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Das wahnsinnige kreierend

Team Östro oder Andro? Die als „Geschlechtshormone“ bezeichneten Hormone sind gar nicht geschlechtsspezifisch.

15.11.21 >

Von Marieke Bäumer
Illustration: Rahel Süßkind

Viele Menschen kategorisieren und ordnen gerne. Wer sich nicht entscheiden kann, greift auf die gute alte Pro-und-Contra-Liste zurück oder übernimmt von Aufräumgurus wie Marie Kondō die Leitfrage „Macht mich das glücklich?“. Wenn es um T-Shirts geht, ist das hilfreich. Doch was passiert, wenn eine*n die Kategorie, in die man als Mensch passen soll, nicht glücklich macht? Genau dies erfahren viele Personen mit der Kategorie Geschlecht, die als natürliche Tatsache dargestellt wird. Dabei handelt es sich auch bei dieser Kategorie um ein menschengemachtes Ordnungssystem. Um die Existenz der Geschlechter und deren angebliche Eigenschaften zu begründen, wird schon lange die Biologie zurate

gezogen. Lediglich die biologischen Begründungsversuche selbst haben sich mit den Jahren verändert. Während die Kategorie Geschlecht zunächst anhand von äußeren Geschlechtsmerkmalen belegt werden sollte, suchten Wissenschaftler*innen die Beweise später bei nicht sichtbaren Merkmalen. Für den Sexualforscher Heinz-Jürgen Voß ist dieses Vorgehen ein Beleg dafür, dass unsere Wahrnehmungen von Geschlecht an sich keine festgelegten Tatsachen, sondern veränderbar sind. Geschlechtsmerkmale, so Voß, „veränderten sich mit der Entwicklung von Wissenschaft und Gesellschaft“.

Auch in nicht-wissenschaftlichen Bereichen ist diese Entwicklung zu beobachten. Noch bis Ende der 1960er-Jahre mussten Frauen, die an den olympischen Spielen teilnahmen, ihr Geschlecht unter Beweis stellen, indem Prüfer*innen die Brüste und Vulven der nackten Sportlerinnen untersuchten. Damit sollte verhindert werden, dass Männer in den Kategorien der Athletinnen antraten. Später sollte dann ein Chromosomentest das Geschlecht bezeugen. Ein weiteres äußerlich nicht sichtbares Merkmal sind die Hormone. Die Hormonforschung hat ihren Ursprung Ende des 19. Jahrhunderts. Bei der Entdeckung der heute als Hormone bekannten Stoffe gingen Naturwissenschaftler*innen davon aus, dass diese geschlechtsspezifisch in Ursprung und Funktion seien. Die Überraschung war groß, als Ende der 1920er-Jahre vermeintlich „weibliche Geschlechtshormone“ – auch als Östrogene bekannt – im Urin von Männern sowie in den Hoden gefunden wurden. Gerade Hoden waren zu der Zeit ein Symbol für Männlichkeit. „Männliche Geschlechtshormone“ – heute auch Androgene genannt – wurden ebenso bei Frauen gefunden. Die Entdeckung war eindeutig. Innerhalb weniger Jahre konnte wissenschaftlich bestätigt werden, dass Männer und Frauen sowohl weibliche als auch männliche „Geschlechtshormone“ in sich tragen. Dadurch konnte die These, dass die Hormone geschlechtsspezifisch in ihrem Ursprung seien, widerlegt werden.

Missy Magazine 06/21, Gesundheitstext, „Das Wahnsinnige kreierend“
© Rahel Süßkind

