Liebes Ich, worauf wartest Du?

Anlässlich des internationalen Klimastreiks führt Zain Assaad einen Dialog mit sich selbst.

Profilfoto Zain Salam Assaad

Zain Salam Assaad
In einer Kleinstadt in Westsyrien geboren und aufgewachsen und lebt seit Mitte 2016 in Deutschland. Er*sie studiert Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig und arbeitet in den Bereichen Umweltbildung, Übersetzung und Linguistik. In der Freizeit holt sich Zain Udon Nudeln mit veganer Ente und beschwert sich über das Wetter in Deutschland, toxische Netzkulturen und empathiefreie Debatten.

TEXT:  Zain Assaad
ILLUSTRATION: Maria Victoria Rodriguez

Liebes Ich, 

ich schreibe dir heute, weil mir die Zukunft oft weit weg vorkommt. Das Konzept der Zukunft verstehe ich nicht. Bestimmt haben sich die Menschen Gedanken darüber gemacht, bevor sie eine ganze Bewegung “For Future” gegründet haben, wofür genau die Zukunft stehen soll. Ich stelle mir die Frage, was darin mitschwingt – Hoffnung oder Angst?

Wieder wird dieses Jahr am 24. September für konsequente Klimapolitik weltweit gestreikt. Ich bin noch halb am Schlafen. In meinem Kopf schreien viele, vor allem junge Stimmen. Akzentfrei, wütend und energievoll. Ich nehme mein Handy in die Hand und suche die paar Wörter, die ich vom Spruch verstanden habe: “Wir sind hier. Wir sind laut. Weil ihr uns die Zukunft klaut.” Das irritiert mich und dich immer wieder. Denn hier sind wir schon lange. Okay, heute sind wir wahrscheinlich laut. Eine Zukunft haben wir nur gelegentlich, wenn andere denken, dass wir eine verdient haben. Trotzdem streiken wir dieses Jahr wieder mit. Obwohl es dir schwer fällt zu verstehen, wogegen wir genau streiken.

Bei diesen Protesten einer europäisch geprägten Bewegung (zumindest aus medialer Perspektive) hat man das Gefühl, dass all die Ängste, die man selbst schon lange hat, endlich mal für alle sichtbar werden. Obwohl ich diese Debatten um die “Zukunft” nicht gut einordnen kann. Die deutsche Zukunft in Sachen Klima ist heute bereits Alltag an vielen Orten der Erde. Das ist eine Tatsache. In einer Greenpeace-Studie aus dem Jahr 2014 hieß es, dass bis 2040 ca. 200 Millionen Menschen aufgrund von klimabedingten Katastrophen auf der Flucht sein werden. Besonders betroffen seien unter anderem die Sahelzone in Afrika, Bangladesch und viele Inseln im Südpazifik. 

Im Netz verbreiten sich jetzt kurz vor dem Streik Bilder mit sympathischen und etwas aufgeregten Gesichtern von Menschen mit Schildern, auf denen geschrieben steht: “It’s my crisis, too”. Früher hätte ich gesagt, “Is it though?!”. Ich verliere die Wörter, wenn es um Klimawandel geht. Ich dachte immer, dass ich eher auf der Suche nach einem ruhigen Leben im europäischen Luxus bin. Mitzukonsumieren als der größte Traum, den ich je hatte. Auch, wenn ich den anders verpackt habe, zeigt sich das jetzt glasklar. Das ist Teil des “German Dream” oder zumindest war es Teil meines Traums. Es war mir sehr unangenehm zuzugeben, dass ich auch eine Zukunft hier habe. Aber diese Zukunft kann mir auch “weggeklaut” werden, wenn wir jetzt nicht handeln. Diese Zukunft fängt schon jetzt und nicht erst 2030 an.

Der Druck wird größer und realistischer mit dem letzten Bericht des Weltklimarats. Der Klimawandel wartet nicht. Das heißt, wir müssen schneller handeln. 

Ich habe diese kollektive Sprache, dieses “Wir”, in der Uni gelernt und internalisiert. Aber jetzt kommen bei mir wieder Fragen hoch: Wer sind “wir”? Und wie viele Menschen sind inwieweit an dieser und meiner Zukunft beteiligt? Kann es sein, dass all diese Menschen mehr an meiner Zukunft beteiligt sind, als ich es sein kann? Kann das sein, dass sich meine Rolle in Deutschland darauf beschränkt, dass ich mich selbst konstant ausbeute, bis ich mir mal Bio-Produkte leisten kann?

Und was ist auch mit meiner syrischen Zukunft?! Meine Zukunft lässt sich nur im Plural verstehen, ist hybrid und geprägt von Zeitdruck. Dieser Brief wird also nicht einfacher, liebes Ich. Dort, in dem für Europa “Nahen Osten”, gibt es Dürren. Das Wetter hat sich so stark verändert, dass die Orangen meiner Großmutter schlecht werden, bevor sie überhaupt reif sind. Wenn ich aber schon eine meiner Zukünfte so gut wie verloren habe, will ich die andere ungerne weggeben. Daher streiken wir mit. Das lassen wir so stehen. 

In Deutschland sollen jedoch alle nach einem Gerichtsurteil vom April des laufenden Jahres ein “Recht auf Zukunft” haben. Daher wurde das 2019 beschlossene Bundesklimaschutzgesetz in mehreren Punkten als verfassungswidrig eingestuft, “weil noch nahezu alle Bereiche menschlichen Lebens mit der Emission von Treibhausgasen verbunden und damit nach 2030 von drastischen Einschränkungen bedroht sind”. Es fehlen wahrscheinlich noch die passenden Formulare in der richtigen Schriftgröße, bevor die richtigen Maßnahmen ergriffen werden können. Wir warten auf Wahlergebnisse, wir warten auf Gerichtsurteile, wir warten auf Katastrophen, die sich langsam sogar hierher ziehen. Was passiert in der Wartezeit?

Leider habe ich nicht so viele Antworten. Leider kann dieser Brief noch länger werden. Die Fragen werden komplexer und ich fühle mich angegriffen, weil ich meinen Platz in dieser Weltordnung nicht genügend reflektiert habe. Wir wissen beide, dass die Lösung kein familienfreundliches Start-up in Berlin oder München und auch nicht der neue Secondhandladen um die Ecke ist. Eine ökologische, feministische und sozial gerechte Wende braucht schnelles, transnationales Denken und Handeln. Nochmal frage ich mich und dich: “Worauf warten wir?”.