Regretting Motherhood

Dominante Perspektiven auf Mutterschaft machen alles zum Machtkampf um die eigene Identität.

Text: Josephine Apraku

Ich erinnere mich noch gut an die Debatte um die Wortpaarung „Regretting Motherhood“ vor ein paar Jahren. In diesem Zusammenhang erzählten einige Frauen, dass sie die Mutterschaft bereuen würden. Dabei gingen, in meiner Erinnerung, die meisten darauf ein, dass sie das Gefühl hatten, dass sie aufgrund der Mutterschaft hinter ihren Möglichkeiten blieben. Ein paar der Mütter berichteten, dass sie gern tiefer in ihren Job eingestiegen wären, dass sie etwas mehr Zeit für sich bräuchten und dass sie kaum Raum für die Verwirklichung ihrer eigenen Träume hätten. Gleichzeitig sagten alle, dass sie nicht ihre Kinder bereuten, sondern diese sogar sehr liebten. Was sie bereuten, ist alles, was mit der gesellschaftlichen Vorstellung von „gute Mutter“ verbunden ist: eine Rolle, die so eng ist, dass das Atmen schwerfällt.

Die Diskussionen, die etwa in Kommentarspalten dazu stattfanden, waren, wie es oft der Fall ist, unerträglich. Wie auch nicht: Dort fanden sich mehr der gleichen, zermalmenden und tadelnden Worte, die ja überhaupt erst dazu führen, dass Mütter ihre Mutterschaft bereuen. Die Beschäftigung dort bewegte sich irgendwo zwischen „hätteste dir ja vorher denken können, dass Kinderhaben anstrengend ist“ und „Jammern auf hohem Niveau“.

Erst kürzlich habe ich gelesen, dass in den USA Millionen Frauen aufgrund der Pandemie, ihren Job aufgegeben haben, um den familiären Alltag allein zu organisieren. Ich denke nicht, dass es in Deutschland so krass anders ist. Wenn also, wie jetzt, alle Stricke reißen und die gängige Entscheidung noch immer ist, dass sie zu Hause bleibt und er arbeiten geht, dann frage ich mich, ob nicht vor allem der kapitalistische Druck auf Menschen zu mehr „Gleichberechtigung“ beiträgt. Die Anführungszeichen sind Absicht, denn ich würde behaupten, dazu genügt bspw. ein Blick auf die Entwicklung der Mietpreise in größeren Städten, dass wir uns kaum aussuchen können, ob eine oder zwei Personen arbeiten gehen.

© Xueh Magrini Troll

Ich möchte dazu einmal das Gegenstück aufgreifen und in den Raum stellen, dass ich es nicht für einen Zufall halte, dass es keine größere Diskussion zu „Regretting Fatherhood“ gegeben hat. Warum auch? In einer Gesellschaft, in der heterosexuelle Beziehungen auf der Ausbeutung von Frauen beruhen – ich meine hier Sorgearbeit, alles, was rund um Kinder an Arbeit anfällt, emotionale Fürsorge und was es noch alles gibt –, wüsste ich auch nicht, was es zu beklagen gäbe. Denn das, was die Frauen im Grunde betrauern – das ist meine Interpretation –, ist ihre Erfahrung, ausgebeutet zu werden. Emilia Roig schreibt dazu passend in ihrem Buch „Why We Matter – Das Ende der Unterdrückung“:

„Von außen betrachtet war die Beziehung nicht nur ‚normal‘, sondern erstrebens- und für manche beneidenswert. Ein junges verliebtes Paar mit schöner Wohnung, süßem Baby und guten Jobs, die sie scheinbar mühelos unter einen Hut bringen. Hinter dieser Fassade verbargen sich tägliche Anspannungen, Frust, konstante Machtkämpfe, und, was mich betrifft, im Verlauf der Jahre nach der Geburt meiner Kinder, Desillusion, ein Gefühl von Ausbeutung und Gefangenschaft. Ich fühlte mich, wie viele Frauen, in der Ehe gefangen.“ (Roig 2021, S. 52)

Ich selbst kann das gut nachvollziehen und muss an einen Moment im Wochenbett zurückdenken: Das Baby war gerade erst geboren. Es schlief friedlich auf meinem Arm und über meine Wangen liefen Tränen, weil ich begann zu erahnen, dass all die Zuschreibungen, die mich von nun an begleiten würden, erdrückend sein würden. Heute, drei Jahre später, finde ich, ja, sie sind erdrückend und es ist ein beständiger Kampf. Nicht weil ich mein Kind nicht liebe, sondern weil dominante Perspektiven auf Mutterschaft, die auch in Beziehungen wirksam sind, wirklich überall sind. Es ist nicht nur, wenn auch zu großen Teilen, ein Kampf innerhalb der Beziehung der Eltern, es ist ein gesellschaftlicher Kampf. Unsere Gesellschaft macht es einfach, Mutterschaft und nicht die Kinder selbst zu bereuen.