Obwohl immer mehr Beweise erbracht wurden, dass sich „Geschlechtshormone“ tatsächlich stark ähneln, wichen Forscher*innen nicht von ihrem Konzept der zwei gegensätzlichen Geschlechter ab. Stattdessen versuchten sie, die Erkenntnisse abzuschwächen, und fanden kreative Begründungen. „Weibliche Geschlechtshormone“ im männlichen Körper seien ein Produkt, das durch Essen entstehe, hätten gar keine Funktion oder seien sogar krankhaft. Noch heute werden solche Aussagen getätigt. Männer sollen nicht zu viele Sojaprodukte essen, weil sie sonst zu viele „weibliche Hormone“ zu sich nähmen und diese nicht gut für sie seien. Auch Sportveranstaltungen wie Olympia machen regelmäßig Schlagzeilen, weil Frauen ein zu hoher Testosterongehalt vorgeworfen wird – ein besonders perfides Beispiel ist der Fall um die südafrikanische Läuferin Caster Semenya, deren Körper medienwirksam seziert und diszipliniert wurde. Doch bereits Ende der 1930er-Jahre wurde immer deutlicher, was heute eigentlich alle wissen sollten: „Geschlechtshormone“ übernehmen wichtige Funktionen und das nicht im männlichen oder weiblichen, sondern im menschlichen Körper. Die Wissenschaftlerin Smilla Ebeling erklärt, dass Männer Östrogene für zahlreiche nicht- geschlechtsspezifische Funktionen brauchen: „Sie benötigten Östrogene z. B. für das Wachstum vieler Organe, wie etwa des Gehirns, der Lungen, der Knochen, der Blutgefäße und des Verdauungssystems. Umgekehrt wirkten Androgene auch bei Frauen etwa auf die Bildung der Muskulatur und der Haut.“

„Geschlechtshormone“ sind also nicht nur im Ursprung, sondern auch in ihren Funktionen nicht geschlechtsspezifisch. Woher kommt diese Vorstellung und wie konnte sie sich trotzdem so lange halten? Der Geschichte der Hormonforschung haben sich die Biologinnen Anne Fausto-Sterling und Nelly Oudshoorn ausführlich gewidmet. „Noch heute werden die Bezeichnungen ‚Geschlechtshormone‘ sowie ‚weibliche und männliche Geschlechtshormone‘ verwendet. Dabei war die Namensgebung der Hormone ein bewusster Prozess, der abgewartet wurde, bis mehr über die Hormone bekannt war. Nach einer langen Debatte fiel die Wahl dennoch auf die Bezeichnung ‚Geschlechtshormone‘“, so Fausto-Sterling. Einen zwingenden Grund gab es dafür aber nicht.Des Weiteren wurden bewusst die Bezeichnungen Östrogene und Androgene festgelegt, was, wie Fausto-Sterling aufzeigt, fast noch problematischer ist. Schließlich bedeutet der Begriff Östrogen „das Verrückte, Wahnsinnige (estrus) kreierend“. Androgen hingegen meint übersetzt „einen Mann (andrus) machen“. Während Androgene also Männer bilden würden, führten Östrogene zu Verrückten, Wahnsinnigen: den Frauen. So wurden durch die Namensgebung nicht nur Östrogene als weibliche und Androgene als männliche Hormone, sondern auch misogyne Geschlechtsvorstellungen festgeschrieben. Die enge Verknüpfung dieser misogynen Geschlechtsvorstellungen mit der wissenschaftlichen Praxis führte letztlich zu den Bezeichnungen der Hormone, die noch heute verwendet werden.

Die sexistische Vorstellung von zwei gegensätzlichen Geschlechtern hat die Hormonforschung immens beeinflusst, gleichzeitig werden Hormone weiterhin als vermeintlich natürlicher Beleg für diese omnipräsente Wahrnehmung herangezogen. Es wird Zeit, aus der Geschichte zu lernen. Die Faktoren, anhand derer Geschlecht festgemacht werden soll, ändern sich über die Jahre hinweg. Was jedoch eigentlich geändert werden sollte, ist die These, dass Geschlecht eine binäre und gegensätzliche Kategorie sowie eine natürliche Tatsache sei. Letzten Endes können Kategorien hilfreich sein, wenn es darum geht, die Wohnung zu entrümpeln. Menschen hingegen in Kategorien einzuordnen und diese noch als natürlich und alles andere als Abweichung anzusehen, war doch immer schon eher der Wunsch einiger und weniger eine natürliche Tatsache. Von ebendiesem Wunsch ließen sich auch Wissenschaftler*innen der Hormonforschung leiten und erhielten dadurch spezifische Vorstellungen der Kategorie Geschlecht aufrecht, die Menschen noch immer normieren und abstrafen, wenn sie diese infrage stellen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.