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D.I.-Why?

Feminismus heißt nicht, dass man alles selber können muss – auch Handwerkliches nicht.

15.11.21 > Aktivismus, DIY,

Von Nadia Shehadeh
Illustration: Sibel Balac

Ich wohne schon ewig in meiner kleinen Wohnung, um genau zu sein: seit zwanzig Jahren. Und ich liebe sie über alles. Aber wie in jeder großen Liebe gab es auch Momente des Zweifels – und die betrafen meist die kleinen und großen Makel, mit denen ich bis heute konfrontiert bin. Als ich einzog, war die Wohnung ziemlich runtergeranzt – von merkwürdiger Styropordeckenverkleidung in kackbrauner Holzoptik bis zu Heizungen voller Hundehaar wurde nichts an Schrecklichkeiten ausgespart. In mühevoller Kleinarbeit und nach viel Theater mit der Hausverwaltung wurde sie dann innerhalb von zwei Monaten so hergerichtet, dass man halbwegs darin leben konnte. Mit Schönheitsfehlern. Aber das war mir egal, da ich nach Wochen des Tapezierens, des Streichens und Putzens einfach die

Schnauze voll hatte. Mein Partner, mit dem ich damals zusammenlebte, hatte ebenfalls zwei linke Hände. Und so war es ein Wunder, dass wir die Wohnung auf ein halbwegs vorzeigbares Level brachten. Nachdem wir eine improvisierte Küche aufgestellt hatten, beschloss ich, dass es mit dem Renovieren reichte. „Aber die Türen?“, fragte mein Partner zweifelnd und zeigte auf vergilbtes Holz und zerkratzte Zargen. „DIE SIND NOCH GUT“, kläffte ich. „Und die Fensterbänke?“ „DIE AUCH!“ Das meinte ich so. Die Wohnung roch nach frischer Farbe, der Boden war neu verlegt worden, und es gab neue Heizkörper, die der Vermieter spendiert hatte. Was will man mehr?

Missy Magazine 06/21, Kolumne, D.I.Why?
©Sibel Balac

So zogen die Jahre ins Land, mein Partner wurde zu einem Ex und zog irgendwann aus. Ich blieb in der Wohnung. Mit einer Küchenspüle, die groß genug für eine Schlachterei war, und einem Herd, der aussah, als ob er schon mehrere Jahrhundertwenden miterlebt hatte.Nun bin ich seit vielen Jahren damit beschäftigt, nach und nach jeden Raum zu renovieren. Feminismus hat mich vieles gelehrt: unabhängig zu sein, mein eigenes Geld zu verdienen, einen Computer fachgerecht zu bedienen, um feministische Pamphlete zu schreiben. Aber an der Kunst des Handwerks bin ich immer gescheitert. Wenn ich ein paar Zimmerwände streichen soll, verteile ich, noch bevor ich den Pinsel in die Hand genommen habe, die Farbe auf dem Fußboden. Meine Achillesferse ist außerdem alles, was mit Strom zu tun hat: Lampen anbringen? Fehlanzeige. Löcher in die Wände bohren? Tue ich nicht, weil ich Angst habe, einen Schlagbohrer direkt in eine Wasser- oder Stromleitung zu rammen. Bei mir gibt es keine fancy Wandregale, auf denen schöne Vasen stehen, da ich grundsätzlich nur mit Tesafilm arbeite. Ich nenne es neuen Minimalismus.

Die Autorin Jacinta Nandi klagte letztens auf Facebook, dass in Deutschland hauptsächlich komplett nackte Wohnungen auf dem Mietmarkt sind – ohne Küche, ohne Deckenlampen, ohne alles. Wie soll sich jemand ohne Hobbyhandwerkskenntnisse oder genug Kleingeld für entsprechende Fachkräfte um diese Baustellen kümmern? Jahrelang dachte ich, dass es meine selbstverschuldete Unfähigkeit war, die mir die Gammelecken in meinem Zuhause einbrachte – dabei war einfach der ganze Mietmarkt darauf ausgerichtet, Menschen wie mich im Langzeitschrott wohnen zu lassen. Als ich irgendwann genug Kleingeld verdiente, versuchte ich, Handwerker*innen zu engagieren – nur, um zu erfahren, dass in meiner Region aufgrund des Fachkräftemangels viele Miniaufträge gar nicht erst angenommen werden, wenn sie nicht rentabel sind. Meine Silikonfugen im Bad können euch ein Lied davon singen! Und so werde ich wohl weiter in einem Mausoleum meiner handwerklichen Unfähigkeit leben – und vielleicht meine Fußleisten demolieren, damit ich für einen größeren Auftrag doch einen Handwerkstrupp in die Bude locken kann.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

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