Stadt der Huren

Wer darf über Sexarbeit sprechen, fragt sich unser Kolumnist Christian Schmacht, nach einer Konferenz.

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @hurentheorie.

Text: Christian Schmacht
Illustration: EL BOUM

„Ein Jahr in Berlin, trotzdem keine neuen Freunde – ihr poppt zu viele Pillen, ungesunde Leute“, rappt Layla in ihrem Song „Dichter“. Das spricht mir aus der Seele. Eine gute Zusammenfassung, warum ich weggezogen bin. Aber wenn man Berlin hinter sich gelassen hat, tauchen andere Probleme auf. Z. B. TERFs, die an jeder Ecke lauern! In Berlin haben sie einfach keine starke Basis. In meiner neuen Stadt hingegen sind welche im eigenen Freundeskreis aufgetaucht. Schock. Schmerz. Uff. Gemerkt hat es außer mir leider niemand, weil es cis Leute in der Regel nicht interessiert, wie andere cis Leute in ihrer Freizeit ihre cisgender Ideologie ausleben. Wir haben doch alle schon genug Probleme, wieso gibt es dann auch noch TERFs? 

Vielleicht zur Ablenkung woanders hinfahren? Eine lange Zugfahrt durch die Idylle, und mensch ist in Österreich. Da ist zwar nichts besser, aber es ist anders. Ich diskutiere mit Wiener*innen, ob D-Land oder Ö-Land rechter, konservativer, schlimmer ist. Eine Freundin sagt: Bei uns sind die Rechten so integriert, dass ein Hitlerbild in der Polizei-WhatsApp-Gruppe gar keinen Skandal auslösen würde. Für welche Seite sie damit argumentiert, wissen wir beide nicht.

In Wien möchte ich die Sexwork-Konferenz von der Gruppe Red Edition besuchen. Red Edition sind Teil der Wiener Sexwork-Community und migrantisch selbstorganisiert. Die Veranstaltung hat sich zum Ziel gesetzt, Nicht-Sexarbeitende zu informieren, wie über Sexarbeit geforscht, gesprochen und geschrieben werden kann. Journalist*innen, Wissenschaftler*innen und Künstler*innen sollen Alternativen zu stigmatisierenden Mythen kennenlernen. Ich bin also nicht direkt Zielgruppe, aber ich möchte so gerne mal wieder auf Augenhöhe mit Leuten reden, anstatt mich selbst immer nur erklären zu müssen.

Abgeholt fühle ich mich von einem Slot über Sexarbeit und Spiritualität. Jessica Stoya, Autorin, Künstlerin und Sexarbeiterin, stellt ihr Projekt „Gird your loins in the face of your fellows“ vor. Dafür führte sie Interviews mit Sexarbeitenden in Nordmazedonien über ihre spirituelle Praxis. Nach einem viel zu kurzen Input zu ihrer Arbeit folgt ein Gespräch mit dem Publikum über Sexarbeit und religiöse Praxen. Eine Person fragt nach Tempelprostitution, das ist die älteste überlieferte Form des Tauschs von Sex gegen Güter. Stoya sagt, damals wie heute hat die Sexarbeit etwas Rituelles an sich: Eine Opfergabe wird erbracht, die Beteiligten bereiten sich vor, es kommt zum Energieaustausch.
Wer mich oder meine Texte kennt, weiß, dass ich den sexuellen Aspekt der Arbeit nicht romantisiere und selbst keine tantrischen oder anderen ganzheitlichen Praxen anbiete. Aber ich erkenne das Ritualhafte wieder. Der Energieaustausch, der für mich der am meisten fordernde Aspekt der Begegnung ist, wird selten thematisiert und ich bin dankbar für Stoyas Input dazu. 

Es geht ja sonst immer nur um die Genitalien. Aber scheiß auf Penis, Vulva und so weiter, wie krass ist es, sich in kürzester Zeit auf eine*n Fremde*n einzustellen, die Energie der Person mit den eigenen Handlungen zu beeinflussen und sich selbst danach mental wieder auszubalancieren? 

