Aktivismus inszeniert

In der neuen Reality-Show „The Activist” treten Aktivist*innen gegeneinander an, anstatt miteinander.

21.09.21 > Arpana Berndt
Profilfoto Arpana Aischa Berndt

Arpana Aischa Berndt
ist Autorin und in der politischen Bildungsarbeit tätig. Sie studiert Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus und beschäftigt sich in ihrer Abschlussarbeit mit Horror und Empowerment. In ihren Workshops behandelt sie Fragen zu Allyship, Allianzen und Rassismuskritik. Auf Instagram ist sie unter @a_aischa zu finden. Foto: cv studio berlin

Text: Arpana Berndt
Illustration: Xueh Magrini

Eine Schauspielerin, ein Musiker und eine Person, von der ich nicht weiß, warum sie berühmt ist, bewerten in einer Reality-Show den Aktivismus von Kandidat*innen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Umwelt anhand ihrer Social-Media-Auftritte. Was wie der Beginn eines schlechten Witzes oder eine neue „Black Mirror“-Folge klingt, ist die neueste Erfindung im Kapitalismus: „The Activist“ mit Priyanka Chopra Jonas, Usher und Julianne Hough in der Jury soll ab Oktober im US-amerikanischen Fernsehnetzwerk CBS zu sehen sein. Gesellschaftliches Engagement, Aktivismus, Solidarität als Wettkampf?

Ich sehe müde Menschen. Menschen, die täglich an ihre Grenzen gehen, sich in Lebensgefahr begeben, um gegen Gewalt und Diskriminierung und für Gerechtigkeit zu kämpfen. Menschen, die hungern, bis ihre Verwandten gerettet werden. Menschen, die auf den Straßen demonstrieren, Menschen, die streiken. Menschen, die ihre Jobs riskieren. Menschen, die täglich und jahrelang das Gleiche sagen, bis jemand zuhört. Menschen, denen gesagt wird, dass Diskriminierungserfahrungen sie stark machen – als würde Trauma nicht Menschen brechen, als würde Gewalt sie empowern. Ich sehe Menschen, die für ihre Freund*innen Moneypools einrichten überall, wo das System versagt: für die Therapiestunden, die die Versicherung nicht trägt. Für die Miete, die den Großteil des Einkommens ausmacht. Für die geschlechtsangleichende OP, die die Ärztin bzw. der Arzt nicht als notwendig empfindet. Für die Schulsachen der Kinder, die jeden Herbst neu gekauft werden müssen. Für Anwaltskosten, für Bestattungskosten, für die dringend benötigten Medikamente.

Das sind Menschen, die darauf angewiesen sind, dass andere sich solidarisieren, dass Allianzen gebildet werden, dass Kollektive, Netzwerke und Bewegungen entstehen und aufrechterhalten werden, damit Druck auf politische Entscheidungsträger*innen ausgeübt werden kann. Und dabei geht es weder um Selbstverwirklichung, Selbstinszenierung noch um das Label „Activist“ als special interest im Lebenslauf oder in der Insta-Bio. Es geht nicht darum, ob man jemanden mag oder sympathisch findet oder als Gegenleistung erwartet, dass sich das Gegenüber auch mit einem solidarisiert. Es geht schlichtweg darum, dass jemandem etwas widerfährt, was niemandem angetan werden sollte – und dafür setzt man sich gemeinsam ein. Das macht eine*n nicht mal unbedingt zum*r Aktivist*in, die Bezeichnung wird ohnehin sehr leichtfertig vergeben. Doch gerade Aktivist*innen, egal, wofür sie sich einsetzen, sind auf Kollektive und Netzwerke angewiesen. Wieso mit anderen Aktivist*innen in einen inszenierten Konkurrenzkampf à la „Hunger Games“ zu treten und so soziale Bewegungen auf die Taten von Einzelpersonen zu reduzieren, die mal kurz mit Twitter die Welt retten?! Gerade soziale Bewegungen müssen unter anderem die Bereiche Gesundheit, Bildung und Umwelt zusammendenken, statt sie gegenüberzustellen, und können Kapitalismuskritik nicht einfach ausklammern.

Es ist klar, dass mit der Show „The Activist“ sogenannte Aktivist*innen vermarktet werden sollen, dass mit dem dafür eingesetzten Geld stattdessen direkt soziale Bewegungen hätten finanziert werden können. Dass es in der Show nicht darum gehen wird, Kapitalismus als Kern der Probleme zu enttarnen, diskriminierende Systeme grundlegend zu verändern und es wahrscheinlich auch nicht darum gehen wird, sich z. B. für die Rechte von Schwangeren im Bundesstaat Texas oder die Abschaffung der Polizei einzusetzen, ist auch klar. Man kann die Motivation der dort antretenden „Aktivist*innen“ infrage stellen, genauso wie die von Priyanka Chopra Jonas, die bereits mehrfach unter anderem wegen Werbung für Skin-Bleaching-Cremes und ihrer Nähe zum indischen Premierminister Modi in der Kritik stand. Aber vielleicht haben die Macher*innen der Show etwas erkannt: das gute Gefühl der Zuschauer*innen, wenn man einfach nur ein Like da lassen muss für die Aktivist*in ihres Vertrauens, dass ein Share-Pic in die Story zu laden einem das Gefühl gibt, Teil einer großen Bewegung und ein wahnsinnig guter Mensch zu sein – und da wären wir wieder bei der Selbstverwirklichung durch performte Solidarität.

* Anm. d. Red.: Die heftige Kritik an dem Format hat den Sender mittlerweile dazu bewogen, das Format der Serie zu überdenken.

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