Porno und Queerfeminismus: Raus aus der internalisierten Scham

Die Pornoregisseurin Marit Östberg wird am Wochenende in Berlin mit einen PorYes-Award ausgezeichnet.

14.10.21 > , Sex & Beziehung

Interview: Zain Salam Assaad

Marit, auf deiner Webseite schreibst du: „Wenn Frauen, trans und queere Menschen ihre Sexualität selbst in die Hand nehmen, ist das Patriarchat verloren.“ Was genau meinst du damit?

Ich meine, dass ein großer Teil des Patriarchats auf Kontrolle beruht und auf engen Definitionen von Sexualität. Wenn wir die Kontrolle über unsere eigenen Körper übernehmen, brechen wir aus diesen Definitionen aus. Das ist eine Utopie, nach der ich mich sehne.

Gibt es Hoffnung, dass wir diese Utopie erleben werden?

Hoffnung ist ein interessantes Wort. In meiner kleinen Berliner Bubble habe ich auf jeden Fall Hoffnung, weil es die Möglichkeit gibt, die Art von Arbeit zu machen, die ich hier als Pornoregisseurin mache. Wir bauen zum Beispiel ein Filmset auf, fangen mit der Filmproduktion an und probieren so zu tun, als ob das Patriarchat nicht existieren würde. Aber wenn die Frage nach Hoffnung in einen größeren globalen Kontext gestellt wird, ist es wichtig anzuerkennen, dass wir noch im Prozess sind, um unsere feministischen Rechte zu kämpfen. Ich meine damit auch uns queere Menschen generell, nicht zuletzt trans Frauen. Viele leben in Gefahr und erleben Unterdrückung, die auch hier in der sogenannten freien westlichen Welt existiert und von Konservativen, aber auch von Feminist*innen wie TERFs und SWERFs ausgeht, deren Rhetorik teilweise mit konservativen Weltanschauungen vereinbar sind.

Wie gehst du mit Kritik aus konservativen Kreisen um?

Kritische Kommentare aus diesen Kreisen sind oft hasserfüllt, woran ich mich nie gewöhnen werde. Meistens gehe ich auf solche Kommentare und Debatten nicht ein, weil sie zu nichts führen. Ich tue einfach weiterhin meine Arbeit und versuche mich mit Menschen aus meiner Community zu solidarisieren.

Was hast du beruflich gemacht, bevor du zum Porno gekommen bist?

Ich bin Journalistin und war damals noch Chefredakteurin des schwedischen LGBTQ-Magazins Kom Ut. Ich war Autorin und habe einen Master in Literatur mit einem Gender-Schwerpunkt. Das habe ich also davor gemacht: Texte und Dinge analysieren, schreiben und lesen.

Deine erste Produktion „Dirty Diaries“ ist dieses Jahr zwölf Jahre alt geworden. Sie war und ist immer noch eine Inspiration für viele Menschen aus verschiedenen Generationen. Wie kamst du dazu? Wie war die Resonanz?

Als ich vor 13 Jahren nach Berlin zog, wurde ich von einer schwedischen Produzentin und Filmemacherin namens Mia Engberg gefragt, ob ich an dem Projekt „Dirty Diaries“ teilnehmen wolle. Dirty Diaries wurde 2011 mit dem PorYes Award ausgezeichnet. Und Mia Engberg hatte zufälligerweise eine Förderung vom Schwedischen Filminstitut für dieses Projekt bekommen. Ich glaube nicht, dass das jemals wieder passieren wird – das war reines Glück. Es war die richtige Person, die uns genau zum richtigen Zeitpunkt zugesagt hat. Trotzdem war es dann ein kleiner Skandal, dass das Schwedische Filminstitut eine Pornoproduktion finanziert hat. Ich wurde also gebeten, einen Film zu machen. Obwohl ich vorher noch nie einen Film gemacht hatte. Weil ich alles einfach mit einer Handykamera filmen konnte, hat mir das Ganze nicht so viel Angst gemacht. Das war übrigens Bedingung für alle Filmemacher*innen im Projekt „Dirty Diaries“ – alle 12 Filme wurden mit einer Handykamera gedreht.

Marit Österberg
© Lisa Marie Asubonteng

Was ist in der Zwischenzeit im feministischen Porno passiert?

