Feministische Perspektiven auf den Tod

Der Tod betrifft uns alle. Trotzdem reden wir so wenig über ihn. Caroline und Susann wollen das ändern.

14.03.22 > , , Literatur & Comics

Interview: Penelope Dützmann
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Der Tod betrifft uns alle. Er ist unumgänglich und trotzdem reden wir so wenig über ihn und wissen noch immer viel zu wenig über Trauer. Bei Caroline Kraft und Susann Brückner ist das anders: Schon lange machen die beiden den Podcast „endlich. Wir reden über den Tod“ zusammen, in dem sie mit unterschiedlichen Gäst*innen über alles Mögliche rund um das Thema Sterben sprechen. Nun folgt ihr Buch „endlich. Über Trauer reden“.

Im Missy-Interview sprechen Caroline und Susann über ganz persönliche Erfahrungen mit dem Sterben, über das Tabuthema Sex und Trauer sowie über ihre antikapitalistische und feministische Haltung zum Thema Tod.

Warum sollten wir über Tod sprechen?

Caroline: Wir haben beide irgendwann gemerkt, dass keinen Sinn macht, nicht über den Tod zu sprechen. Trauer geht uns alle an, jeder Mensch wird in seinem Leben irgendwann einmal trauern. Es ist doch völlig absurd, das Thema Sterben derart zu tabuisieren, dass es letztlich ins Private gedrängt wird. Es hilft doch nichts. Menschen sterben nun mal. Nicht darüber zu sprechen, macht es nur noch schlimmer. Und genau aus diesem Grund möchten wir so viele Geschichten wie möglich erzählen. Kein Mensch gleicht dem anderen und genauso gleicht auch keine Trauer der anderen.

Susann: Man tut in der Trauer seltsame Dinge und wir würden uns wünschen, durch die unterschiedlichen Geschichten, die wir erzählen, Lesenden zu zeigen, dass es normal ist, wie sie sich fühlen und was sie erleben. Scheiße und schmerzhaft, aber normal. In der Trauer gibt es nichts, was nicht normal ist.

Interview mit Caroline Kraft; Beitrag
© Christian Werner

Haben Menschen womöglich Angst, zu fragil zu wirken, und sprechen deshalb so ungern über Trauer?

Susann: Ich glaube schon. Und ich kann es auch grundsätzlich nachvollziehen, glaube aber, dass das aus gesellschaftlichen Konventionen heraus wächst. Als Caro und ich uns kennenlernten bspw., war mein Vater schon etwa 15 Jahre tot und ich hatte zu dem Zeitpunkt noch so gut wie gar nicht darüber gesprochen. Es hatte mich aber auch nie jemand danach gefragt. Es fühlte sich an, als wäre eine Truhe zugeklappt, als gäbe es einfach nicht den Raum, um darüber sprechen zu dürfen.

Caroline: Das ist das Ergebnis unserer gesellschaftlichen Konventionen. Meiner Meinung nach hängt das mit einem überholten und vor allen Dingen patriarchalen Bild von Stärke zusammen. In unserer Gesellschaft heißt es, über Emotionen zu sprechen und sie zu zeigen, sei ein Zeichen von Schwäche. Das ist natürlich absoluter Bullshit und meiner Meinung nach auch auf den Kapitalismus zurückzuführen – dort ist das Nicht-Funktionieren nämlich verpönt. Es muss einfach immer weitergehen.

In eurem Buch thematisiert ihr auch die Problematik hinter dem „Trauerurlaub“: Das kapitalistische System, in dem wir leben, gestattet trauernden Angehörigen rein rechtlich zwei bis drei Tage Sonderurlaub, wenn sie eine verwandte Person verloren haben. Wo genau liegt hier das Problem?

Susann: Abgesehen von der viel zu knapp bemessenen Zeit, die Angehörigen nach einem Verlust eingeräumt wird, geht es auch um den Personenkreis, für den diese Regelung gilt: Gemeint sind nämlich nur Angehörige ersten Grades. Das erzeugt eine Konzentration auf die Herkunftsfamilie oder Ehepartner*innen und erkennt allen anderen ihr Recht auf Trauer ab.

