Den Literaturbetrieb aufmischen

Yasemin Altınay von Literarische Diverse ist Titelträgerin der Auszeichnung Kultur- & Kreativpilot*innen.

07.12.21 > , Literatur & Comics

Yasemin Altınay von Literarische Diverse im Interview
Von: Marie Minkov

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Mehr Raum für marginalisierte Stimmen schaffen will die Literarische Diverse, ein Verlag, den Yasemin Altınay 2019 gegründet hat. Yasemin ist Verlagskauffrau, hat Geschichte und Kultur des Vorderen Orients und Angewandte Literaturwissenschaft studiert. Mit dem Literarische Diverse Verlag publiziert sie das gleichnamige Magazin und mittlerweile auch Bücher. Dieses Jahr ist sie eine der Titelträger*innen der Auszeichnung Kultur- und Kreativpilot*innen, die von der Bundesregierung vergeben wird.  

Yasemin, du betreibst deinen eigenen Verlag und das auch ziemlich erfolgreich. War das schon immer ein Traum von dir?

Ich habe mir immer gewünscht, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, doch es war nicht von Beginn mein Plan, einen Verlag zu gründen; eher war es ein Prozess, der mich schließlich zur Gründung brachte. Während meiner Studienzeit habe ich Literaturkurse belegt und im Master unter anderem praktische Seminare darüber, wie man ein Magazin herausbringt. Ich habe mich damit befasst, was mir persönlich in der Literaturszene fehlt, und das sind eben vor allem marginalisierte Stimmen. Wenn diese veröffentlicht werden, dann oft in Bezug zu eigener Betroffenheit, wie Fluchterfahrung oder Rassismus. In meinem Verlag geht es hauptsächlich um gegenseitiges Empowerment, um Sichtbarkeit, auch um die Frage, was danach kommt. Şeyda Kurt hat in der aktuellen Ausgabe #4 zum Thema “Liebe” treffende Worte gefunden: „Und dann ist dann ja die Frage, was diese diversere Repräsentation tatsächlich ganz konkret an der Lebensrealität von rassifizierten oder queeren Menschen in diesem Land ändert, etwa an ihren Arbeits-, Wohn- und Lohnverhältnissen. Wir sollten uns also nicht auf diesem mehr Sichtbarkeit ausruhen.“ Der nächste Schritt ist somit, mich zu fragen: Was passiert nach dem Gesehenwerden, bezogen auf den Verlag und mich, aber auch auf Autor*innen, die ich publiziere?

 

Wenn wir die Frage nach der Zukunft stellen: Wie sieht die Zukunft des Literarische Diverse Verlags aus? Soll er immer weiterwachsen oder bleibt er dein Baby?

Bisher habe ich die Dinge häufig auf mich zukommen lassen, da ich gerne auf aktuelle Geschehnisse reagiere und auf meine Kapazitäten achte. Ich werde oft gefragt, ob ich es mir vorstellen kann, Mitarbeiter*innen einzustellen, jedoch denke ich ganz realistisch, dass es darauf ankommt, wie sich der Verlag etabliert, und ob Ressourcen da sein werden. Dass Literarische Diverse jetzt nicht mehr nur ein Magazin, sondern ein Verlag ist, ist ja auch Folge einer existierenden Nachfrage, aber auch meines starken Willens, etwas verändern zu wollen. Interessen und Ziele dürfen sich zum Glück ändern und wachsen. Es wäre also schön, wenn der Verlag in Zukunft ein Büro beziehen, ich mehr Aufgaben delegieren und Mitwirkende entsprechend bezahlen könnte. Durch die Einnahmen kann ich Autor*innen und Illustrator*innen mittlerweile bezahlen, das ist mir sehr wichtig. Oftmals werden kleinere Unternehmen ja strenger beobachtet. Keine*r beschwert sich bei großen Verlagen, dass sie unvergütete Praktika anbieten. Warum eigentlich nicht? Mein Baby darf also ruhig gerne wachsen und den Literaturbetrieb aufmischen. Und dabei werde ich weiterhin auf Missstände hinweisen.

Foto: © Literarische Diverse

Eignet sich Literatur deiner Meinung nach gut als Medium für Empowerment?

