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Now and Then: Lara Swiontek über Mary Shelly

Die Comicautorin fühlt sich mit Mary Shelley in Einsamkeit verbunden.

15.11.21 >

Ich war ein Höhlenwesen, ein Monster und ich lebte, zumindest zeitweise, an der Küste aus Marys Geschichte. Einmal kam ich hervor, gebeugt und zur Sonne blinzelnd, beobachtete Tauben und sah zu, wie Menschen in der Sonne Eis aßen. Dann fiel mir ein, dass ich mir ja selbst eines holen könnte. Doch es fühlte sich seltsam an. Etwas zu tun, was ich eigentlich in Gesellschaft tun sollte. Es fühlte sich gut und schlimm zugleich an, einsam zu sein.

Einsamkeit hat meinem künstlerischen Tun schon immer geholfen. Meine Höhle war mein Atelier, in dem ich ganz allein arbeitete, abgeschnitten von der Außenwelt, weil draußen eine schreckliche Pandemie ausgebrochen war. Dort konnte ich mich ganz auf mein Projekt, meine Zeichnungen und die Ideen von Mary Shelley einlassen. Zu der Zeit habe ich

mich viel mit ihr beschäftigt. Ich habe allein über Alleingelassene gegrübelt, denn das sind Marys Figuren in der Regel.

Ich habe mich oft gefragt, ob sie und ich Freundinnen wären, wenn ich damals gelebt hätte. Aber wie war Mary Shelley eigentlich? Was wir heute von ihr wissen, verdankt sie teilweise dem Gossip von damals. Sie hat versucht, ein freies Leben zu führen, und es lange Zeit nicht zugelassen, sich von gesellschaftlichen Zwängen beeinflussen zu lassen. Sie wollte nicht heiraten und führte eine offene Liebesbeziehung mit einem Dichter, der nebenbei bekennender Atheist war. Ganz schön wild. Und extrem mutig, wenn man vor zweihundert Jahren gelebt hat.

Missy Magazine 06/21, Now&Then
© Florian Anhorn, © GL Archive / Alamy Stock Foto

Aber irgendwie kann ich damit noch nicht so richtig was anfangen. Mir erzählen ihre Monster, die eigentlich immer die Vernünftigen in der Geschichte sind, viel mehr über Mary als das, was über ihr Leben berichtet wird. Sie hat die Monster zur Hilfe genommen, Absurdes zu benennen und infrage zu stellen und Ungerechtigkeiten aufzudecken. Das Zusammentreffen und die darauffolgenden Konflikte zwischen Monster und Mensch finde ich am spannendsten. Figuren in ihren Geschichten haben oft große Ähnlichkeiten mit Leuten aus ihrem eigenen Umfeld. Mit einigen rechnet sie ab, anderen gedenkt sie liebevoll.

Wir lesen über arrogante, selbstsüchtige Charaktere, die die ruhigen nachdenklichen und großherzigen Figuren überrennen. Dann über das Erscheinen der Monster: Sie erklären den Menschen, dass sie nur grässlich sind, weil alle es erwarten. Und dass der Mensch in Wirklichkeit das Scheusal ist. Letztendlich stellen die Monster fest, dass sie, so sehr sie sich auch anstrengen, nicht zusammen mit den Menschen leben können. Marys Monster haben es nicht leicht. Genau wie sie selbst es nie leicht hatte.

Das Höhlenwesen ist die Ausnahme. Es steht mit je einem Bein in der Welt der Monster und in der der Menschen. Höhlenleben und (nun wieder) Eis mit Freund*innen essen – Einsamkeit-Geselligkeit-Work-Life-Balance.

Lara Swiontek (*1988) ist Illustratorin und Grafikdesignerin und liebt düstere Comics. Ihre erste Graphic Novel „Verwandlung“ ist eine Comic-Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte von Mary Shelley, die demnächst beim Avant Verlag erscheint. Laraswio.de

Mary Shelley wurde 1797 als Tochter der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft in London geboren. Sie ging als Autorin fantastisch-romantischer Romane, Essays und Theaterstücke in die Literaturgeschichte ein. Ihr bekanntestes Werk ist „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.