Im Hamsterrad des Hafermüslis

Warum wollen viele Frauen auf einmal #ThatGirl sein?

Von Josephine Papke

Gerade nach der Lohnarbeit lasse ich mich gerne mal von Videos auf TikTok berieseln. Zu meinen Lieblingsvideos gehören ästhetische Vlogs, bei denen der simple Alltag porträtiert wird und gar nicht so viel passiert. Aber genau diese langweiligen Aspekte des Täglichen widergespiegelt zu bekommen, hat etwas Beruhigendes. Dass auch diese Vlogs nicht vom kapitalistischen System ausgenommen sind, zeigt sich in den Produktplatzierungen und Werbekooperationen der Videos. Noch problematischer wird es aber, wenn die seichte Unterhaltung mir zusätzlich einbläut, dass ich in meiner Freizeit ebenso produktiv wie möglich sein solle, um den Schlüssel zum Lebensglück zu erhalten. Das passiert aktuell vor allem in den TikTok-Videos des #ThatGirl-Trends. Dass der Begriff „that girl“ eigentlich von

Schwarzen Frauen stammt und von weißen Frauen angeeignet und umgedeutet wurde, überrascht nicht, wenn man sich die Ursprünge der größten und meisten TikTok- (und eigentlich allgemein Popkultur-) Trends ansieht. Die meisten am #ThatGirl-Trend Partizipierenden sind weiße, schlanke, junge, able-bodied Frauen, die sich trotzdem nicht mit dem Begriff „woman“, sondern „girl“ beschreiben.

Wie sieht diese kulturelle Aneignung und Verniedlichung von erwachsenen Frauen konkret aus? Da sie sich am frühen Morgen erst mal mit Yoga entspannt, ist „that girl“ immer ausgeruht, obwohl sie bereits um fünf Uhr aufgestanden ist. Danach macht sie erst einmal ein intensives Fitness-Workout in ihrer minimalistisch eingerichteten Wohnung, isst einen Avocadotoast oder einen Haferbrei, trinkt einen Eiskaffee oder einen Matcha Latte und filmt sich anschließend auf dem Weg zur Arbeit. Bei all dem sieht sie immerzu frisch aus. Die „that girl“-Trope promotet eine Wellnesskultur, die vor allem für die Glorifizierung von schlanken, normschönen Körpern und die Vermarktung von sogenanntem „Clean Eating“ kritisiert wurde. Aber es steckt noch mehr in der populären Ästhetik. Denn Wellness hat in der #ThatGirl- Mode eigentlich nur ein Ziel: die Reproduktion der eigenen Leistungsfähigkeit. Die Quintessenz des Trends: Du bist nicht genug. Erst, wenn du dich hin zur Vorlage, bis hin zum „that girl“ selbstoptimierst, bist du wertvoll.

Aber wenn „that girl“ impliziert, die richtige Musterfrau zu sein, was sind dann all die anderen Frauen? Was macht dann „this girl“? Welche Menschen haben die privilegierte Energie, vor dem Arbeiten um fünf Uhr morgens aufzustehen, ein komplettes Workout zu absolvieren, sich ein Obstfrühstück in der Ästhetik eines Hotel-Zimmerservices herzurichten, nur um danach noch zehn positive Dinge in ein schön dekoriertes Dankbarkeitsjournal zu schreiben? Das Dankbarkeitsjournal ist eine Erfindung, die Berühmtheiten wie Milliardärin Oprah Winfrey seit Jahren ausdrücklich anpreisen. Das Ziel dieses Journals bestehe darin, die eigene Denkweise zu verändern und das Gehirn so zu trainieren, dass positive Gedankengänge im Vordergrund stehen. „Du musst nur positiv denken, dann passieren dir positive Dinge.“ Diese toxische Positivität leugnet die Intersektionen und vielfach anstrengenden Lebensrealitäten, denen insbesondere marginalisierte Menschen ausgesetzt sind. Diese lassen sich nicht einfach ausblenden. In der #ThatGirl-Logik gilt es aber als selbstverschuldet, wenn ein Umlenken auf ausschließlich positive Gedankengänge nicht gelingt. Ganz nach dem Motto der neoliberalen Logik: Der*die Einzelne ist verantwortlich für sein*ihr Schicksal. Und wer möchte, dass das erfolgreich gelingt, stehe um fünf Uhr morgens auf und mache eine Morgenroutine.

Was dabei völlig ausgeblendet wird: Viele Menschen kämpfen tagtäglich mit ihrer mentalen Gesundheit und können nur mit enormer Mühe aus dem Bett aufstehen, wenn die strapaziöse Lohnarbeit und die finanzielle Existenzaufrechterhaltung rufen. Und viele müssen ohnehin um fünf Uhr für einen schlecht bezahlten Knochenjob aufstehen und haben daher schlicht keine Zeit oder Energie, diese „Routine“ ästhetisch zu verpacken und zu dokumentieren.

Missy Magazine 06/21,Mode, That Girl Trend
© Unsplash by Derick Mckinney, Logan Weaver, Arnel Hasanovic

Die „that girl“-Ästhetik reiht sich in die Girlboss-Maschinerie ein. Mit dem Begriff Girlboss beschreiben sich Frauen, die Karriere machen und es daher vermeintlich „geschafft“ haben. Aber ist es wirklich eine feministische Errungenschaft, die gleichen problematischen kapitalistischen Verhaltensweisen und Umstände zu adaptieren, die uns das Patriarchat als Patent zum Glück verkauft? In dem System, in dem wir leben, bedeutet die Realitätsdevise für viele Menschen: irgendwie überleben. Wenn sich also Frauen dafür entscheiden, in die Fußstapfen der „Boss-Logik“ zu treten, mag das als persönliche Wahl begründet werden. Wenn dieser Weg aber zu einer Bewegung wird, die sich anderen Frauen gegenüber als wertiger versteht, dann hat das nichts mit dem behaupteten Empowerment oder Feminismus zu tun. Vielmehr fällt es in die Kategorie der „pick me“- Methodik. Als „pick me girl/woman“ werden Mädchen oder Frauen bezeichnet, deren internalisierte Misogynie so stark ist, dass sie sich über andere Frauen erheben, indem sie diese niedermachen. Typische Beispiele sind Sätze wie „Ich bin nicht wie die anderen Frauen“ oder „Ich habe fast nur männliche Freunde. Frauen sind mir viel zu anstrengend.“ Der #ThatGirl- Trend geht zwar subtiler damit um, greift aber die gleichen Abwertungsmechanismen auf. Gibt man auf TikTok den Hashtag #That- Boy ein, erscheinen vorrangig Videos der „that girl“-Ästhetik. Die 1,2 Milliarden TikTok-Auf- rufe des Hashtags #ThatGirl beweisen, wie sehr insbesondere Frauen weiterhin einem Druck der Selbstoptimierung unterliegen, die oft gefördert wird durch ein gegenseitiges Ausspielen. „This or that“? – im Kapitalismus wird #ThatGirl zur Ware. Doch die stetige Selbstverbesserungsideologie findet kein Ende, sie dreht sich weiter wie ein Hamsterrad und führt nirgendwo hin. Zeit, auszusteigen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

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