Auf jeden Fall. Bücher zu bestimmten Themen oder vor allem von gewissen Autor*innen zu lesen, hat mich immer empowert. Mich haben in den letzten Jahren z. B. ganz besonders „Drei Kameradinnen“ von Shida Bazyar, „Im Bauch der Königin“ von Karosh Taha und „1000 Serpentinen Angst“ von Olivia Wenzel berührt. Literatur ist stets ein Ort, der mir Kraft und Ruhe gibt. Heute fühle ich mich durch meine eigene Arbeit empowert und im besten und schönsten Fall kann ich Autor*innen, Leser*innen, aber auch Freund*innen in der Verlagsszene mitempowern. Es sind manchmal die kleinen Dinge, die bereits viel ausmachen: Namen richtig schreiben, denn das ist leider nicht mal Standard. Meiner wird selten richtig geschrieben. Ich möchte also, dass Menschen sich gesehen fühlen und respektiert werden. Das sollte meines Erachtens nach Standard sein.

 

Das Gefühl, „gesehen zu werden“ und seine eigenen Erfahrungen in den Texten anderer zu lesen, sich zu empowern und gegenseitig zu stärken, ist ein zentraler Aspekt deiner Verlagsarbeit. Auf der anderen Seite gibt es den großen, weiß dominierten Literaturbetrieb. Ist es dein Ziel, auch im Mainstream etwas zu verändern, oder geht es dir vorrangig um die Communitys?

Ich mache mir viele Gedanken darüber, wem überhaupt gestattet wird, im Mainstream etwas zu verändern. Ich arbeite seit über zwei Jahren an dem Projekt und habe Schritt für Schritt Meilensteine erreicht, aber ich stoße oft an strukturelle Grenzen. Ich denke außerdem, dass es wichtig ist, weiße Räume aufzumischen, um langfristig einen Wandel zu erzielen. Das kann nur mit sehr viel Ausdauer und gemeinsam geschehen, denn Veränderungen brauchen ihre Zeit und Menschen, die hinter diesem Ideal stehen. Dass ich Titelträgerin der Kultur- und Kreativpilot*innen bin, ist ein Zeichen dafür, dass ich in meiner Arbeit nun von größeren Organisationen gesehen werde. Und dafür bin ich sehr dankbar.

 

Bei der Frage nach der Dominanzgesellschaft geht es auch darum, wie zugänglich die Texte für Nichtbetroffene sind. Also: Schreibe ich meine Texte für die Bubble oder schreibe ich, um Menschen aufzuklären, die von dem Thema nichts wissen?

Literarische Diverse soll zugänglich sein, aber Autor*innen sollen immer so schreiben, wie sie und über was sie schreiben möchten. Ich höre häufig, dass Autor*innen für ein weißes Publikum schreiben, damit die eigenen Texte von der Dominanzgesellschaft verstanden werden. Ich glaube, dass es ein Lernprozess ist, auszuhalten, dass das Schreiben für manche Lesende einfach unzugänglich ist, aber wiederum für andere genau das Richtige. Daher freue ich mich über Texte, die außerhalb meiner Realität stattfinden. Wenn man den Spieß mal umdreht: Welche*r weiße Autor*in hat sich jemals darüber Gedanken gemacht, ob die eigene Wahrnehmung für marginalisierte Menschen nachzuvollziehen ist? Weiße Leser*innen wiederum müssen sich davon frei machen, alles nachvollziehen und sich mit Protagonist*innen identifizieren zu können, denn das können sie nicht.

 

In den Texten der Literarischen Diverse soll es nicht nur um Diskriminierungserfahrungen gehen, Autor*innen dürfen sich ihre Themen selbst aussuchen. Beobachtest du, dass die meisten Einsendungen trotzdem aus der Betroffenheit heraus erzählen?

Ja, voll. Dabei kann es genauso eine politische Entscheidung sein, sich im Schreiben Diskriminierungserfahrungen zu entziehen und über Alltägliches zu erzählen. Große Verlage freuen sich womöglich, wenn Leute aus eigener Betroffenheit erzählen, doch ich denke mir: Wir erleben das jeden Tag, warum müssen wir dann auch noch darüber schreiben oder wie in meinem Fall genau diese Themen publizieren? Ich hoffe, dass mehr Autor*innen sich davon befreien, und ich möchte dazu innerhalb meines Verlags ermutigen. Was dabei aber wichtig ist, auch wieder in Bezug auf Literaturkritik und Rezensionen: Die literarische Qualität und Stärke der Texte marginalisierter Autor*innen (egal, worüber sie schreiben) werden oftmals nicht beachtet, weil sie auf vermeintliche Identitäten und Herkünfte reduziert werden. Ich finde das absurd und viel zu unreflektiert.

