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After-Party

Das zweite Album der Rockmusikerin Snail Mail erzählt von der Zuversicht nach dem Zusammenbruch.

15.11.21 > , Musik

Von Christina Mohr

Ursprünglich wollte sie gar nicht über ihren Klinikaufenthalt sprechen, so Lindsey Jordan alias Snail Mail unlängst. Doch die notwendige Auszeit nach einer Phase, an der sie fast zerbrochen wäre, sei zu prägend gewesen, um nicht in ihren Songs und damit auch in Promogesprächen aufzutauchen. Und so ist „Valentine“, Snail Mails zweites Album nach dem hochgelobten „Lush“ von 2018, auch eine Post-Reha-Platte geworden – neben allem anderen, was in den neuen Stücken der Gitarristin und Singer-Songwriterin aus Baltimore, Maryland steckt.

Der Erfolg kam schnell für die 22-Jährige, die mit 13 anfing, Songs zu schreiben, mit 15 ihre erste EP aufnahm und mit 17 befreundete Künstler*innen wie Waxahatchee und Beach Fossils auf internationalen Tourneen begleitete. Wie Waxahatchee, Julien Baker und Lucy

Dacus gilt Snail Mail als wichtige Vertreterin des New Alternative Rock. Zusätzlich geadelt durch das Lob ihrer Heldinnen Liz Phair und Mary Timony, vor allem aber durch die Liebe ihrer Fans, denen die queere Musikerin mit ihren zutiefst persönlichen Lyrics aus den Herzen spricht. Doch das Leben als offenes Buch forderte seinen Tribut in Gestalt eines massiven Burn-outs, den Jordan in einer Rehaklinik kurieren musste. Weil sie keine Instrumente oder Aufnahmegeräte mitbringen durfte, entstanden die neuen Songs zunächst nur in ihrem Kopf und auf Papier. Später rekonstruierte sie die Tracks und nahm sie zusammen mit Brad Cook (Produzent von u.a. Bon Iver) in ihrem Homestudio auf. Die neu erlangte Klarheit führte offenbar zu kreativem Wagemut, denn „Valentine“ geht weit über den wehmütigen Rock ihres Debüts hinaus, spielt mit verschiedenen Stilen und Stimmungen.

Missy Magazine 06/21, Musikaufmacher, After-Party
©Tina Tyrell

Die erste Hälfte des Albums kommt eher poppig daher, der Titelsong ist eine schwebende Gitarrenhymne im Stil von Paramore, einer Lieblingsband Jordans, „Ben Franklin“ und „Headlocks“ sind tanzbare Synthie-Tracks mit selbstbewussten Lyrics über lesbisches Verlangen. In der zweiten Hälfte von „Valentine“ ist die Party vorbei, man ist wieder allein mit sich, den Bauchschmerzen und ungut kreisenden Gedanken, eindrucksvoll ausgebreitet in „Automate“, das aus einem verschleppt-verstolperten Walzertakt und verzerrten Gitarrensounds gebaut ist. Auch „Madonna“ und „Glory“ verströmen diese Mischung aus Euphorie und Melancholie am Ende einer tollen Nacht. „Valentine“ ist das Dokument einer schmerzhaften Zeit, zeigt aber auch den Ausweg daraus. Gut, dass Lindsey Jordan nach wie vor so offen über alles spricht.

Snail Mail „Valentine“ – Matador

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

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