Und jetzt?

Wie nachhaltig hilft die Kampagne nach Deutschrap-#MeToo gegen sexistische Strukturen?

Text: Azadê Peşmen
Foto: Chase Fede/Unsplash

Sexualisierte Gewalt ist nach wie vor etwas, das meiner Meinung nach absolut underreported ist. Es gibt wahnsinnig viele Felder, die nicht aufgearbeitet sind in dem Bereich, ganze Branchen. Es fehlt aber auch viel Wissen zu dem Thema“, sagt Juliane Löffler, Senior Reporterin bei Ippen Investigativ. Am Tag unseres Gesprächs veröffentlicht sie selbst eine #MeToo- Geschichte: Gegen einen Berliner Hausarzt, dessen Praxis insbesondere in der schwulen Szene bekannt ist, gibt es Vorwürfe sexualisierter Gewalt. Dabei ist die Berichterstattung über #MeToo-Fälle nicht einfach, denn häufig ist sexualisierte Gewalt schwer zu beweisen und das muss jede*r Journalist*in, der*die darüber berichtet: Belege und Belegtatsachen finden.

In der Regel reicht nicht nur eine Quelle, es muss mehrere Menschen geben, die entweder die Vorwürfe bestätigen oder Ähnliches erlebt haben. „Ich habe viele Geschichten erzählt bekommen, die ich für glaubwürdig halte. Aber ich konnte sie nicht veröffentlichen, weil ich dafür nicht genug Belege und Belegtatsachen zusammenbekommen habe“, erklärt die Journalistin. Die Beweise müssen im Zweifel vor Gericht standhalten, denn eine Person, der vorgeworfen wird, sexualisierte Gewalt ausgeübt zu haben, kann juristisch dagegen vorgehen, Unterlassungsklagen erwirken und, wie im Fall von Löffler, erreichen, dass der Text (zumindest temporär) aus dem Netz genommen wird. Doch es sind nicht nur mangelnde Beweise, die dazu führen können, dass #MeToo-Berichterstattung erst gar nicht zustande kommt. Nicht alle haben die Kraft dafür, über ihre Erfahrung zu sprechen: „Es gibt auch Leute, die schaffen es nicht. Die führen mit mir ein erstes Gespräch und sagen hinterher: Das alles zu erzählen hat mich retraumatisiert, es geht mir so schlecht, ich kann nicht weiter mit dir sprechen. Und dann sind die weg“, erzählt Juliane Löffler.

Missy Magazine 05/21, Kultur 2
© Chase Fade / Unsplash

Immer noch da und präsent ist hingegen Nika Irani. Die Influencerin hat eine Lawine losgetreten. Sie hat auf Instagram schwere An- schuldigungen gegenüber dem Rapper Samra erhoben und wirft ihm vor, sie vergewaltigt zu haben. Daraufhin meldeten sich einige mutmaßlich Betroffene bei ihr via DM und schilderten ähnliche Erlebnisse.

Der beschuldigte Rapper weist die Vorwürfe von sich und schrieb selbst auf Instagram: „Ich habe niemanden vergewaltigt, weder die Person, die mich dessen beschuldigt, noch andere Menschen (…) Da sich diejenige, die mich beschuldigt, weigert, die Angelegenheit zur Anzeige zu bringen, sehe ich mich gezwungen, den Sachverhalt von der Staatsanwaltschaft klären zu lassen.“

Tagelang gab es in der Deutschrapszene kein anderes Thema mehr. Auch für die Fans von Samra, die Nika Irani vorwarfen, dass sie sich das alles nur ausdenke. Denn: Wer einen Onlyfans-Account habe und sich freizügig kleide, würde ohnehin lügen. Solche Aussa- gen finden sich in den Kommentaren auf Iranis Instagram-Profil auch jetzt noch, Wochen nachdem die Vorwürfe öffentlich wurden. Universal hat (vorerst) die Zusammenarbeit mit Samra gekündigt, so lange, bis die Vorwürfe – mittlerweile juristisch, Samra hat Strafanzeige gestellt – geklärt sind.

Die Causa #DeutschrapMeToo geht aber weit über Samra und Nika Irani hinaus: Am 18. Juni 2021 rief der Instagram-Account @deutschrapmetoo – wie zuvor auf Twitter – Betroffene dazu auf, sich zu melden, wenn sie im Deutschrapkontext sexualisierte Gewalt erlebt haben: „Wir bieten ihnen juristische und psychologische Beratung an, wenn sie die in Anspruch nehmen möchten. Wir vernetzen Betroffene untereinander, wenn das von allen Seiten gewünscht ist, und bieten dann auch explizit juristische Beratung an, wenn sie z. wB. eine Sammelanzeige machen möchten“, sagt ein Mitglied der Initiative #DeutschrapMeToo im Interview. Sie teilen im Einverständnis mit den Betroffenen die Geschichten anonym und leisten Aufklärungsarbeit zum Thema sexualisierte Gewalt. Anfangs habe es einen sehr hohen Andrang gegeben, den sie erst mal abarbeiten mussten, doch auch jetzt würden sich noch täglich Betroffene bei ihnen melden. Wie in der Medienlogik und Hashtag-Aufmerksamkeit üblich, wurde viel über die Initiative berichtet. Es haben sich auch Journalist*innen zu Wort gemeldet, die schon lange in der Branche arbeiten. Die Moderatorin Visa Vie gab zu: „Ich habe in den letzten zwölf Jahren in der Rapwelt von so vielen Fällen von sexualisierter Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen gehört, sie selbst mitbekommen oder am eigenen Leib erlebt, dass es Monate dauern würde, all die Erlebnisse zu (er-)zählen oder in ihren fürchterlichen Details zu rekonstruieren.“

Wenn es das Problem schon so lange gibt, wie nachhaltig ist dann #DeutschrapMeToo? „Hinter den Kulissen ist einfach schon mehr passiert, als von außen feststellbar ist. Wir wissen, dass Universal Deutschland eine Woche nach dem Start unserer Kampagne intern einen Diversity-Manager ausgeschrieben hat, viele Institutionen wollen sich von uns beraten lassen. Wir bekommen Anfragen von Booker*innen und anderen Agenturen sowie großen Institutionen, die sich mit Popkultur beschäftigen, die sich wünschen, dass wir sie beraten. Ich würde schon sagen, dass wir strukturell ganz schön was angeschoben haben“, sagt die Initiative #DeutschrapMeToo.

Aber kann so eine Stelle tatsächlichen Wandel in das Unternehmen bringen oder ist auch das nur oberflächliche Ausbesserung ei- nes tief sitzenden strukturellen Problems? Die Initiative ist sich bewusst darüber, dass einige, die an dem Diskurs beteiligt sind – ein Rapper kommt nie ohne Entourage, den Booker*innen, dem Label, den PR-Agenturen –, sich „woke washen“ wollen. Aber auch dafür bieten sie eine Lösung an: Gemeinsam mit der Agentur MISC* für kulturellen Wandel erarbeiten sie Standards, die z. B. Labels erfüllen müssen, da- mit es tatsächlich strukturelle Veränderungen gibt. Dazu gehören interne Workshops, Weiterbildungen, Awareness-Stellen. „Wir wollen von innen heraus die Szene verändern.“ Und nur so kann sich auch langfristig etwas ändern.

Du kannst nicht genug bekommen? Unser Print-Abo versorgt Dich mit dem Neuesten in Sachen Politik, Pop, Debatten und Veranstaltungen! 6 Hefte für 30 Euro direkt zu Dir nach Hause. Hier geht´s zum Missy-Abo.