Monogames Wellenreiten

Nicht alle Queers sind poly: Unsere Autorin erzählt, warum sie sich für eine monogame Beziehung entscheidet.

15.11.21 > Sex & Beziehung

Von Christiane Erharter

Feminism encourages women to leave their husbands, kill their children, practice witchcraft, destroy capitalism, and become lesbians“ steht auf einem Foto, das Teil einer Installation von Angela Anderson und Ana Hoffner in einer Ausstellung zum Thema Hexen ist. Patriarchat zerschlagen bedeutet, zuerst Kapitalismus zerstören, so die platte wie alte, vor allem aber nach wie vor gültige These dieses Kunstwerks. Daneben hängen T-Shirts mit Slogans wie „make kin not babies“. Dieses Motto als wichtigen CO2-neutralen Beitrag zur Weltrettung erläutert die Theoretikerin Donna Haraway so: „Eine der dringendsten Aufgaben, die wir sterblichen Lebewesen haben, besteht darin, Verwandte zu machen, nicht Babys. Diese Verwandtschaft, sowohl mit als auch unter anderen Menschen und

artenübergreifend, sollte auf eine nachhaltige Art und Weise geschehen, die Generationen überdauern kann.“ Damit ist sie voll auf Linie mit dem in der queeren Community schon längst gelebten Beziehungskonzept der „Chosen Family“.
In so einer Chosen Family lebe ich – seit 2008 in einer queeren monogamen Langzeitbeziehung mit meiner Partnerin, seit 2018 erweitert unsere Pflegetochter die Familie. Meine Partnerin und ich entschieden uns 2013, unsere Beziehung zu formalisieren, und feierten das mit einem großen Fest. In Österreich trat das Eingetragene Partnerschafts-Gesetz (EPG) 2010 in Kraft, die „Ehe für alle“ ist erst seit 2019 möglich. Seit ich 17 bin, führe ich serielle monogame Beziehungen, allerdings mit Typen. Bis ich meine Partnerin kennenlernte. So war die Verpartnerung im großen Rahmen auch ein Outing als lesbische Frau.

Der Wunsch, die Beziehung offiziell eintragen zu lassen, hatte neben dem öffentlichen Bekenntnis zu unserer queeren Liebe mit dem plötzlichen Tod unseres engsten Freundes zu tun. Er starb im Alter von 48 Jahren, war offen schwul, aber zum Zeitpunkt seines Todes in keiner formalisierten Beziehung. Daher waren für alles Bürokratische und das Begräbnis die engsten Familienangehörigen verantwortlich und eben nicht die Chosen Family. Da war uns klar, dass wir diese Rolle im Falle eines Unfalls, plötzlichen Todes oder einer schweren Krankheit füreinander übernehmen und nicht unseren Angehörigen überlassen wollen, obwohl wir beide eine sehr herzliche und enge Beziehung zu unseren jeweiligen Herkunftsfamilien sowie denen der anderen pflegen. Eine feministische Juristin gab uns die Auskunft, dass nach wie vor das EPG dafür der beste Rahmen sei und nicht, wie von uns zur Diskussion gestellt, ein Akt beim Notar. Käme es z. B. zu einem Streitfall, müsste zuerst das Urteil abgewartet werden. Und darauf möchte ich verzichten, wenn meine Partnerin im Koma im Krankenhaus liegt.

Missy Magazine 06/21, Dossier, Monogames Wellenreiten
©Antimimosa

Der Verlust des gemeinsamen engen Freundes machte uns bewusst, welche Rolle er in unserem Beziehungsgefüge spielte. Die Bereitschaft zur Auseinandersetzung hiermit – gemeinsam mit einer Paartherapeutin – verstärkte unser Commitment zur Beziehung an sich. Wie in jeder Therapie steht auch in der Paartherapie die Auseinandersetzung mit sich selbst im Mittelpunkt sowie der Wille sich zu verändern und der Wunsch zu wachsen. Und das gemeinsam zu tun, verleiht uns Kraft und Energie. Beides brauchen wir, um alltägliche und familiäre Krisen zu überstehen, und dafür, unsere Träume und Wünsche zu realisieren: Wir sind zusammengezogen, führen einen gemeinsamen Haushalt und haben eine Katze bei uns aufgenommen. Wir haben die Pflegeelternausbildung gemacht und sind Eltern geworden. Wir haben ein Haus renoviert, das offen ist für queerfeministische Zusammenkünfte. Die Verbundenheit, das Vertrauen, das wir uns entgegenbringen, und die radikale Offenheit, mit der wir uns begegnen, sind die Basis unseres Zusammenlebens. Sicher entscheidet jede für sich, wie sehr wir uns aufeinander einlassen und wie tief unsere Beziehung gehen soll. Aber prinzipiell wollen wir eine tiefe, symbiotische Beziehung führen, gewiss nicht beide immer zur selben Zeit, aber beide grundsätzlich.

Es stellt sich nie die Frage, nicht monogam zu leben. Unsere Beziehung ist ein ständiges Ausverhandeln und Im-Dialog-Sein. Zuerst einmal herauszufinden, was jede für sich selbst will, dann die eigenen Wünsche zu artikulieren und diese zu erfüllen. Dieser Wellenritt findet in unserer monogamen Beziehung seinen Rahmen, und bisher war er so aufregend, dass eine polyamouröse Umgestaltung irrelevant war.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

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