© Meltem Kaya

Die vierte Ausgabe des Magazins „Literarische Diverse“ heißt „Liebe“ und ist seit dem 25. Oktober erhältlich. Machst du jetzt erst mal eine Pause oder steckst du schon in den Vorbereitungen für Ausgabe fünf?

Als Unternehmerin, die die Verlagsarbeit fast vollständig allein macht, gibt es immer etwas zu tun. Pausen muss ich mir also aktiv nehmen. Aber ich fühle mich sehr gut, bin zufrieden mit der neuen Ausgabe, die in einer schwierigen Zeit entstanden ist, und vor allem sehr froh über die vielen guten Gespräche mit Menschen, die ich über meine Arbeit kennengelernt habe. Gerade habe ich eine Spendenaktion für die Bildungsinitiative Ferhat Unvar gestartet: Ich verkaufe Postkarten, deren Erlös an die Initiative geht, die wichtige antirassistische Bildungsarbeit leistet. Ich freue mich über jede Spende über den Onlineshop.

 

Auf deinem Instagram-Account promotest du nicht nur den Verlag, die Magazine und Bücher, sondern machst auch zusätzliche Bildungsarbeit in Form von Spenden oder Statements. Ist es ein persönliches Anliegen von dir, deine Reichweite zusätzlich für Bildungsarbeit zu nutzen?

Ich poste oft, was mir wichtig ist, und wenn das kostenlose Bildungsarbeit bedeutet, dann mache ich das gerne, wenn ich die Kapazitäten habe. Mir war es z. B. wichtig, etwas zur Frankfurter Buchmesse zu schreiben, weil viele Verlage sich komplett zurückgehalten haben. Es ist eine meiner Forderungen, dass Verlage sich öffentlich gegen Rechts positionieren. Diesbezüglich habe ich mich besonders gefreut, als meine Follower*innenschaft mir den Rücken gestärkt hat. Sie empowern mich durch ihre Nachrichten, wenn ich ein Statement schreibe – also ist es nicht ganz „umsonst“, denn ich bekomme ja konstruktives Feedback. Hier wieder die Frage: Wer empowert eigentlich wen? Der Vorteil einer One-Woman-Show ist also auch, dass ich nichts mit fünf weiteren Abteilungen absprechen muss. Ich kann die Dinge einfach machen, wie und wann und in welcher Geschwindigkeit sie mir passen.

 

Dafür liegt natürlich auch die Verantwortung allein bei dir.

Das stimmt. Diese Verantwortung trage ich aber gerne. Die Umbenennung des Untertitels von „BIPoC und LGBTQI* Stimmen“ in „marginalisierte Stimmen“ ist ein aktuelles Beispiel: Ich habe über Gespräche erfahren, dass Menschen gefragt wurden, warum sie in „Literarische Diverse“ veröffentlicht werden. Das hat mich sehr mitgenommen und ich habe daran bemerkt, dass das Konzept von „Literarische Diverse“ nicht ganz verstanden wurde. Das liegt unter anderem an dem Untertitel, den ich als Konsequenz geändert habe. Die bisherigen Labels waren nicht umfassend und inkludierend genug. Ich sehe alles als Lernprozess, der einfach dazugehört, wenn man wachsen möchte. Und in den letzten zwei Jahren habe ich viel gelernt, vor allem über mich selbst. Ich freue mich also auf das nächste Jahr, das hoffentlich viele Learnings, schöne neue Literatur, neue Projekte und tolle Gespräche bereithält.

Jedes Jahr werden im Namen der Bundesregierung 32 Unternehmer*innen als Kultur- und Kreativpilot*innen Deutschlands ausgezeichnet. Yasemin Altınay wird Teil eines Mentoring-Programms, das ihr Projekt nach vorne bringt und auf die individuellen Bedürfnisse der Unternehmerin zugeschnitten ist. Neben Literarische Diverse Verlag findest du die anderen Titelträger*innen unter folgendem Link: https://kultur-kreativpiloten.de/titeltraeger-innen/

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