Die Sache mit den trans Leuten

Die mediale Debatte über trans Personen kommt über das Thema Sichtbarkeit oft nicht hinaus.

Von Renée Grothkopf
Illustration: Tina Kaden

Die Diskussionen um Transgeschlechtlichkeit drehen sich im Kreis. Über die Situation transgeschlechtlicher Menschen, insbesondere Frauen und transfeminine Personen, wird in Deutschland wenig geredet. Wenn doch, geht es meist um die Auseinandersetzung mit dem sogenannten „Transsexuellengesetz“ (TSG), das es trans und nicht-binären Menschen sehr schwer macht, ihren Namen und Personenstand zu ändern, und sie psychologisiert. Stets sind trans Personen das „Neue“, das von cis Menschen entdeckt wird, wie etwa die Autorin und Künstlerin Morgan Faye Page in „Never Be New Again“ schreibt. Das führt dazu, dass es selten zu tiefergehenden Diskussionen über die Lebensrealitäten von trans Menschen und deren materielle Situation kommt.
Die britische Journalistin und Autorin Shon Faye schildert in ihrem jüngst erschienenen Buch „The Transgender Issue“, das 2022

auch auf Deutsch erscheinen wird, die Lebensrealität transgeschlechtlicher Personen durch Gespräche und analysiert die mediale Debatte in Großbritannien. Diese besteht oft darin, trans Menschen zu sensationalisieren, sie lächerlich zu machen sowie TERFs (Trans- Exclusive Radical Feminists) auffällig viel Gehör zu schenken. So wurde kürzlich auf Druck Letzterer ein Absatz aus einem Interview mit Judith Butler im „Guardian“ gekürzt, in dem Butler „Anti-Genderismus“ als dominanten Strang des zeitgenössischen Faschismus bezeichnet. An diesen und weiteren Beispielen zeigt Faye, wie das enorme mediale Interesse an trans Menschen als Abwehrmechanismus gegen deren Befreiung verstanden werden kann. Sie führt dies u. a. auf die koloniale Vergangenheit Großbritanniens zurück. Das Empire hat die Geschlechterbinarität gewaltvoll in seinen Kolonien durchgesetzt und in Abgrenzung zu ihnen musste in England an einem rigiden Geschlechtersystem festgehalten werden. Aber darüber, dass die Geschlechterbinarität zutiefst kulturell bedingt ist und keine Natürlichkeit darstellt, wollen TERFs nicht sprechen.

Auch in Deutschland bekleckert man sich hierbei nicht gerade mit Ruhm. Das wundert nicht, in einem Land, das sich sowohl in Bezug auf sein koloniales als auch sein nationalsozialistisches Erbe ausschweigt. Antisemitische Denkweisen setzen sich unter rechten und linken TransfeindInnen fort, wenn diese verschwörungstheoretisch behaupten, die „Trans-Lobby“ wolle verbieten, über Biologie zu sprechen. Der trans Community wird unbeschränkte Macht zugeschrieben, um ungehemmt gegen sie Stimmung machen zu können. Außerdem: Wer hier die Geschlechterbinarität anhand von biologischen Merkmalen verteidigt, spricht sich damit für eine biologistische Logik in einem Land aus, in dem Frauen Gebärmaschinen für das Volk zu sein hatten.

Es fällt auf, dass in Fayes Buch meist transgeschlechtliche Frauen und transfeminine Personen als Beispiele genannt werden, der Begriff „Transmisogynie“ jedoch erst spät auftaucht. Das mag Strategie sein, da vor allem trans Frauen Hassobjekt von TERFs und darüber hinaus oft einem allgemeinen Verdacht ausgesetzt sind, gefährliche Gewalttäterinnen zu sein. Sie thematisch zu zentrieren hätte zu Abgrenzungen gegenüber dem Buch führen können. Dabei könnte der Begriff frischen Wind in die Debatte bringen. Von der Aktivistin und Biologin Julia Serano geprägt und bisher eher im Netz debattiert, hilft er zu verstehen, wieso ausgerechnet trans Frauen überdurchschnittlich von transfeindlicher Propaganda attackiert werden, warum sie im Fokus der Öffentlichkeit stehen und warum insbesondere sie, vor allem wenn sie Schwarz/of Color sind und/ oder in der Sexarbeit tätig, immense Ausmaße von Gewalt erleben. Im Vergleich zu anderen Marginalisierten ist die Mordrate hier ungleich höher. Denn bei Transmisogynie handelt es sich um eine Mischform von Frauen- und Transfeindlichkeit, die vor allem trans Frauen und transfeminine Personen trifft. In ihr verstärken sich frauenfeindliche Ressentiments durch den Aspekt der Transfeindlichkeit und werden gleichzeitig dadurch unsichtbar gemacht.

