möchte man am Ende nur eins: liebevoll sein. Aber da ist dieser ganze zusätzliche Stuff, mit dem man vollgeballert wird, und die Verantwortung wächst und wächst – ist es nicht so?“ Mit anderen Worten: Die Frau hat zu tun und ein Recht auf Frühstück, also rein mit den Schokocroissants.

Und eigentlich wollte hier – vom angesexten Track „Tectonic“ auf Mastins neuem Album abgesehen – sowieso niemand über menschliche Evolution sprechen, sondern maximal über die der „imperfekten Popmusik“ („Pitchfork“, for real?). Aber jetzt fliegen eben überall Kinderklamotten im Zoom-Fenster herum, deshalb mal ganz im Ernst: Familie?

Mastin wurde 1988 als Tirzah, im Hebräischen die „Liebliche“ also, die „Glückselige“, jedenfalls relativ down mit sich und der Welt, als jüngste von fünf Geschwistern in Braintree, Essex, geboren. Oder wie sie es ausdrückt: „Ich meine, du sprichst mit jemandem, der Mobiltelefone hasst.“ In ihrer Erinnerung sei sie ständig draußen gewesen, sagt Mastin, aber auch, dass es ja immer so eine Sache sei mit der Retrospektive. „Ich sehe gar keine konkreten Orte, eigentlich habe ich nur im feuchten Moos gesessen“, meint sie sich also zu erinnern. „Die totale Einöde.“ Wesentlich schärfer sieht Mastin die Bilder, die sich im Elternhaus abspielten. Ihr älterer Bruder sei da gewesen, „eigentlich immer“, und habe aufgepasst, dass sie sich nichts in den Mund stecke, wenn ihre Mutter im Nebenzimmer Schmuck reparierte. Schwerer hatten es also die anderen? Was im O-Ton so viel heißt wie: „Got it easy, right?“ Klar sei sie leichter durchgekommen, sagt Mastin mit Gewissheit, aber eben auch der Sorte Gewissheit mit Fragezeichen, mit der man Abzüge erlernter Rollenbilder im Familienalbum archiviert. „Verantwortung vollzieht sich von oben nach unten – im Idealfall“, erklärt sie, vor allem sich selbst, und einen wirklich sehr langen Bin-fix-Weingummi- holen-Schmatz ihres Partners Giles Kwakeulati King-Ashong (alias Kwake Bass, Drummer AF und Co-Produzent von Dean Blunt – es gibt keine Zufälle) später erklärt Mastin auch warum: „Als Jüngste wirst du in Strukturen hineingeboren, die schon vor dir existierten. Ich lebte in einer Art Extra-Support-Bubble.“

Missy Magazine 05/21, Titelstory
© Vicky Grout, Assistenz: Rashidi Noah

Weniger flauschy ging es vermutlich im Vierbettzimmer der Purcell School For Young Musicians in Hertfordshire zu, in der Mama Mastin ihre Tochter und deren Harfe in einem der wenigen Momente absetzte, in denen es mal keinen Schmuck zu reparieren gab und der Grund dafür nicht mehr sein konnte, dass Tirzah Mastin ihn in den Mund gesteckt hatte. Aber wenigstens lag in einem der Betten Mica Levi. „Da ist sofort dieses Gefühl“, verliert sich Mastin im Versuch einer Erzählung vom Match mit der*dem oscarnominierten Musikproduzent*in, die*der auf der Alumni- Website im Gegensatz zu all den Typen, die mit Geige im Wald posieren, in die Kamera schaut, als habe sie*er edge, Talent und einen Plan. Und wenn Mastin heute von Levi spricht, dann immer noch mit dem Komme-was-wolle-Blick einer 13-Jährigen, die auf dem Weg zur Bushaltestelle sagt: Wir werden tanzen, als gäbe es kein Morgen, Meeks, aber vor acht muss ich wieder zu Hause sein.

