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Bilder von Verbündeten

Zanele Muholi stellt sich gegen die Unsichtbarmachung der lesbischen und queeren Community Südafrikas.

15.11.21 > Kunst

Von Mahret Ifeoma Kupka

Ich traf Zanele Muholi vor fast genau zwei Jahren in Frankfurt. In der Galerie Sakhile&Me, die auf zeitgenössische Kunst aus Afrika und ihre Diasporas spezialisiert ist,

war eine Ausstellung zu sehen, die Muholis Arbeiten in Korrespondenz mit Fotografien von Lindeka Qampi zeigte. Zur Eröffnung trug Afaq Mahmoud Poesie vor. Es gab ein Event mit Vertreter*innen Schwarzer Communitys in Frankfurt. Wir aßen gemeinsam, verbrachten Zeit zusammen, tauschten uns aus. Dass all das passierte, ist kein Zufall, sondern wesentlicher Teil Muholis künstlerischer Praxis, die Muholi selbst explizit als aktivistisch verstanden wissen möchte. Im Berliner Gropius Bau läuft ab dem 26. November eine Ausstellung, die einen Überblick über Muholis Arbeit gibt, die erste Einzelausstellung in Deutschland. Von der Tate Modern kamen u. a. ikonische Serien Muholis wie „Faces & Phases“, „Somnyama Ngonyama“ oder „Brave Beauties“ aus London nach Berlin. Von den Arbeiten lässt sich vieles lernen, und nicht nur, weil derzeit Debatten um die Sichtbarkeit und Inklusion marginalisierter Lebensrealitäten scharf geführt werden. Muholis Hintergrund ist das Post-Apartheid-Südafrika, wo Muholi bis heute lebt und dessen Wandel von einer streng nach Rassifizierung segregierten Gesellschaft hin zu einer vermeintlich offenen, geläuterten Demokratie Muholi hautnah miterlebte. Die Fotografien entstehen aus dem Bedürfnis heraus, sich und die eigene queere Lebensrealität in das neue Kapitel des Landes einzuschreiben. Sie machen aber auch deutlich, dass das Versprechen der Demokratie längst nicht eingelöst ist und Ungleichheit und Diskriminierung fortbestehen, gleichwohl subtiler.

Den Katalog zur Londoner und Berliner Ausstellung leitet ein Glossar ein. Darin werden Begriffe erläutert, die Teil des Vokabulars queerer Communitys sind, wie bspw. Ally, Gender Non-Conformity oder Pinkwashing. Darunter aber auch gewaltvolle Begriffe wie Hate Crime oder Corrective Rape, die Realitäten beschreiben, denen queere Personen nicht nur in Südafrika ausgesetzt sind. „I am not a Victim but a Victor“, bekräftigt Lungile Dladla. Dladlas Porträt ist Teil der mittlerweile mehrere Hundert Fotografien umfassenden Serie „Faces & Phases“, in der Muholi seit 2006 lesbische Frauen, nicht-binäre und trans Personen porträtiert. Für Muholi sind sie Teilnehmer*innen: gleichwertige, kollaborierende Gegenüber, deren Namen und Geschichten unbedingter Teil der Arbeit sind. Fotografien, die auch als zweites Coming-out zu lesen sind: „Ich bin eine junge Schwarze lesbische Frau und ich bin stolz darauf, zu wissen, wen ich liebe und mit wem ich mein Leben, mein Herz und meinen Körper teilen möchte“, erzählt die Protagonistin Phila Mbanjwa. „Faces & Phases“ ist eine Hommage an die Partizipierenden und an die LGBTIQ-Community. Es geht um Wahrnehmung, um eine gegenseitige Anerkennung von Existenz. Die Blicke sind klar auf die Linse und damit sowohl auf Muholi hinter der Kamera als auch auf die Betrachter*innen gerichtet. Wer blickt auf wen? Ich bin, weil du bist, weil du mich siehst. Du bist, weil ich dich sehe. „Faces & Phases“ ist auch ein lebendiges und wachsendes visuelles Archiv. Als solches ist die Serie ein Prozess der Aneignung von Raum durch Sichtbarmachung und spiegelt die Notwendigkeit des aktiven Sich-Einschreibens in Geschichte wider. „Wenn ich mich nicht für mich selbst definieren würde, würde ich in die Fantasien anderer Leute für mich hineingezwängt und lebendig gegessen werden“, schrieb Audre Lorde – Schwarz, lesbisch, Mutter, Kriegerin und Poetin. Das beschreibt genau, was auch bei „Faces & Phases“ passiert, welches sich klar gegen koloniale Bildregime richtet und Geschichte schreibt, die sonst nicht geschrieben werden würde. Doch nicht ohne Risiko. Lorde schreibt auch: „Die Sichtbarkeit jedoch, durch die wir so angreifbar werden, ist gleichzeitig unsere größte Stärke.“