Es wird mittlerweile viel mehr produziert und professionalisiert. Als ich anfing, war es mehr DIY. Ich würde sogar sagen, ein Grund, warum Menschen wie ich ohne Erfahrung in diesen Beruf einsteigen konnten, ist, dass die Technologie immer einfacher zu handhaben ist. Viele Sexarbeiter*innen nehmen heute ihre Produktionen selbst in die Hand. Diese neuen Inhalte werden dann oft online verbreitet. Als ich anfing Pornos zu machen, fühlte es sich an wie eine leere Seite, die ich und meine Projektpartner*innen füllen durften. Es fühlte sich so an, weil damals in Europa noch nicht so viele feministische Pornos produziert wurden, aber auch weil ich sehr wenig über Porno wusste. Es war sehr aufregend, als sich diese Welt für mich öffnete, als ich Filmemacher*innen entdeckte, die mir den Weg geebnet hatten, zum Beispiel Emilie Jouvet und Shine Louise Houston, die mich sehr inspirierten und Möglichkeiten aufzeigten, wie man queeren Sex und Körper porträtiert. Heute gibt es in Europa ein breiteres Spektrum an feministischen Pornos und eine größere Vielfalt an Menschen, die sich darin wiederfinden. Es ist schön zu sehen, wie viel mehr Pornos zum Beispiel heute von BIPoC Personen produziert werden. Wir brauchen mehr unterschiedliche Geschichten über Sex und Sexualitäten.

Wie würdest du deine Rolle hierbei definieren?

Als ich nach Berlin kam, gab es diese Neugier und eine krasse Energie in queerfeministischen Kreisen. Wir wollten unsere eigenen Räume schaffen, um die verschiedenen Facetten von Sexualität zu zeigen und zu dokumentieren. Meine Rolle bestand darin, diese Neugier und Energie durch meine Filmproduktionen zusammenzubringen. Aber ich konnte das auch nur tun, weil es diese schöne Szene hier schon gab. Der erste Lesbenporno in Deutschland „Airport“ von Manuela Kay wurde bereits 1994 in Berlin gedreht. Irgendwann kam dann noch das Porn Film Festival dazu, wo Filme wie meine gezeigt werden und der PorYes Award, der eine so wichtige Rolle spielt, um unsere Arbeit zu würdigen.

Du lebst jetzt schon eine Weile in Berlin. Hat Berlin eine Rolle bei der Entwicklung deiner Karriere gespielt?

Es war Schicksal, dass ich mich entschlossen habe, herzuziehen, denn ich wusste vorher nichts von der sexpositiven Szene Berlins. Ich denke allerdings, dass das ein Grund ist, warum ich so lange geblieben bin. Ich hätte nicht gedacht, dass ich 13 Jahre in Berlin bleiben würde und ich würde definitiv keine Pornofilme drehen, falls ich zurück nach Schweden zöge. Da bin ich mir ziemlich sicher. Die Stigmatisierung von Porno, Sexarbeit und Sexarbeiter*innen findet dort auf einem ganz anderen Level statt. Stichwort: Schwedisches Model. Es wäre schwierig für mich, irgendwo zu arbeiten, wo meine Arbeit nicht im Kontext von Sexarbeiter*innenrechten verstanden wird. In Schweden wird, diese Art der Arbeit in gut (feministische Pornos) und schlecht (Sexarbeit) aufgeteilt. Das finde ich problematisch. Außerdem bin ich abhängig von meiner Community, die sich für diese Art von Arbeit begeistert. Ich brauche Menschen, die so begeistert sind, dass sie mitarbeiten möchten. Ich weiß nicht, ob ich das in Schweden haben könnte.

Seit 2009 wird in Berlin der feministische Pornofifmpreis PorYes verliehen. Auch du wurdest für den diesjährigen Preis nominiert. Was bedeutet das für dich?

Das bedeutet sehr viel für mich. Es macht mich sehr glücklich, dass ich diese Anerkennung bekommen. Es ist so eine kleine Nische, in der ich arbeite. Zudem gibt es viele Menschen, die nicht verstehen oder wissen, was ich tue. Wenn manche es begreifen, bedeutet das sehr viel.

Die Mainstream-Pornoindustrie wird von sexistischen und diskriminierenden Strukturen beherrscht. Glaubst du, dass queerfeministischer Porno die Macht hat, das zu ändern?

Es wäre sehr gut, wenn diese Strukturen verändert würden, aber das ist nicht der Grund, warum ich Pornos mache. Ich will Alternativen aufzeigen, Körper und Sex nicht nur in Bezug auf die Pornoindustrie porträtieren, sondern in Bezug auf die gesamte Filmindustrie, die voller (Hetero-)Sexismus ist. Ich denke, das System muss zuerst zusammenbrechen, wenn sich Dinge tatsächlich ändern sollen. Auch wenn inzwischen einiges anders oder besser ist, ist das kein Allgemeinzustand. Der Kampf gegen bestehende diskriminierende Politik und die daraus resultierende Armut und Migrationspolitik muss weitergeführt werden und das bezieht sich nicht nur auf diese Industrie.

