Zerbröckelnde Zeitzonen

Sasha Marianna Salzmanns neuer Roman sucht nach Spuren von Migration und Begehren.

Text: Juri Wasenmüller
Foto: Heike Steinweg / Suhrkamp Verlag

Nina kommt zufällig am Gebäude der Jüdischen Gemeinde in Jena vorbei, angezogen vom Geruch nach verbranntem Zucker und Geschrei. Sie sieht Lena in einem eleganten smaragdgrünen Hosenanzug. Lenas Tochter Edi – bleich und mit platinblonden Haaren – liegt zusammengeschlagen im Gras. Die Gäste von Lenas Geburtstagsparty hängen an den Fenstern im zweiten Stock des Hochhauses und schauen runter auf den Haufen von verbranntem Papier neben Edi. Nina erkennt ihre Mutter Tatjana. Sie haben sich lange nicht gesehen.

Auf den ersten Seiten von Sasha Marianna Salzmanns zweitem Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ spricht Nina. Insgesamt kommt die Ich-Erzählerin im Buch nur an drei Stellen zu Wort, die recht kurz sind, aber so dicht und in ihren Aussagen so klar, dass sie die vielen ineinanderfließenden Erzählstränge des Romans einfangen und auf den Punkt bringen. Nach einem wiederkehrenden Traum schreckt Nina auf: „Ich habe mich gefragt, ob es möglich ist, mit der eigenen Mutter nicht in der Vergangenheit zu sprechen oder in der Zukunft. Ihr in die Augen zu schauen nur im Jetzt. Sich nicht mehr vorwerfen, was war, oder beklagen, was niemals sein wird.“

„Es geht darum, wie Mütter und Töchter sich anschauen“, sagt Salzmann im Gespräch. „Das ist das Einstiegsbild und es zieht sich durch das ganze Buch.“ Es ist warm und er trinkt Lemon Soda aus der Dose. Am Vortag war sie noch in Leipzig gewesen, wo er gerade eine Gastdozentur am Deutschen Literaturinstitut innehat. Jetzt sitzt sie in einer ihrer Kreuzberger Lieblingsbars beim Mittagstisch.

Für den Roman hat Salzmann Frauen aus der Generation seiner Mutter interviewt – eine Clique von Freundinnen, die aus verschiedenen Orten in der Sowjetunion nach Deutschland kamen. Sie alle kennen sich untereinander, wenn auch manche einander besser als andere. „Was ich wirklich verstehen wollte, ist, was diese Frauen ihren Kindern nie erzählt haben“, beschreibt Salzmann den Ausgangspunkt des Schreibprozesses. „Irgendwann war ich richtig on und habe sie alles gefragt, z.B.: ‚Wie war die Geburt deines Kindes?‘ Ich stieß auf verstörende Zusammenhänge und merkte, dass schreckliche Geburtserfahrungen kein Einzelfall sind. Oder, frag mal eine dieser Frauen auf Russisch: ‚кто из наших был в ГУЛАГе?‘“ (Übersetzung: Wer von uns ist im Gulag gewesen?) Salzmann stößt einen Laut aus, der wie „ouppa“ klingt. Vielleicht haben Leser*innen, die in einem russischsprachigen Umfeld aufgewachsen sind, den Sound im Ohr. Er spricht weiter: „Diese Frage verändert alles an der Gesprächssituation. Ich habe viel darüber nachgedacht, wie wir mit Müttern reden. Dieses Buch ist meine Verbeugung vor ihnen, mein Kniefall vor den Migrantinnen.“

© Heike Steinweg

Eigentlich habe er eine lesbische Liebesgeschichte schreiben wollen, die in Marseille spielt – etwas Schönes, Deepes, vielleicht Lustiges. „Aber leider ist das nichts, was man sich aussuchen kann. Dass ich beim Schreiben im Gulag in der Sowjetunion gelandet bin, war ein Downer“, merkt Salzmann gleich zu Beginn des Interviews an. Dennoch sei es kein Buch über die Sowjetunion – was sichtbar werde, seien die Innenansichten und Beziehungen von Menschen.

Aus den wechselnden Perspektiven von Nina, Edi, Lena und Tatjana erzählt, nimmt Salzmann die Lesenden mit in die 1970er- Jahre in Gorlowka und Sotschi, in die 1980er und 1990er in Dnepropretrowsk, Mariupol und Kriwoi Rog, mit kurzen Abstechern nach Moskau und Kiew.