Missy Magazine 06/21, Essay, Die Sache mit den trans Leuten
© Tina Kaden

Anders als das Schweigen der cis Linken in Deutschland wird sich in Großbritannien, wie Faye zeigt, auch von Linken auf trans Frauen gestürzt, was am Umgang mit Lily Madigan zu beobachten war, die 2017 Women’s Officer der Labour Party wurde. Die Szene an FeministInnen, die sich gegen trans Menschen organisiert, ist groß in England. In Deutschland beschränkt sie sich hauptsächlich auf Leute, die in den 1970er-Jahren politisch sozialisiert wurden, wie die „EMMA“-Redaktion und Terres des Femmes sowie einige Figuren der (post-) antideutschen Szene, bspw.Autor*innen der sogenannten „Kreischreihe“ im Querverlag. Teile transexklusiver Ideologie lassen sich auch unter deutschen materialistischen FeministInnen wiederfinden, wie auch unter einigen LiberalfeministInnen, wie den wenigen Mitgliedern der Grünen, die sich im Sommer dieses Jahres gegen die Abschaffung des TSG gestellt haben.

Wenn auch der Hass hier nicht so überwältigend ist, so ist es doch das Schweigen. Cis FeministInnen müssen sich oft die Hände gar nicht erst mit Kampagnen gegen uns schmutzig machen, sie können sich enthalten und dadurch erwirken, das transgeschlechtliche Frauen ihren Strukturen fernbleiben. So kommen sie erst gar nicht in Verlegenheit, sich positionieren zu müssen. Eine TERF in einer Organisationen reicht meist aus. Solange sie geduldet und als Diskutantin gehandelt wird, bleiben wir fern. Oft haben trans Menschen keine Kapazitäten, sich mit transfeindlichen FeministInnen in bestimmten Strukturen auseinanderzusetzen. Anfang 2021 ist die Ausrichtung des jährlichen Lesbenfrühlingstreffen in Bremen an transfeindliche Lesben gegangen, die gezeigt haben, wie schnell und effektiv sich TERFs in Deutschland organisieren können, wenn man ihnen die Chance gibt. Hätten sich trans Aktivist*innen, wie Lou Kordts, nicht zu Wort gemeldet, hätte die Veranstaltung kommentarlos stattgefunden.

Hier wie in England fokussiert sich trans Aktivismus oft auf rechtliche Aspekte. Außer Acht gelassen wird, dass sich am Kampf gegen den Gender Recognition Act, oder hier das TSG, vor allem weiße und mittelständische trans Menschen beteiligen, die aufgrund ihrer finanziellen Situation schneller transitionieren können als trans Personen aus der Arbeiter*innenklasse und of Color, mit mehr Hürden im medizinischen Apparatus konfrontiert sind. Die Bewegung zur Befreiung transgeschlechtlicher Menschen sollte sich, wie auch Faye schreibt, eine abolitionistische Perspektive zu eigen machen. Abolitionismus, der auf Kämpfe Schwarzer Menschen gegen die Versklavung zurückgeht, meint heute die Bewegung gegen u. a. Gefängnisse und Polizei. Die trans Community sollte nicht länger darauf warten, vom Staat anerkannt zu werden, sondern sich lieber von unten organisieren, antiassimilatorisch und in Solidarität mit denjenigen trans Personen sein, die von weißer Vorherrschaft unterdrückt werden, wohnungslos, auf Sexarbeit angewiesen sind oder im Knast sitzen. Diejenigen sollten fokussiert werden, die sich kein Passing erkaufen und cis- normativen Idealen entsprechen können, um die Befreiung jeder trans Person zu erreichen.

Dazu gehört, weniger auf gesellschaftliche Akzeptanz abzuzielen und verstärkt für die Abschaffung dieses Systems einzutreten. Aktivismus in der queeren Community müsste anders strukturiert werden: Wir sollten weniger auf das Verständnis cis heterosexueller Menschen hinarbeiten und uns lieber so organisieren, dass wir auffangen, was der Staat nicht leistet. Das passiert bereits in der Casa Kuà in Berlin, die selbstorganisiert trans Gesundheitsversorgung gewährleistet, oder mit Trans*SexWorks, das trans Sexarbeiter*innen unterstützt. So wichtig der Kampf gegen das TSG ist, zieht er doch Energien, die wir an anderer Stelle brauchen.

Derweil müssen cis FeministInnen endlich anfangen, sich mit ihrer Transfeindlichkeit auseinanderzusetzen. Sie müssen sich eingestehen, dass wir sie ängstigen, dass Transfeindlichkeit und –misogynie tief sitzen und ihre Cisgeschlechtlichkeit unmarkiert ist und dadurch naturalisiert wird. Ihr Ekel vor uns muss entlarvt werden als Angst davor, die Kontingenz geschlechtlicher Werdung als solche anzuerkennen. Die Aufrechterhaltung der cis Binarität, zu der die Dichotomie zwischen Mann und Frau gehört, muss als kapitalimmanent verstanden werden. Der Staat als ideeller Gesamtkapitalist zählt auf Arbeitsteilung, die qua Genital natürlich gesetzt werden soll: Mann und Frau, schaffende und reproduktive Arbeit. Es gilt dies zu erkennen und anzugreifen. Die Befreiung transgeschlechtlicher Menschen würde auch die Befreiung cisgeschlechtlicher Menschen bedeuten, wie Faye schreibt.

Shon Faye „The Transgender Issue“ –Penguin Books, 320 S.,ca. 24 Euro

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

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