Ganz sicher poly

Mit „Polysecure“ gelingt Jessica Fern ein vielschichtiger Blick auf Bindungen, der auch Trauma einbezieht.

Von Senami Zodehougan

Als ich 13 Jahre alt war, war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, auf Zeitreisen zu gehen. In meinem Kopf, versteht sich. Die Realität, in der ich mich befand, gab einfach nicht viel her, mit dem ich mich als Black Babyqueer in Ostdeutschland gut fühlte. Deshalb verbrachte ich viel Zeit damit, verträumt auf meinem Drehstuhl zu hängen und Löcher in die Luft zu starren. Eine meiner Go-to-Szenarien waren Beziehungen, romantischer oder sexueller Natur. In der Schule hatte mich ein*e Freund*in gefragt: „Wie viele Beziehungen willst du später mal haben?“ Sie meinte: so insgesamt im Leben. Ich verstand: gleichzeitig. Die Vorstellung, mehrere erfüllende Beziehungen auf einmal zu haben, versetzte mich in Euphorie.
Auch heute beschäftigt mich das Thema: In welcher Art von Beziehungen möchte ich leben? Mit wem wie nah? Wie viele auf einmal kann ich mir vorstellen? Platonisch,

romantisch, sexuell, intim? Was sind die Möglichkeiten und welches emotionale Handwerkszeug ist hilfreich dabei, sich mit sich selbst und den manchmal heftigen Gefühlen auseinanderzusetzen, die einvernehmlich nicht-monogame Beziehungskonstellationen mit sich bringen?
1997 erschien das Buch „The Ethical Slut“ und gab vielen Menschen in CNM-Beziehungen eine gemeinsame Sprache und wertvolle Unterstützung in der praktischen Umsetzung. CNM ist die Abkürzung für consensual non-monogamy (zu Deutsch: einvernehmliche Nicht-Monogamie) und beschreibt das Feld an Möglichkeiten, in welchem intime, sexuelle und romantische Verbindungen zwischen mehr als zwei Personen stattfinden, alle Beteiligten voneinander wissen und der jeweiligen Beziehungsstruktur aktiv zugestimmt haben. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, CNM zu leben, z. B. offene Beziehungen,
(nicht-)hierarchische Polyamorie, Beziehungsanarchie, Solo-Polyamorie, Swingen etc.

„The Ethical Slut“, erschienen 1997, war für die Zeit eine bahnbrechende Lektüre. Dennoch haben nicht alle CNM-Praktizierenden gleichermaßen davon profitiert, denn Polyamorie wurde als ein Konzept dargestellt, das mit purer Willenskraft und ungeachtet individueller emotionaler Voraussetzungen umgesetzt werden kann, was Personen mit Traumatisierungen, unsicheren Bindungsstilen, Neurodiversitäten etc. oft frustriert oder hilflos zurücklässt. Diese Gegebenheiten erfordern oft mehr als nur praktische Kommunikationshilfestellungen in der Umsetzung von CNM, es fehlen nämlich emotionale Ansatzpunkte. Wie z. B. mit emotional anspruchsvollen Situationen umgehen, wenn Überforderung mit den eigenen Gefühlen zum Tagesgeschäft gehört? Oder das Eingehen von intimen Beziehungen generell Retraumatisierungspotenzial hat? Auch das Suchen von therapeutischer Unterstützung, um mit Frustration und Hilflosigkeit umzugehen, wird schnell zum Desaster, weil viele Therapeut*innen nicht mit Verständnis, sondern Pathologisierungen auf nicht-monogame Beziehungsformen reagieren. So heißt es oft, nicht-monogam lebende Menschen seien einfach unfähig, ernsthafte Bindungen einzugehen. Solche Annahmen offenbaren das fehlende Wissen über CNM. Einvernehmlich nicht-monogam zu leben, in welcher Form auch immer, erfordert nicht weniger, sondern mehr emotionale und kommunikative Fähigkeiten. Ein bewusster Umgang mit head- und heartspace. Gut eigene Grenzen setzen zu können und wertschätzend mit den Grenzen anderer umzugehen.