Aus dem Gefühl wurde ein Vibe, wurde „Kinship“, die man nicht ins Deutsche übersetzen mag, weil es kein Wort dafür gibt, das nicht wie eine verdammte Drohung klingt oder zumindest pas- send genug, und das heißt: zärtlich genug. Für das, was Mastin und Levi verbindet, vor allem aber für das, was aus dieser Verbindung seit beinah zwei Jahrzehnten hervorgegangen ist. Neben dem anti- boilerroomigsten Boiler-Room-Set des Jahres 2015 nämlich auch zahllose Singles und Splits und „Kontakt, auch wenn wir nicht in einem Raum sind“-Sessions des Musiker*innenkollektivs CURL. Das also, woran Mastin höchstwahrscheinlich denkt, wenn sie von „dem Dorf“ spricht, das drei Jahre nach ihrem Album „De- votion“ den zweiten Grund für diese Videocall-Wanderung durch Südlondons glasfaserärmstes Einfamilienhaus großgezogen hat: „Colourgrade“.
Das ist ein Verfahren zur Farbkorrektur. Es ist aber auch Tirzah Mastin, wie sie von Leah Walker beim Blättern in einem quietsch- bunten Kinderrezeptebuch abgelichtet wird, von dem sie heute nicht mehr genau weiß, wie es eigentlich in ihre Hände fiel. Primär aber ist es der zum Foto gehörige Titel von Mastins zweiter LP unter dem Künstlerinnennamen Tirzah und damit die Antwort auf die einzig relevante User*innenfrage unter besagtem Boiler-Room-Clip: „How is this even considered music?“ Soweit die Kurzfassung, aber wir haben ja Platz, also: Erklärungen.

Erstens: Tirzah-Alben sind keine Alben. Weil sie wie alles, was den Namen Gesamtkunstwerk verdient, nicht kontextlos funkti- onieren, sondern in erster Linie das Material bereitstellen, das Menschen wie Fleur Melbourn oder Leah Walker im Außermu- sikalischen weiterdenken. Melbourn und Walker sind zwei der inspirierenden Fotografinnen und Videokünstlerinnen, die eine*n gerade nicht permanent davon überzeugen wollen, dass ihre Arbeiten das wahre Leben abbilden, wo wir doch alle vom Gegenteil wissen. Man kann also sagen, die Videos, die Walker und Melbourn zu „Affection“, „Sink In“, „Send Me“ und „Tectonic“ produziert und editiert haben, sind wahre Kunst. Außerdem ist Walker mit Mica Levi verheiratet und damit schon auf dem Papier Teil der „Kinship“, von der unbedingt die Rede sein muss, wenn von Tirzah-Alben die Rede ist, denn:

Zweitens: Tirzah-Alben sind nicht Tirzahs Alben. Wenn man Mastin fragt, ist Tirzah nicht der Künstlerinnenname von Tirzah Mastin, sondern die „Split-Second-Decision einer Sängerin, die mit der Industrie nichts zu tun haben wollte und rückblickend vielleicht anders entschieden hätte“. Und „Colourgrade“ ist auch nicht ihr zweites Album, „weil jede Form von Kreativität aus geteilten Er- fahrungen mit anderen entsteht. Wenn ich betone, dass ich immer damit gestruggled habe, als Solokünstlerin bezeichnet zu werden, geht es dabei weniger um eine aktive Angst vor dem Alleinsein. Es geht vielmehr um die Tatsache, dass alle Menschen – haha, hier bin ich und spreche für alle, aber in gewissem Maße habe ich schon das Gefühl, dass sich alle Menschen in diesem Punkt ähneln – ein Bedürfnis nach Gemeinschaft haben. Oder willst du etwa Isolation?“, fragt Mastin, und was sie damit sagt, ist: Für Tirzah braucht es mehr als eine Person, die ins Mikro singt.