Abends wird die Performance „City of Whores“ gezeigt, eine kollektive Arbeit unter der Regie von Natalie Ananda Assmann. Die Performance setzt sich zum Ziel, durch die Prostitutionsarchitektur einer Stadt zu führen und dabei die Hurenhierarchie zu zerstören.
Das Bühnenbild verspricht noch mehr: Ein sterngezackter Kreis aus Erde in der Mitte des Raums, der einen Hexenzirkel andeutet, ein Teich mit Schilf und spiegelndem Wasser, in dessen Mitte ein weißer Thron steht, und natürlich eine Polestange. Die Polestange hat ihre ganz eigene Dramaturgie, denn mensch fiebert natürlich die ganze Zeit darauf hin, dass die Stange benutzt wird! 

Etwa acht Performer*innen spielen unterschiedliche Sexarbeitende. Es gibt Leute vom Stripclub, aus dem Dominastudio, vor der Webcam und aus dem Bereich Escort. Außerdem Inanna, sumerische Göttin, die in ihrer Mitte thront. Sie erzählen Geschichten ihrer Arbeit, unterstrichen von unterschiedlichen Talenten, wie Tanz, Tätowieren und Suspension, also das kunstvolle Aufhängen eines Menschen an Seilen. Bereiche wie Strippen, Bordell, Escort und Webcamming stellen sie in Monologen vor, immer mit dem Versuch, Vorurteile zu benennen und zu dekonstruieren. Dabei sind die Performer*innen oft vereinzelt, auf der Bühne meilenweit voneinander entfernt. Auch, wenn sie sich zu zweit oder zu dritt gruppieren, verschwindet nicht ihre Isolation. Zusammen kommen nur einige, die im Erdkreis mit Inanna tanzen. Dabei bescheren mir die Performer*innen ein transzendentales Erlebnis. Sie erschaffen eine so tiefe Schönheit, dass die Zeit anhält, wenn mensch sie betrachtet. Sie anzusehen fühlt sich wie die Anbetung von Inanna selbst an. Zugleich bin ich immer nur am Rand, ich komme nicht selbst in Kontakt mit Inanna, sondern muss sie durch die Figuren auf der Bühne erleben. Was für eine Einsamkeit! Wie muss sich das erst anfühlen, wenn mensch selbst nicht einmal Sexworker ist und dementsprechend nur erahnen kann, was Inanna repräsentiert?

Inhaltlich lässt mich die Show mit Zweifeln zurück. Sind die Performer*innen auch Sexarbeitende? Ich weiß nicht, ob es möglich ist, die Hurenhierarchie zu zerstören, wenn mensch selbst keine Hure ist. Zerstören kann mensch sie auch nicht von oben nach unten, sondern nur umgekehrt. Vor allem glaube ich nicht, dass es gelingt, sie zu zerstören, wenn gewisse Sexarbeitende zu Anderen gemacht werden. Dies geschah subtil, in einem Satz. Er war leise und ging schnell vorüber, aber ich habe ihn gehört. Inhaltlich lautete er in etwa: Wir müssen mit den Anderen, den ärmsten, den traurigsten, den prekärsten, solidarisch sein. Mit ihnen, also nicht mit uns. Sie sind kein Teil von uns. Sie sind nicht wir und sie sind nicht hier. Sie machen nicht mit bei der Performance, doch pflichtbewusst müssen sie erwähnt werden. Auch die Bordellprostituierte, richtigerweise als breite Masse der Sexarbeiter*innen kategorisiert, bekommt wenig explizite Redezeit. Lauter war das humble bragging der „Privilegierten“: Ich als Stripperin habe mich aus Scham von der Sexarbeit abgegrenzt und behauptet, ich sei Tänzerin. Oder: Ich als Escort stehe ganz oben in der Hurenhierarchie. Ich habe die und die Privilegien und als privilegierte Person mache ich immer das und das.

Das Dilemma ist: Sexarbeiter*innen können sich selten selbst darstellen, denn Anonymität ist einer der wichtigsten Eckpfeiler unserer Organisierung. Repräsentation kann also nicht verlangt werden. Dementsprechend muss es Performer*innen geben, die uns darstellen. Auch performende Sexworker dürfen nicht unter Outingzwang stehen. Darum weiß ich als Zuschauer*in nie, wer nun über und von sich spricht und wer nicht. Zugleich ist es unangenehm, wenn Leute über Sexarbeit sprechen, die selbst keine Sexworker sind. Nicht, weil ich finde, dass sie das nicht dürfen. Sondern, weil es eben meistens dissonant, unrichtig, immer eine feine Spur daneben ist.