Besteht die Gefahr, dass Heteronormativität und Stereotypen auch in queeren Pornos reproduziert werden?

Ich glaube wirklich, dass wir in der queeren Szene das Potenzial haben, alternative, neue Bilder von Körpern und Sex zu produzieren. Aber es gibt auch viele stereotypische Bilder, die reproduziert werden, auch von mir. Zum Beispiel Bilder von jungen, schlanken, weißen Körpern. Wichtig ist, dass es die Möglichkeit und Offenheit gibt, dies zu diskutieren und den Willen, etwas zu verändern und zu verbessern.

Bedeutet feministische Porno zu machen in der Realität immer, dass faire Arbeitsbedingungen gewährleistet werden?

Es fällt mir manchmal schwer, das Etikett Feministin zu verwenden, wenn ich über meine Arbeit als Pornoregisseurin rede, weil es so ist, als würde ich sagen, dass ich besser bin als andere. Zudem wird Feminismus inzwischen oft dazu benutzt, sich selbst zu vermarkten. So verliert er seine Bedeutung. Also versuche ich vorsichtiger zu sein, wenn ich das Wort „Feminismus” benutze. Ich finde es aber toll, dass es einen feministischen Pornofilmpreis wie PorYes gibt, weil der Begriff dann richtig eingesetzt wird. Aber um deine Frage zu beantworten: Wenn man das Wort „feministisch“ vor Pornos setzt, bedeutet das nicht, dass die Arbeitsbedingungen fair sind. Mein Verständnis von Arbeitsrechten kommt vom linken und anarchistischen Feminismus. Allerdings hatte ich für meine Produktionen nie ein großes Budget, was bedeutet, dass ich nicht gut nach den Standards der Filmindustrie bezahlen konnte. Am Anfang meiner Karriere hatte ich überhaupt kein Budget. Damals konnte man in Berlin noch recht günstig leben und wir entwickelten eine Art alternative Ökonomie, in der wir uns gegenseitig unterstützten, Dienstleistungen austauschten und uns bei unseren verschiedenen Filmproduktionen halfen. Aber das war kein nachhaltiges System und nicht immer fair. Ich versuche immer noch, Wege zu finden, um bessere Arbeitsbedingungen an meinen Filmsets zu schaffen – man darf nie aufhören zu lernen und zu versuchen, sich zu verbessern.

Und wie viel Freiheit haben die Performer*innen bzw. die Projektpartner*innen, wie du sie bezeichnest, den Raum mitzugestalten?

Soviel Raum, wie sie wollen, würde ich sagen. In meinen letzten Produktionen habe ich ein Konzept des*der „Caregiver*in” gestartet, um die Bedürfnisse meiner Performer*innen während einer Produktion berücksichtigen zu können. Denn ich habe gemerkt, dass ich nicht selbst diese Rolle übernehmen kann. Das war ein Fehler, der mir früher passiert ist. Es gibt am Set immer Technik, die nicht funktioniert oder etwas Unvorhersehbares, das passiert und Aufmerksamkeit erfordert. Daher braucht es Menschen, die nur für die Performer*innen da sind und nicht durch andere Dinge am Set abgelenkt werden.

In Zeiten einer globalen Pandemie gibt es einen ständigen Mangel an Intimität. Vor allem für Feminist*innen und queere Menschen und die Szenen, die sie im Laufe der Jahre aufgebaut haben, war die Pandemie sehr destruktiv und isolierend. Wie erlebst du das?

Ganz am Anfang der Pandemie bin ich mit meiner Partnerin zusammengezogen. So hatten wir einander. Ich hatte Glück! Ich trauere trotzdem um die Community, die man in der Pandemie langsam verloren hat. Aber jetzt habe ich angefangen, mir selbst zu erlauben, wieder zu träumen. Ich möchte ein Drehbuch für eine größere Produktion schreiben und träume davon, die Community dadurch wieder zusammenzubringen.

Möchtest du noch etwas hinzufügen?

Filme und Pornos zu machen, hat mir eine Community gegeben. Zusammen sind wir raus aus der internalisierten Scham gewachsen. Denn am Anfang war es doch schwer, mit den Vorurteilen und den Selbstvorwürfen umzugehen. Ich habe in der Vergangenheit mit anderen Projektpartner*innen eine Gruppe gegründet, damit wir uns darüber austauschen können, wie wir damit umgehen. Das war ein Prozess. Ich möchte mich bei allen bedanken, die das möglich gemacht haben. Die Arbeit mit Pornos ist vielmehr als „nur” Sex. Die Arbeit gegen das Patriarchat und mit Sexualität ist auch Traumaarbeit und Heilungsarbeit. Sie hat mir letztlich ermöglicht, mehr darüber zu lernen, wie ich Mensch sein kann.

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