Lena wächst in der ukrainischen Stadt Gorlowka auf. Ab der dritten Klasse verbringt sie ihre Sommer im Pionierlager Kleiner Adler, wo sie Aljona kennenlernt – und alle, die wissen, wie es läuft, werden darin eine sich anbahnende Liebesgeschichte lesen, die stets angefeuert, aber letztlich nie auserzählt wird. Immer wieder habe Salzmann in ihrem zweiten Roman Entscheidungen treffen müssen, die dem entgegenstehen, wie er die Welt gerne hätte. Während die Protagonist*innen in Salzmanns Debüt „Außer sich“ immer wieder Geschlechtsidentitäten und Namen ändern, sprechen und denken die „herrlichen Menschen“ durchweg im generischen Maskulinum. „Statt eine Geschichte darüber zu schreiben, wie ich die Sowjetunion gern gehabt hätte, habe ich mich für die schmerzhaftere Variante entschieden“, sagt Salzmann. „Lena ist lesbisch und wird es nie erfahren.“

Fürs Medizinstudium zieht Lena nach Dnepropretrowsk. Sie wird Ärztin. Und dann kommen die 1990er-Jahre. Die Themen, die Salzmann im Folgenden aufgreift und anreißt, bestimmen bis heute die Tischgespräche vieler postsowjetischer Familien. Während Lenas Patient*innen auf der Privatstation mit Pelzen und Nerzen auffahren, wird die Siedlung aus Pappkartonbehausungen unter der Brücke geräumt. Jüdinnen_Juden, Russlanddeutsche und alle, die können, migrieren. Tatjana geht aus Mariupol nach Kriwoi Rog, um dort einen Spirituosenladen aufzumachen und von Import-Export zu leben. Am Ende steht auch sie mit Nina im Bauch auf dem Kurfürstendamm.

Den titelgebenden Spruch drückt Lenas Chefarzt vor der versammelten Belegschaft, als ein Kollege es wagt, in Jeans und Rollkragenpullover – also „westlichem Stil“ – in der Klinik zu erscheinen: „Im Menschen muss alles herrlich sein – das Gesicht, die Kleidung, die Seele und das, was er denkt. Begreifen Sie?“

Das Zitat aus Tschechows „Onkel Wanja“, „В человеке всё должно быть прекрасно“ wird im Russischen tatsächlich als Redewendung benutzt. „In der Generation meiner Oma hat man das noch ernsthaft zueinander gesagt und damit war nur eine Sache gemeint: ‚Du bist nicht genug.‘ Für meine Mutter ist dieser Satz ein rotes Tuch, eine Beschimpfung, eine absolut brutale Forderung“, erzählt Salzmann. In der deutschen Übersetzung habe sie sich sehr bewusst für das Wort „herrlich“ entschieden, „weil es eines der schlimmsten ist, das diese Sprache zustande gebracht hat. Der ‚Herr‘ steckt drin und dann dieses ‚-lich‘, das es so slick macht – ekelhaft. Ich finde dieses Wort macht die Brutalität des Satzes deutlicher für ein deutsches Ohr.“

Jahre später, in Jena, beschäftigt sich Nina mit dem Zerfall der Sowjetunion. Es sind Passagen, mit denen sich wahrscheinlich viele identifizieren können, die zwar keine eigenen Erinnerungen an diese Zeit, aber dennoch eine Ahnung davon haben, dass es Wellen schlägt, wenn „elf Zeitzonen auseinanderbröckeln“.

Auch Lenas Tochter Edi kommt nie so richtig von ihrer Familie und den daran hängenden Geschichten los, obwohl sie schon mit zwölf von zu Hause weg wollte. Sie lebt in Berlin und trifft sich in queeren Clubs mit Frauen, die großflächige Tattoos auf der Haut und kinky Sprüche in ihren Online-Dating-Profilen haben. Im Bett ihrer Berliner Wohnung liest sie die „Feldstudien über ukrainischen Sex“. Sie überlegt, im Rahmen ihres Volontariats bei einer Zeitung eine Dienstreise in die Ukraine zu machen und über den Krieg im Donbass zu schreiben. In Edis Berliner Redaktion erwartet man allerdings keine Reportage über die Ukraine, sondern sitzt ihr primär im Nacken, sich vor den anstehenden Wahlen irgendwie zu „ihren Leuten zu verhalten“. Sie solle die gemeinsame Muttersprache als Köder auswerfen, um „diese Menschen“ vor das Aufnahmegerät zu bekommen. Das sei ihr „Unique Selling Point“.

Dass im Roman Edis Vater Daniel die AfD wählt, beschreibt Salzmann als seinen persönlichen Schmerzpunkt gegen die „Juden in der AfD“. Dass zum ersten Mal seit 1945 eine faschistische Partei in den Deutschen Bundestag gewählt wurde, könne sie nicht unkommentiert stehen lassen, erklärt Salzmann im Gespräch mehrfach. „Außer sich“ erschien 2017 kurz vor den Wahlen, die Lesereise danach gestaltete sich zu einer spontanen Anti-AfD-Tour. Auch in den „herrlichen Menschen“ wird das Thema „postsowjetische Migrant*innen und die AfD“ angerissen, allerdings nicht als Leitfrage des Buches. Dass ihr neuer Roman pünktlich vor der nächsten Bundestagswahl erscheint, findet Salzmann witzig bis zynisch. „Kennst du diese Tassen, wo draufsteht: ‚Seien Sie nett zu Ihren Kindern. Sie könnten Schriftsteller werden‘? Das könnte ich auf Deutschland anwenden: ‚Seien Sie nett zu Ihren Migrant*innen, Sie könnten Schriftsteller*innen werden.‘“

Sasha Marianna Salzmann „Im Menschen muss alles herrlich sein“ – Suhrkamp, 384 S., 24 Euro

Zuerst erschienen in Missy 05/21

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