Das Gojilaber unterbrechen

Das Buch „Gojnormativität“ blickt auf nicht-jüdische (gojische) Dominanzen und Ausschlüsse.

18.01.22 > , Literatur & Comics

Interview: Magda Albrecht

Zum Zeitpunkt des Interviews steht Chanukka kurz bevor. In den Bäckereien gibt es aber keine Sufganiyot, also zuckersüße Donuts, und in den Kaufhäusern sucht mensch vergeblich nach Chanukka-Karten. Haben wir es hier mit gojnormativen Verhältnissen zu tun – oder damit, dass in Deutschland vergleichsweise wenige Jüdinnen_Juden leben?
Vivien Laumann: Beides wahrscheinlich. Wobei ich in meiner Buchhandlung letztes Jahr Chanukka-Grußkarten entdeckt habe. Das fand ich bemerkenswert, auch wenn es ein Einzelfall ist. Aber ja, es ist ein Aspekt von Dominanzgesellschaft: Es gibt ja auch keine Karten zu muslimischen Feiertagen in herkömmlichen Geschäften.
Judith Coffey: Die Frage kann man auch ausweiten: Welche religiösen Feste sind eigentlich in der Öffentlichkeit präsent? Was sind die offiziellen Feiertage? In Österreich gibt es aktuell einen Lockdown, der so terminiert ist, dass er rechtzeitig zu Weihnachten enden soll. Die Frage, ob Chanukka in den Lockdown fällt, wird noch nicht einmal gestellt.

Ihr schlagt Gojnormativität als Analysetool analog zu z. B. Heteronormativität vor, um nicht- jüdische Dominanzen zu beschreiben. Die meisten der Beispiele, die ihr als gojnormativ benennt, beschreiben weiße, christliche Dominanzverhältnisse in

Deutschland. Wieso habt ihr euch nicht für den Begriff „wc-deutsch“ entschieden, also: weiß und christlich (sozialisiert), der vom lesbisch-feministischen Schabbeskreis in den 1980-Jahren in der BRD geprägt und in den letzten Jahren von der Aktivistin und Missy-Kolumnistin Debora Antmann popularisiert wurde?
VL: Wir haben uns verschiedene Begriffe angeschaut und finden den Begriff wc-deutsch auch total gut für das, was er beschreiben soll. Was wir an Gojnormativität interessant finden, ist, dass er nichts weiter in den Blick nimmt als das Verhältnis zwischen jüdisch und gojisch und sich das Verhältnis von Rassismus und Antisemitismus so differenziert angeguckt werden kann. Eine Person kann Schwarz und Goj oder Schwarz und jüdisch oder weiß und Goj oder weiß und jüdisch sein. Wir wollen aus dem Dilemma raus, dass Jüdinnen_Juden in dem Begriffspaar weiß und Schwarz/PoC keinen richtigen Platz haben. Das ist die Stärke des Begriffs Goj.
JC: Dass nur christliche Feste als säkular gelten,…

Jetzt unabhängige, feministische Berichterstattung unterstützen und ein Missy-Abo abschließen.