Hungrige Löcher

Dicht und bildhaft erzählt K-Ming Chang in „Bestiarium“ von Queerness und intergenerationalen Trauma.

15.11.21 > , Literatur & Comics

Von Isabella Caldart

Als ein Bestiarium wird eine allegorische Tierdichtung oder eine Sammlung von Tierdarstellungen bezeichnet – und so heißt auch der Debütroman von K-Ming Chang. Die Autorin beschreibt darin drei Generationen von US-amerikanisch-taiwanesischen Frauen in Arkansas und Kalifornien. „Bestiarium“ ist aber kein klassisch-erzählender Gesellschaftsroman, im Gegenteil. Chang verbindet darin taiwanische Mythologie, magischen Realismus, Erzählungen von Queerness, intergenerationale Traumata, Exilerfahrung in der Diaspora und sehr intensive Körperlichkeiten. Das klingt nach viel – ist

auch viel –, ist aber gleichzeitig dicht und schlüssig erzählt.

Missy Magazine 06/21, Literaturaufmacher, Hungrige Löcher
© Trina Quach

Der Roman beginnt damit, dass die Familie im Garten Löcher gräbt auf der Suche nach Gold, das der Großvater vielleicht einst versteckt hatte. Das Gold finden sie nicht, die Löcher aber bleiben, und sie entwickeln ein Eigenleben. Jedes Mal, wenn die Tochter die hungrigen Löcher füttert, spucken diese Briefe der Großmutter aus der Vergangenheit aus. Löcher sind eines der Themen, um die es sowohl im ganz handfesten als auch im übertragenden Sinne in „Bestiarium“ geht: Die namenlose Tochter erkundet ihre Körpereröffnungen, die Briefe der Großmutter bleiben fragmentarisch.
Früh wird deutlich: Metaphern und Sagen sind im Rahmen des Romans real. Nachdem die Mutter der Tochter vom Tigergeist Hu Gu Po erzählt, wächst dieser ein Tigerschwanz, den sie einerseits versteckt, andererseits aber liebt. Es wird viel Gewalt ausgeübt, doch es gibt auch Momente der Zartheit, vor allem, als sich die Tochter in das Mädchen Ben verliebt.

Es ist kaum zu glauben, dass K-Ming Chang, als ihr Roman vergangenes Jahr auf Englisch veröffentlicht wurde, erst 22 Jahre alt war. Sie wurde direkt für mehrere Preise nominiert, darunter den PEN/Faulkner Award, und war Finalistin bei den Lambda Literary Awards für queere Literatur. „Bestiarium“ ist ein herausforderndes Buch, hochliterarisch und komplex, voller Metaphern und teils brutal – und eine ganz außergewöhnliche Lektüre, die fast eine körperliche Erfahrung ist.

K-Ming Chang „Bestiarium“ – Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs.
Hanser, 288 S., 24 Euro

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

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