Missy Magazine 06/21, Titelstory Bilder von Verbündeten
Debora Dlamin, Kwa Thema Community Hall, Springs, Johannesburg, 2011
865 x 605 mm
Fotografie, Gelatinesilberdruck auf Papier
© Zanele Muholi
Mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Wer sichtbar ist, wird angreifbar. Wer sich sichtbar macht, kann aber auch von jenen gesehen werden, die Verbündete suchen, und mit diesen stärkende, Gesellschaft transformierende Allianzen bilden. Die Zukunft gestalten, für sich selbst und kommende Generationen. Und das ist die vielleicht größte Gefahr für normalisierte Sehgewohnheiten, für die – beeinflusst durch kolonial geprägte Traditionen – Schwarze Körper noch allzu selbstverständlich zu fotografierende Objekte sind. Anthropologische Fotografien sind das Werk des Fotografen, der allein namentlich Erwähnung findet. Die fotografierte Person mit ihrer eigenen Geschichte wird zum Objekt, namenlos und stumm, allein Beweismittel für zu belegende Theorien. Eine Hierarchisierung, mit der Muholi bewusst bricht, indem Fotograf*in, Fotografierte und Betrachter*innen in Serien wie „Faces & Phases“ auf einer Ebene stehen und Sichtbarkeit als autonome Subjekte selbstbewusst aushandeln.

Missy Magazine 06/21, Titelstory Bilder von Verbündeten
Zanele Muholi Mellisa Mbambo, Durban South Beach 2017
1000 x 670 mm
© Zanele Muholi Courtesy of the Artist and Stevenson, Cape Town/Johannesburg/Amsterdam and Yancey Richardson, New York

„Faces & Phases“, aber auch weitere Serien wie „Only Half The Picture“, „Being“ oder „Queering Public Space“ stehen in einer kunsthistorischen Widerstandstradition, wie auch z. B. das Genre der Studiofotografie. In den späten 1940er-Jahren porträtierte Seydou Keïta in seinem Studio in Bamako Männer und Frauen mit ihren Träumen nach Wohlstand und Eigenständigkeit in Zeiten kolonialer Herrschaft. Der nigerianische Fotograf Samuel Fosso spielte zwanzig Jahre später bewusst mit dem Genre, erfüllte tagsüber Aufträge und nutzte nachts die Studiotechnik zur Selbstinszenierung in immer unterschiedlichen Rollen, nicht selten mit popkulturellen und historischen Referenzen. Fotografie und der selbstbewusste Griff zur Kamera als Form der Einschreibung in herrschende Narrative nutzte auch der Soziologe W.E.B. du Bois bei der Weltausstellung 1900 in Paris. Während dort einem interessierten europäischen Publikum zur selben Zeit in Völkerschauen Menschen und geraubtes Gut aus den Kolonien präsentiert wurden, zielte „The Exhibit Of American Negroes“ darauf ab, Kontrolle über Blickregime und Interpretationen zu übernehmen. Du Bois und seine Mitstreiter*innen präsentierten Errungenschaften und Porträts von Afroamerikaner*innen dieser Zeit und fügten damit der Realität versklavter Körper und Segregation eine weitere Erzählebene hinzu – die der gebildeten, selbstbewussten Schwarzen US-Bürger*innen. Muholis Serien können im Kontext eines wachsenden Archivs Schwarzer Sichtbarkeit als Ergänzung um queere (südafrikanische) Perspektiven und Lebensrealitäten gedeutet werden. Eine weitere Referenz bilden die Arbeiten Joan E. Birens, die in den 1970er-Jahren den Alltag lesbischer Communitys in den USA und Westeuropa dokumentierte. Im Fokus ihrer Fotografien stehen Familienleben, Arbeit und Freizeit lesbischer Frauen, womit sie deutlich mit den stereotypen Vorstellungen heteronormativer Mehrheitsgesellschaften brach.