Aber es stimmt schon, Mastins Gesang ist Dopamin. Ihre Stimmbänder vernetzen Welten, die weder aus „imperfekter Popmusik“ noch aus „Post-Grime“ gebaut sind, und ganz bestimmt nicht aus „verschlafenem Soul-House-Pop“. In „Tectonic“ schiebt Mastin die Worte „Instinct takes place“ wie Druckwellen an denen Coby Seys vorbei – und das ist der Hauptsatz, mit dem wirklich alles über dieses Album gesagt ist. Interessanterweise ist es aber auch Teil dessen, was der Musiker Sey auf „Colourgrade“ sagt. Denn vermittelt durch Tirzah Mastins Stimme sind es häufig seine Texte, die zwischen lautmalerischen Lullaby-Fragmenten, ortlosem Noise und so etwas wie Soul im Sinne von Seele den Duktus bestimmen. Vom Unerklärlichen ins Unendliche getrieben („Crepuscular Rays“) bleibt das Album, auf halbem Weg von Schlafzimmerzeilen wie „When you touch me / I’m out my body“, die genauso vom Stillen wie von Sex erzählen könnten, zu solchen über Clubräume, in denen Kinder nur als Spuren erwachsener Körper existieren („Techno takes place“), aus Angst vor der Scheiße im Hier und Jetzt („Hive Mind“) irgendwie stuck in reality. Der ganz große Abwasch also, der nie fertig wird.

„Wenn ich singe, interpretiere ich bestimmte Zeilen, und alle Hörenden werden sie wieder interpretieren. Sie existieren natürlich in anderen Köpfen, aber nicht auf dieselbe Art und Weise. Ich ziehe daraus die Bedeutung, die ich brauche, und die ist heute bestimmt eine andere als im Augenblick der Aufnahme“, spricht Mastin in einem dieser Momente von sich, in denen sie nicht für Sey oder Levi oder Walker sprechen möchte. „Aber ist es nicht krass, was passiert, wenn ein Text über Koitus, der den Empfindungen eines Mannes entspringt, von einer Frau interpretiert und in einem Song oder Video zum Ausdruck gebracht wird?“

Vor allem, wenn man auf dem Schirm hat, dass es passiert. Und in Mastins Fall auch, wann und wie. In einem Studio mit Fenster zum Himmel nämlich, quer über die Straße, nachdem sie ihre Tochter in einem Londoner Zimmer ohne Aussicht ins Bett gebracht hat. „Wir haben Wohnungen bis ans Limit gepusht, da war einfach nie Platz. Ich bin bislang mindestens einmal im Jahr umgezogen, immer auf dem Sprung. Und hier sitze ich: fresh aus dem häuslichen Leben“, meint Mastin. Und dass sie nicht für immer in Sidcup bleiben werde und dass so etwas wertvoll sei: Perspektive.

Missy Magazine 05/21, Titelstory
© Vicky Grout, Assistenz: Rashidi Noah

Man kann all das über Tirzah Mastin schreiben, wenn man Platz hat und Glück, dass sie Mobiltelefone hasst, aber trotzdem benutzt. Andernfalls hätte die Kurzfassung vielleicht gelautet: Tirzah Mastin könnte es leichter haben. Sie könnte nämlich nappen. Sie könnte aufhören, Fragen mit Fragen an sich selbst zu beantworten und die nach der Gleichzeitigkeit von Tanzen und Kämpfen mit einer Abhandlung über Capoeira, obwohl ein müdes Lächeln die naheliegende Reaktion gewesen wäre. Vor allem aber könnte sie es einfach mal lassen, Menschen alters- und familien- und lidstrichunabhängig davon zu überzeugen, dass es erst weitergehen kann, wenn man beides getan hat, als gäbe es kein Morgen. Nur: Warum sollte sie?

Tirzah – „Colourgrade“
Domino, VÖ: 01.10

Zuerst erschienen in Missy 05/21

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