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Better Together

Die Ausstellung „Gruppendynamik“ bringt kritische Kollektive aus dem 20. Jahrhundert im Lenbachhaus zusammen.

15.11.21 > , Kunst

Von Agata Hofrichter

Was ist brasilianischer Kultur eigen? In der ehemaligen portugiesischen Kolonie fragten sich das viele, auch die Grupo dos Cinco. Ab 1922 markierten die Malerinnen Tarsila do Amaral und Anita Malfatti mit den Autoren Mário de Andrade, Oswald de Andrade und Menotti Del Picchia eine kurze Sternstunde der brasilianischen Moderne. Malfatti und do Amaral bannten den ländlichen Obstmarkt, die tropische Flora in geometrische Formen, teils mit typischen Kulturverweisen: Das nur scheinbar harmlose Wesen in do Amarals „A Cuca“ ist eine kinderraubende Folklore-Hexe.

Argentinien: In der Semana Tragíca, der Tragischen Woche, wurden Arbeiter*innenproteste blutig niedergeschlagen. Hunderte starben. Die Artistas del Pueblo gründeten sich

infolgedessen mit dem Anspruch, ihre Klasse würdevoll darzustellen. Zwischen ihnen und den Martínfierristas entbrannte in den 1920er-Jahren eine Polemik, die legendär werden sollte. Mittels Text und Bild entwarfen Letztere eine kosmopolitische argentinische Moderne. „Wir nutzen jeden Morgen schwedische Zahnpasta, französische Handtücher und englische Seife“, heißt es lakonisch in ihrem Manifest.

Missy Magazine 06/21, Kunstaufmacher, Better Together
Tarsila do Amaral (Capivari, Staat São Paulo 1886 – São Paulo 1973)
Der Markt II / A feira II, 1925
Privatsammlung, São Paulo
© Tarsila do Amaral Licenciamento e Empreendimentos Ltda

Im China der Kulturrevolution malte die Gruppe ohne Namen mit selbst gemischten Ölfarben auf improvisierten Malgründen in Parks und auf Ausflügen; Boxen zum diskreten Transport ihrer Kleinformate griffbereit. Denn der moderne Malstil der Gruppe, je zur Hälfte aus Frauen und Männern bestehend, galt in Zeiten repressiver Kulturpolitik als subversiv.

Die Khartoum School wollte nach der Unabhängigkeit des Sudan 1956 eine sudanesische Moderne prägen. Ibrahim El-Salahi und Ahmed Shibrain inspirierte hierbei das afrikanische, arabische und islamische Erbe des Landes am Roten Meer, z. B. die Kalligrafie. 1976 signierte die Künstlerin Kamala Ishag mit Studierenden das „Crystalist“-Manifest – eine Theorie der Transparenz um das Symbol des Kristalls. In Performances, Gemälden und Installationen experimentierten die Crystalists mit Transparenz, Reflexion und Verzerrung und propagierten ein grenzenloses Weltbild, konträr zu dem der etablierten Khartoum School.

Beijing, Buenos Aires, Casablanca, Khartoum, Kyoto, Lahore, Łódź, Mumbai, Nsukka, São Paulo, Tokyo: Die Ausstellung im Münchener Lenbachhaus beleuchtet internationale Künstler*innengruppen von ca. 1910 bis in die 1980er- Jahre.

„Gruppendynamik – Kollektive der Moderne“bis 24.04.2022, Lenbachhaus, München, lenbachhaus.de

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

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