Wenn es mehr Menschen geben würde, die wissen, wie sie CNM auf eine Art und Weise leben könnten, die ihnen selbst und ihren Liebsten guttut, dann würden viel mehr von ihnen in glücklichen CNM-Beziehungskosmen herumschwirren. Wenn wir alle sicher gebunden wären und wegkämen von emotionalen Verteilungskämpfen, bei denen es am Ende nur die eine Person geben kann, würden sich viele Dinge zum Besseren verändern. In der CNM-Community hat sich seit „The Ethical Slut“ viel getan. Es gibt eine große Anzahl von verschiedensten Formaten, in denen Menschen über ihre Erfahrungen sprechen, gemeinsam Ideen wälzen, Fragen stellen und auf Leerstellen antworten.
Einen wichtigen Beitrag zur Beantwortung der Leerstelle CNM und unsichere Bindungsstile liefert die Psychotherapeutin Jessica Fern mit ihrem Ratgeber „Polysecure – Attachment, Trauma And Consensual Nonmonogamy“. „Polysecure“, derzeit leider nur in englischer Sprache erschienen, ist eines der wenigen Bücher über CNM, welches die Prinzipen der Bindungstheorie auf die Praxis einvernehmlich nicht-monogamer Beziehungen überträgt. Die Idee ist naheliegend und neu zugleich, denn Fern bezieht sich auf emotionale Bindungsstile nicht als Randerscheinungen, sondern als integralen Ausgangspunkt für die Art und Weise, wie wir uns mit den Menschen in Verbindung setzen, die unseren CNM-Beziehungskosmos ausmachen.

Aber eins nach dem anderen: Die Bindungstheorie geht davon aus, dass zwischenmenschliche Bindung einen überlebensnotwendigen Faktor in der menschlichen Entwicklung darstellt. Es macht Sinn, denn wenn wir geboren werden, sind die Bindungen zu unseren Bezugspersonen der einzige Weg, der uns zur Verfügung steht, um unsere primären Bedürfnisse zu stillen. Wir sind abhängig und müssen Bindungen aufbauen, um Schutz zu erfahren oder ganz einfach ernährt zu werden. Wenn wir als Kleinkinder Angst oder Bedrohung verspüren, aktiviert dies unser Bindungssystem. Verhaltensweisen wie Weinen, Greifen oder Rufen nach Bezugspersonen sind dabei Versuche, Sicherheitsgefühle oder tatsächliche Sicherheit wiederherzustellen. Der Kontakt bzw. die Bindung zu Bezugspersonen (Bindungsverhalten) sind für Kinder also wesentliche Elemente im Erlernen von emotionaler Selbstregulierung und dem Sicherheits-, bzw. Unsicherheitsempfinden darüber, die Welt und sich selbst zu entdecken (Explorationsverhalten).

Missy Magazine 06/21, Dossier, Ganz sicher poly
©Antimimosa

Sind Bezugspersonen nicht in der Lage, eine emotional sichere Basis zu bieten, weil sie z. B. abwesend oder angsteinflößend sind, ist das Kind auf sich zurückgeworfen und muss mit kaum vorhandenen Ressourcen versuchen, emotional stressreiche Situationen zu bewältigen. Ob wir einen sicheren oder unsicheren Bindungsstil haben, hängt in der Folge damit zusammen, in was für einer emotionalen Umgebung wir Bindung erlernt haben. Ist ein Kind immer wieder mit emotionaler Selbstregulation allein gelassen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass der daraus resultierende Bindungsstil ein unsicherer ist, denn das Kind kann sich nicht auf seine Umwelt verlassen. Der kindliche Bindungsstil hat einen großen Einfluss auf unseren Bindungsstil als Erwachsene. Es werden vier Bindungsstile voneinander unterschieden: der „sichergebundene“ Stil und drei „unsichergebundene“ Stile.
Sicher gebundene Kinder kommen in den meisten Fällen aus einer größtenteils unterstützenden, liebevollen und stabilen Familienstruktur. Ihre Bezugspersonen waren eine sichere Anlaufstelle und Ausgangsbasis, von der aus die Welt erkundet werden konnte. Auf das bindungssuchende Kind wurde emotional angemessen und mit Zuneigung reagiert, was zu einer Beruhigung des kindlichen Nervensystems führte. Sicher gebundene Erwachsene können sich in emotional aufreibenden Situationen besser selbst regulieren, haben in Beziehungen weniger Verlustängste und finden es leichter, emotionale Verbindungen aufzubauen, als unsicher-gebundene Personen.