Mit der Serie „Somnyama Ngonyama“ konzentriert sich Muholi zunächst auf sich selbst. Dabei sind die Fotografien weniger Selbstporträts als Porträts des Selbst, das sich immer als ein anderes verkörpert. Muholi bezieht sich mit jeder Inszenierung auf eine bestimmte Figur der Geschichte, auf ein Ereignis oder eine persönliche Erfahrung. Jedes Porträt ist Reaktion auf rassistische Vorfälle und Politiken des Ausschlusses. Die meisten entstehen spontan mit in dem Moment vorhandenen Requisiten, oft in einem Hotelzimmer auf einer der vielen Reisen. Wie auch bei „Faces & Phases“ trägt jede Arbeit einen Namen, zumeist ein Hinweis auf die Referenz, den Entstehungsort, die Bezugsperson oder das Erlebnis. Und ebenso wie bei „Faces & Phases“ entgegnet die dargestellte Person – Muholi selbst – deutlich und direkt den Blick der Betrachter*innen. „Dalisu“ entstand 2016 in einem New Yorker Hotel nach einem negativen Erlebnis. Wollfäden rahmen Muholis Gesicht wie eine Kapuze, die Stirn leicht gerunzelt, der Blick traurig, angestrengt, vielleicht sogar misstrauisch. Jeder Faden steht für eine Diskriminierungserfahrung. Für sich betrachtet ist jeder Faden nur ein Faden, mag die einzelne Erfahrung kaum Gewicht haben – eine kleine Bemerkung, ein abschätziger Blick. Doch sammeln sich die Erlebnisse an, werden zu etwas Großem, einem immer stärker werdenden Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht (hier) sein zu sollen. Es spinnt sich ein Netz, das das Gesicht umspannt und die Sicht und das Atmen erschwert. Zugleich wird das Erfahrene immer wieder infrage gestellt, der eigenen Wahrnehmung misstraut. „Kwanele“, im gleichen Jahr im Johannesburger Stadtteil Parktown entstanden, beschreibt die Erfahrung Muholis mit Flughafen-Security, die vermutlich alle reisenden Schwarzen Personen teilen. Muholis Gesicht ist mit Plastikfolie umwickelt, das gleiche Material, das an Flughäfen genutzt wird, um Koffer einzuwickeln. Hier soll die Folie Muholi schützen, vor unangenehmen Kontrollen, vorm Ausgeliefertsein, den Blicken und Fragen der Grenzbeamt*innen: Woher kommst du, warum bist du hier, wie lange bleibst du, wen besuchst du? Während all jene mit den richtigen Pässen oder Hautfarben unbefragt vorbeiziehen.

