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Poröser Pop

Zwischen Zärtlichkeit und Trauma: Auf dem Debütalbum „Desire“ entwirft Desire Marea vielfältige Sounds.

13.09.21 > Musik

Von Nadine Schildhauser

Der Track „Self Center“ eröffnet das Album mit synthetischen Orgelklängen, die schwingen, nachhallen und sich steigern, bis sie vollkommen elektronisch klingen. Jeder Track entfaltet eine Dramaturgie, die sich auch insgesamt durch das Album zieht. Bis zum ersten Mal die Opernstimme in „Zibuyile Izimmakade“ ertönt, ist bereits so viel Spannung aufgebaut, dass die Produktion wie eine Theaterinszenierung wirkt. Im Laufe des Albums gleiten die Tracks zwischen Glamour und poröser Realität, zwischen Pop und Avantgarde.

Auf sanften Gesang folgen perfekt inszenierte Störgerauscheffekte. Damit steht „Desire“ in einer Reihe von in den letzten zehn Jahren veöäffentlichten Alben, die Pop und experimentelle Musik verbinden, zwischen den Genres springen und inner- sowie außerhalb des Clubs funktionieren. Diese Musik hat längst ihre Nische gefunden und sich auf internationalen Festivals institutionalisiert.

Missy Magazine 05/21, Musikaufmacher
© Jamal Nxedlana

Der US-Musikjournalist Simon Reynolds entfachte mit dem Essay „The Rise Of Conceptronica“ 2019 eine Debatte über die Akademisierung, vermeintliche Seelenlosigkeit und den scheinbar fehlenden Befreiungscharakter dieser elektronischen Popmusik. Reynolds lieferte dabei eine konservative Analyse, die mehr über seinen begrenzten Standpunkt sagte als über die Musik. Befreiung und Akademisierung sind aber für „Desire“ gute Stichworte. Marea hat einen Abschluss in Darstellender Kunst, was in der Arbeit durchschimmert. In den Musikvideos „Tavern Kween“ und „You Think I’m Horny“ entsteht ein Zusammenspiel aus Musik, Begleitfarben des Filmraums, Make-up sowie Tanzperformances, die sich um die klackenden Beats und die sanfte Altpop-Stimme schmiegen.

Mühelos leitet Marea von einem melancholischsphärischen Track in einen Discotrack über. Zum Befreiungscharakter: Insbesondere die Tanzperformances und glamour.sen Kostüme lassen sich als Feier von Geschlechterfluidität verstehen. Diese spiegelt sich auch im Sound wider, der sich weigert, in eine Stimmung oder Botschaft gepresst zu werden: Das Spektrum erstreckt sich von opernhaftem Falsettgesang wie in „Zibuyile Izimmakade“ über (Free-)Jazz- Elemente und Soul in „Ntokozo“ bis hin zum fast zehnminütigen Track „Studies In Black Trauma“, der, mit Noise unterlegt, wimmernden Operngesang einer monströsen Stimme gegenüberstellt, in weitere Klangpassagen übergeht und die ambivalente Stimmung des Albums verdichtet. „Desire“ ist ein kompromissloses Soundexperiment zwischen Zärtlichkeit und Trauma.

Desire Marea „Desire“ – Mute Records

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