Der erste unsichere Stil, der avoidant/dismissive Bindungsstil, resultiert aus der kindlichen Erfahrung von wiederholter Zurückweisung durch die Bezugsperson. Weil das Kind diese Zurückweisung nicht permanent wiedererleben möchte, lernt es, die eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken und nichts zu brauchen. Als erwachsene Person äußert sich dieser unsichere Bindungsstil durch massive Schwierigkeiten, Vertrauen aufzubauen und Nähe überhaupt zuzulassen, weil die Erfahrung, nicht das zu bekommen, was eigentlich gebraucht wird, so sehr verinnerlicht wurde.
Der zweite unsichere Bindungsstil wird als anxious/preoccupied definiert. Dieser Bindungsstil ist geprägt durch die kindliche Erfahrung eines chronisch überaktivierten Bindungssystems. Diese Überaktivierung kommt zustande, weil das Kind seine Bezugsperson als unberechenbar verinnerlicht hat. Durch den ständigen Wechsel zwischen empathischen und zurückweisenden Reaktionen der Bezugsperson ist das Kind anhaltend damit beschäftigt herauszufinden, wie die Bezugsperson drauf ist und wie es sich verhalten soll, um sichere Bindung zu erfahren. Im Erwachsenenalter äußert sich dieser Bindungsstil in Form von intensivem Fokus auf und große Besorgnis um das Ausmaß der Nähe in engen Beziehungen. Was von Partner*innen als kontrollierend oder klettig missverstanden werden kann, ist oft vielmehr ein Anzeichen für das noch immer hochsensitive Bindungssystem einer Person, mit welchem sie versucht, auf die kleinsten Veränderungen in der Beziehung zu reagieren.
Der dritte unsichere Bindungsstil ist der disorganized/fearful- avoidant Bindungsstil. Kinder mit diesem Bindungsstil haben ein Bindungssystem, das gleichzeitig über- und deaktiviert zu sein scheint, sie haben keine stabile Bindungsstrategie. Der disorganized/fearful-avoidant Bindungsstil wird oft mit Bezugspersonen in Verbindung gebracht, die selbst traumatisiert sind und/ oder das Kind durch ihr Verhalten traumatisieren, weil sie das bindungssuchende Kind verängstigen und als bedrohlich oder gefährlich wahrgenommen werden. Stell dir ein Kleinkind vor, dessen Bindungssystem aktiviert ist. Es sucht Nähe zu einer seiner Bezugspersonen. Was macht dieses Kind aber, wenn die Bezugsperson die Bedrohung darstellt? Das Kind ist in einer unmöglichen Situation. Im Erwachsenenalter kommt es dadurch oft zu einem widersprüchlichen Bindungsverhalten, das Fern als one foot on the gas and one foot on the break-Verhalten beschreibt. Personen mit diesem Bindungsstil verhalten sich oft paradox. Z. B. werden Bindung und Aufmerksamkeit aktiv gesucht, von Partner*innen vielleicht sogar eingefordert, dann jedoch vermieden oder als überfordernd empfunden.

Fern erklärt alle vier Bindungsstile sehr anschaulich. Somit bietet sie uns die Möglichkeit, einen differenzierten Blick auf die eigene Bindungsbiografie zu werfen. Bindungsstil und -bedürfnisse einer Person werden in erklärbare Kontexte gesetzt und machen kommunikationsfähig, sodass wir weg von: „CNM: ja oder nein?“ hin zu der Frage „Wie kann ich CNM leben und was brauche ich dazu?“ kommen.
Und das hilft nicht nur in Hinblick auf Verbindungen, die von Sexualität geprägt sind. Oft wird vergessen, dass Freund*innenschaften mindestens genauso wichtig, intim, nervenaufreibend, horizonterweiternd und lebensverändernd sein können wie romantisch-sexuelle Beziehungen. Bindungsstile kicken nicht nur in der Anwesenheit von Sex. Sie werden dann Thema, wenn wir uns mit Menschen zu Hause fühlen und dabei Verständnis und Zugehörigkeit erfahren. Wenn wir etwas nicht verlieren wollen, weil es uns wichtig ist und sich gut anfühlt. Folglich profitieren auch (enge) Freund*innenschaften sehr davon, unsichere Bindungsstile anzugehen, egal, ob sie z.B. hochemotional, aber nicht sexuell, platonisch-romantisch oder kumpelmäßig sind. Fern schenkt ihren Leser*innen einen Schlüssel, mit welchem sie verschiedene Türen öffnen können.
In CNM-Beziehungen finden verschiedene emotionale Bindungen zwischen verschiedenen Personen statt. Das bedeutet, dass eine Person mit unterschiedlichen Partner*innen unterschiedliche Bindungsstile haben kann. „Polysecure“ beleuchtet diese und ähnliche Bereiche des emotionalen Finetunings in CNM-Beziehungen und liefert konkrete Ansatzpunkte, wie mit aus der Balance geratenen Verbindungen konstruktiv umgegangen werden kann. Z. B. in Bezug auf Eifersucht.