Missy Magazine 06/21, Titelstory Bilder von Verbündeten
Julile I, Parktown, Johannesburg, 2016
658 x 1000 mm
Fotografie, Gelatinesilberdruck auf Papier
© Zanele Muholi
Mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Bei „Somnyama Ngonyama“ geht es auch um Schwarze Körperlichkeit an sich. In der Bildbearbeitung erhöht Muholi die Kontraste in den Schwarz-Weiß-Fotografien. Kontrast versteht Muholi dabei wörtlich. Zwei gegensätzliche Kräfte – hier weiß und schwarz – geraten aneinander. Kontrast beschreibt Differenz. Muholi interessiert, was es bedeutet, starke Kontraste in Verbindung zu schwarzer Haut zu verwenden, sodass der Hautton kraftvoll leuchtet, die Augen noch deutlicher hervortreten und den Blick bestimmter machen. Was löst das in Betrachter*innen aus? Der „oppositionelle Blick“, wie ihn die Philosophin bell hooks nennt, als Akt der Rebellion: sich den Blick, der sonst auf eine*n selbst fällt, aneignen. Was bedeutet es, wenn Schwarze Menschen dem Blick standhalten, zurückblicken? Etwas, das im Apartheid-Südafrika fast undenkbar gewesen wäre. Muholi fordert heraus und lädt ein, sich mit der dargestellten Geschichte zu verbinden. Muholi macht sich zum*zur Stellvertreter*in Schwarzer Körperlichkeit, hinterfragt historische Repräsentationen, richtet sich gegen Stereotype und einen historisch gewachsenen, tief sitzenden Hass gegen Schwarze Gesichtszüge, Augen, Lippen und Haare. Muholi nutzt den eigenen Körper, um Schönheit einzufordern, die Schwarzen Körpern zu lange verwehrt wurde. Wie ist Schönheit definiert? Wer definiert, was schön ist? Wie können wir lernen, eigene Definitionen von Schönheit zu formulieren und einzufordern?

Missy Magazine 06/21, Titelstory Bilder von Verbündeten
Qiniso, The Sails, Durban, 2019
399 x 260 mm
Fotografie, Gelatinesilberdruck auf Papier
© Zanele Muholi
Mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Die Arbeit an „Somnyama Ngonyama“ dient Muholi auch immer dazu, die eigenen Erfahrungen zu verarbeiten und sich ihrer*seiner selbst (wieder) bewusst zu werden. Somit ist jedes Bild der Serie auch immer ein positiver Moment der Verbindung mit sich selbst, der Vergewisserung der eigenen Präsenz an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Muholi schafft Erinnerung, schreibt sich selbst in Geschichte ein, damit sich andere wiederum an den*die Künstler*in erinnern können. Zugleich sind die Selbstporträts auch immer Einladung und Ermutigung der eigenen (Schwarzen, queeren) Community, selbst Raum zu besetzen, Geschichte zu lernen, zu hinterfragen und sie für sich selbst zu beanspruchen, die Kamera als Werkzeug der Einschreibung zu betrachten, zu reflektieren, zu insistieren, Widerstand zu leisten und eine inklusive Zukunft aktiv mitzugestalten.

Missy Magazine 06/21, Titelstory Bilder von Verbündeten
Sebenzile, Parktown, 2016
3000 × 2900 mm
Wallpaper
© Zanele Muholi
Mit Genehmigung der Künstler*in und von Stevenson, Kapstadt/Johannesburg und Yancey Richardson, New York

Am Tag nach der Ausstellungseröffnung in Frankfurt bei Sakhile&Me schlenderten wir durchs Bahnhofsviertel. Wir aßen gemeinsam, als Gruppe, als Familie. Das ist Muholi wichtig, die Community, die Gemeinschaft. Wie kann es weitergehen? Mit Offenheit, Empathie, Solidarität, Kollaboration und Liebe. Muholi begreift sich weniger als Künstler*in denn als visual activist, das heißt Aktivist*in, der*die über Sichtbarmachung und Visualität zu gesellschaftlicher Veränderung beiträgt. Als Aktivist*in und Künstler*in, als Aktivist*in, der*die Kunst macht, sieht sich Muholi in der Verantwortung, alle Ismen herauszufordern und gegen Unsichtbarmachung und Vorurteile vorzugehen. Muholi schafft Raum für jene, die weniger privilegiert sind, und ermöglicht Dialog. Heilung ist für Muholi ein Prozess, kein permanenter Zustand. Ein Prozess, an dem wir alle gemeinsam arbeiten, den wir alle gemeinsam erschaffen müssen.

Zanele Muholi26.11.2021–13.03.2022, Gropius Bau, Berlin, berlinerfestspiele.de

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

 

 

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