Alte Akten

In ihrem neuen Roman „Herumtreiberinnen“ beleuchtet Bettina Wilpert ein düsteres Kapitel der DDR-Geschichte.

Von Lara Sielmann

Im Leipziger Südosten, gleich um die Ecke des Technischen Rathauses, liegt das Gelände Riebeckstraße 63 an der viel befahrenen gleichnamigen Straße. Eine kleine Einfahrt führt auf den Hof, der von vier älteren, zum Teil leicht heruntergekommenen Gebäuden umgeben ist. In der Mitte steht die Autorin Bettina Wilpert. „Die Riebeckstraße dient maßgeblich als Vorlage für das Gelände der Lerchenstraße in meinem neuen Roman ‚Herumtreiberinnen‘“, erzählt sie. Und der hat es historisch in sich. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden Männer und Frauen zur sogenannten „sittlichen Besserung“ in der Riebeckstraße 63 eingesperrt. Während der NS-Zeit war das Gelände eine Internierungs- und Durchgangsanstalt für Rom*nija und Sinti*za, Juden_Jüdinnen und politische Verfolgte. Und während der DDR-Zeit diente es als psychiatrische Klinik sowie Venerologische Station – eine Anstalt für Frauen mit Geschlechtskrankheiten. Heute befindet sich auf dem Gelände u. a. eine Geflüchtetenunterkunft. In ihrem Roman setzt sich Bettina Wilpert mit den letzten achtzig Jahren des Ortes auseinander, konzentriert sich dabei aber vor allem auf die Nutzung als Venerologische Station.

In der Rahmenerzählung geht es um die 17-jährige Manja, die zusammen mit ihrer besten Freundin Maxi Anfang der 1980er- Jahre die Schule schwänzt, in Schrebergärten einbricht und den ersten Vollrausch erlebt. Als Nebenjob hilft sie im Kiosk ihrer Tante im Schwimmbad aus, dort verknallt sie sich in den mosambikanischen Vertragsarbeiter

Manuel. An einem Abend geht sie mit in sein Wohnheim, kurz darauf steht die Volkspolizei in seinem Zimmer – es herrscht striktes Frauenverbot.
Ohne dass Manja wirklich weiß, wie ihr geschieht, wird sie auf unbestimmte Zeit in eine geschlossene Venerologische Station eingewiesen – eine sogenannte „Tripperburg“. „Dort wurden Mädchen und Frauen eingesperrt, denen unterstellt wurde, dass sie Geschlechtskrankheiten hätten“, erzählt Bettina Wilpert. Eigentlich handelte es sich bei diesen Stationen, die es an verschiedenen Orten in der DDR gab, um Disziplinierungsanstalten für Frauen, die als nicht sowjettreu eingestuft wurden, weil sie z.B. die Arbeit ausfallen ließen oder sich mit Männern trafen. Viele der inhaftierten zum Teil sehr jungen Frauen hatten keine Geschlechtskrankheit, allein ihr – potenzieller – Lebensstil missfiel dem Staat. Manja und ihre Mitinsassinnen sind täglichen Schikanen und schmerzhaften Geschlechtsuntersuchungen durch Ärzt*innen und Krankenschwestern ausgesetzt. Auch innerhalb der …

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