Wenn wir mit der Bindungstheoriebrille auf Eifersucht schauen, wird diese zu mehr als nur besitzergreifendem Verhalten oder Aggression. Welche unsicher gebundene Person kennt das nicht: Abende wurden damit verbracht, bei Johanniskrauttee und Entspannungskerze über das mit Aufregung erwartete erste Date der*des Partner*in zu sprechen. Ihr habt vom Gefühl her alles richtig gemacht, ihr habt besprochen, was okay ist und was nicht, wann ihr euch danach wiederseht und was sonst noch so wichtig ist. Und dann ist es so weit, eure Beziehungsperson geht los und obwohl eigentlich alles geklärt war, fühlt ihr nur noch: Panik. Das war’s jetzt. They’re never gonna come back. Enge in der Brust … Ist das Eifersucht? Fern nennt es primal attachment panic (PAP) und erklärt es so: Unser Nervensystem setzt Bindung mit Sicherheit gleich, und wird eine sichere Bindung bedroht oder sogar verloren, kann dies Gefühle von intensiver Angst, Hilflosigkeit und sogar Panik auslösen.
Um das Bindungssystem zu aktivieren, müssen diese Bedrohungen dabei keineswegs tatsächliche Bedrohungen sein. Es reicht aus, wenn das Ereignis als theoretisch oder symbolisch bedrohlich empfunden wird. In Fällen von PAP, sagt Fern, ist es wenig hilfreich, von Eifersucht zu sprechen, denn kognitiv wissen die Betroffenen, dass die*der Partner*in wohlauf ist, zurückkommt und alle Absprachen eingehalten wurden.
Primal attachment panic ist das körperliche und emotionale Wiedererleben von bedrohlichen Bindungserfahrungen in der Kindheit. Wird PAP als solche identifiziert, entstehen neue Wege, um konstruktiv mit diesen Gefühlszuständen umzugehen, ohne den Betroffenen das Gefühl zu geben, dass CNM nicht das Richtige für sie wäre.

Fern macht uns die Grundlagen, Auswirkungen und Veränderungsräume von unsicherer Bindung zugänglich. Sie enttarnt Verhaltensweisen und emotionale Landkarten, die bisher als unveränderbar hingenommen werden. Fern wählt in der Erklärung von Bindungsstilen das Elternhaus als immer wiederkehrenden Tatort, und obwohl sie dabei den Fokus nicht nur auf Eltern, sondern bspw. auch auf Geschwister legt, scheint es fast, als ob Bindungsstile außerhalb (normativer) Familienstrukturen unberührt blieben. Was ist aber mit Bindungserfahrungen im Erwachsenenalter, die trotz sicherer Bindungsstile missbräuchlich und gewaltvoll sind? Auch hätte ich mir gewünscht, dass die Erwähnung von Machtverhältnissen und ungleich verteilten Privilegien in CNM-Beziehungskontexten zumindest ein eigenes Kapitel bekommen hätte. Denn trotz einer Randbemerkung zu diesem Themenkomplex – es kann also nicht an Unwissenheit liegen – wird nicht weiter darauf eingegangen und das ist schade. Schade, weil z. B. Stimmen von BIPoC und Menschen, die be_hindert werden, in dieser Auseinandersetzung fehlen, denn die durchschnittliche CNM praktizierende Person ist weiß, ableisiert und aus der Mittelschicht. Hier wäre es hilfreich, ein paar unterstützende Richtlinien im Umgang mit Machtverhältnissen zu haben. Sie spiegeln sich natürlich auch in unseren intimen Beziehungen wider, wenn sie diese überhaupt zustande kommen lassen. Was muss bezüglich Bindung unter gesellschaftlich erschwerten Bedingungen bedacht werden?

Erfüllende Beziehungen sind schützende Faktoren für mentale Gesundheit und Lebenszufriedenheit an sich. „Polysecure“ eröffnet einen neuen Blickwinkel für Menschen mit traumatischen Bindungserfahrungen in der Kindheit, für alle, die sich fragen, warum die Umsetzung von CNM sich manchmal so schwer anfühlt, wenn rational doch alles klar ist, aber auch für alle Neueinsteiger*innen. Damit setzt Fern bei den emotionalen Strukturen an, aufgrund derer wir interagieren. Das Leben in CNM-Beziehungsuniversen erfordert ein hohes Maß an Bewusstsein über die eigenen Emotionen, Bedürfnisse und Grenzen sowie die Fähigkeit, diese mitzuteilen – „Polysecure“ hilft dabei sehr.

Und die nächsten Personen, die sich mit der Thematik auseinandersetzen, schaffen vielleicht den Sprung von emotionalen zu gesellschaftlichen Strukturen. Denn auch Personen, die be_hindert werden und/oder Rassismus erfahren, wollen gehalten werden, von so vielen Beziehungen, wie es sich eben gut anfühlt.

Jessica Fern„Polysecure – Attachment, Trauma And Consensual Nonmonogamy“Throntree Press, 290 S.,ca. 18 Euro

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

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