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Jungs im PH

„Planet Egalia“ ist ein feministisches Musical, das mit viel Humor nach besseren Zukünften sucht.

15.11.21 > , Theater

Interview: Sonja Eismann

Du bist vor allem als Musikerin bekannt – mit deinen Bands Lassie Singers und Britta, in den letzten Jahren auch als Solomusikerin. Warum jetzt Theater – hast du mit der Musik abgeschlossen?
Die Vorstellung, nie mehr mit einer Band auf Tour gehen zu können, stimmt mich traurig, von daher: nein. Trotzdem muss ich sagen, dass die Entwicklung – nun auch verstärkt durch die Pandemie – in die Richtung geht, dass Musik eigentlich nur noch ein kostspieliges Hobby ist. Das Musikbusiness erscheint mir extrem festgefahren – seit dreißig Jahren zetere ich vor mich hin, dass Frauen benachteiligt werden, und es hat sich in der Zwischenzeit zwar einiges geändert, aber eigentlich auch wieder nicht.

Und im Theater ist es besser? Kein Ärger mit männlich geprägten Machtstrukturen?
Das mag übertrieben klingen, aber ich habe in den paar Jahren, in denen ich Theater

mache und schreibe, mehr Anerkennung erfahren als in dreißig Jahren als Musikerin. Natürlich ist es auch der Reiz des Neuen, der mir gefällt, die Arbeit in einer so großen, diversen Gruppe, mit den verschiedenen Gewerken, auf der großen Bühne. Doch ich habe immer gesagt, wenn ich mal an einen Regisseur gerate, der klischeemäßig rumschreit und seine Macht ausspielt, dann gehe ich sofort.

Wie kamst du auf die Idee, feministische Inhalte in ein Musical zu packen?
Ich muss gestehen, dass ich Sprechtheater irgendwie blöd finde, dieses Theatralische erscheint mir immer so gestelzt. Ich habe es oft versucht und war stets enttäuscht. Eine Vorliebe habe ich dagegen für Gala oder Revue. Das hat eine Künstlichkeit, die das Theater ja sowieso hat und die dadurch gebrochen wird. Die Leute, die bei „Planet Egalia“ mitwirken, sind auch alle Musiker*innen oder Performer*innen.

Missy Magazine 06/21, Rolle Vorwärt, Jungs im PH
©Dorothea Tuch

Wieso bist du in die 1970er-Jahre zum Klassiker „Die Töchter Egalias“ zurückgekehrt, um Feminismus heute zu thematisieren?
Es war für mich ein großer Glücksfall, dass mir jemand von diesem Schinken von 1977 erzählt hat. Für die heutigen Leser*innen nutzt sich der Witz der einfachen Verkehrung der Geschlechterverhältnisse zwar irgendwann ab, und auch der darin durchscheinende Differenzfeminismus der 1970er-Jahre hat sich überholt. Trotzdem ist es unterhaltsam mit seinen PHs, also Penishaltern für die Jungs, und Anreden wie „Herrlein Uglemose“. Und ich denke schon, dass die bloße Umkehrung bis heute viel sichtbar machen kann. Auch bei uns im Team haben viele Passagen aus dem Buch Aha-Momente bewirkt: In einer Szene fängt Petronius – die männliche Hauptfigur, die die Unterdrückung durch das Matriarchat reflektiert – einen Fisch und seine Freundin hat kein Glück beim Angeln und ärgert sich. Er beschließt dann, sich extra ungeschickt anzustellen, um die verliebte Stimmung nicht kaputt zu machen. Viele Heterofrauen der Gruppe kannten das aus ihren Beziehungen, immer automatisch Rücksicht auf das Ego des Partners zu nehmen …

„Planet Egalia“ bleibt nicht bei dieser Dystopie für Männer bzw. diesem feministischen Schwank stehen, sondern blickt auch in die Vergangenheit, um Zukunftsutopien zu entwickeln …
Ich hatte mit drei großen Autorinnen, nämlich Marge Piercy, Joanna Russ und Ursula K. Le Guin, die in der gleichen Zeit feministische Sci-Fi geschrieben haben, tolle Lektüreerfahrungen. In ihren Werken geht es nicht darum, dass die Männer auch ein bisschen Care-Arbeit übernehmen, sondern da werden die Geschlechter gleich ganz abgeschafft. Und nicht nur das, auch die Klassenverhältnisse, das Privateigentum, die Lohnarbeit … In „Female Planet“ von Joanna Russ gibt es unterschiedliche Wahrscheinlichkeitskontinuen, verschiedene Wirklichkeiten existieren parallel. Ich habe das für mein Stück so konstruiert, dass eine Figur vom Planeten Egalia eine Reise in diese anderen Wahrscheinlichkeitskontinuen antritt und damit konfrontiert wird, dass es z.B. in manchen Gesellschaften gar keine Geschlechter mehr gibt und die Menschen praktischerweise nur drei Tage im Monat sexuelle Wesen sind.

Im Stück steht der Humor immer im Vordergrund. Worüber amüsierst du dich am meisten?
Ich spiele die Direktorin Bram, eine gestandene Matriarchin, die ihren Mann im Haus festhält. Dieses Klischeebild von 70er-Jahre-Männlichkeit umzudrehen und zu „überspielen“ hat mir diebische Freude bereitet. An einer Stelle sagt mein frustrierter, erschöpfter Mann, er brauche auch mal Zeit für sich. Ich explodiere und frage, wofür der Herr bitte Zeit brauche, wo ich doch immerzu arbeite und Geld für alle verdiene. „Zeit für was, hä?“

Christiane Rösinger, 1961 im Badischen geboren, lebt in Berlin und ist eine Fixgröße der deutschsprachigen Indie-landschaft. Sie tritt als Schöpferin mittlerweile unsterblicher Liedzeilen wie „Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch!“ immer wieder als Kritikerin der RZB (romantischen Zweierbeziehung) auf, lässt aber auch Gentrifizierungskritik und Klassenhass in ihren Songs genug Raum. 2018 produzierte sie „Stadt unter Einfluss. Das Musical zur Wohnungsfrage“ am HAU. „Planet Egalia. Ein feministisches Singspiel“ wird von 22.–25.11. um 19 Uhr mit englischen Übertiteln im HAU zu sehen sein. hebbel-am-ufer.de

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

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