Caroline: In unserer Gesellschaft und zu unserer Zeit werden Wahlfamilien und Beziehungen außerhalb der Herkunftsfamilie immer wichtiger. Es gibt immer mehr Menschen, die sich von ihrer Herkunftsfamilie entfernen, bspw. weil sie außerhalb der sogenannten „Norm“ existieren und aufgrund dessen gezwungen sind, sich von ihrer konservativen Herkunftsfamilie zu lösen. Doch wenn es um den Tod geht, wird alles wieder sehr bürokratisch.

Ist denn alles so konservativ oder tut sich in Bezug auf Bestattungen etwas?

Caroline: Mittlerweile findet zum Glück ein Wandel statt. Es gibt Bestatter*innen, die sich für adäquate Bestattungen von queeren Personen einsetzen. Diese Bestatter*innen gehen sicher, dass z. B. trans Personen im richtigen Geschlecht bestattet werden – und zwar unabhängig davon, was in ihren Papieren steht.

Ihr schreibt auch über sozial sanktionierte Trauer, also u. a. nach Schwangerschaftsabbrüchen und Fehlgeburten. Gibt es eine feministische Perspektive auf Tod und Trauer?

Susann: Auf jeden Fall! Unsere ist eine feministische Perspektive. Wir haben es als feministisch und empowernd empfunden, als wir anfingen, öffentlich über Krisensituationen zu sprechen, in denen man wahnsinnig schwach ist und nicht funktionieren kann. Bei einer feministischen Perspektive auf Trauer geht es um alle, die trauern: nach Fehlgeburten, Schwangerschaftsabbrüchen, es geht um queere Trauerthemen, Suizide und auch darum, wie Trauer Beziehungen verändert. Das Schöne am Feminismus ist ja, dass er allen zugutekommt!

Trauer und wie man zu trauern hat ist mit starken Normen belegt. Es gibt ganz bestimmte Vorstellungen davon, was ein trauernder Mensch zu tun hat und was nicht. Lust und Trauer passen für viele überhaupt nicht zusammen …

Caroline: Genau, für viele Menschen passen Sexualität und Trauer überhaupt nicht unter einen Hut. Manchmal kann die Lust auf Sex komplett ausbleiben, bei anderen ist sie gerade im Trauerprozess total präsent. Dabei kann das Lustempfinden auch ein wunderbarer Coping-Mechanismus sein. Z. B. dann, wenn man so tief in der Trauer steckt, dass man sonst gar nichts mehr spürt.

Susann: Jeder trauernde Mensch hat andere Bedürfnisse. Für mich war es als Jugendliche z. B. total wichtig, nach wie vor auf Partys zu gehen und Spaß zu haben. Heute weiß ich auch, warum das so war: Für mich stellte das Ausgehen ein stabilisierendes System dar, zu einer Zeit, in der ich gerade ein anderes stabilisierendes System verloren hatte. Es heißt eben nicht, nur weil jemand in einem Moment Spaß hat, dass diese Person nicht trauert. Es kann eine Strategie sein, um mit diesen krassen Situationen klarzukommen. Ich wünschte, ich hätte damals gewusst, dass Trauer so unterschiedlich aussehen kann. Dass ich jetzt immer noch derselbe Mensch bin, nur sozusagen plus eins – plus Trauer. Das zu wissen hätte mich total entlastet.

Ihr schreibt in eurem Buch auch, dass Trauer ein Potenzial für Nähe hat und Menschen verbinden kann. Wie kann aus Schmerz etwas Positives erwachsen? 

Caroline: In meinem Fall war es so, dass ich als Trauende gar keine Ressourcen für irgendetwas anderes hatte. Ich konnte nicht sonderlich höflich sein, ich hab mich nur noch um das eine Thema gedreht und es gab kaum etwas anderes, worüber ich hätte sprechen wollen. Und wenn man dann auf eine andere trauernde Person trifft, kann das ein Gefühl von Nähe erzeugen, weil man merkt, es gibt noch eine Person, die sich so fühlt. Man kann einander ungefiltert begegnen.

Susann: Manchmal ist es aber auch anders. Denn bspw. in Familien, in denen mehrere Personen trauern und verschiedene Bedürfnisse aufeinandertreffen, kann das auch sehr auseinandertreiben. So war das bei mir. Gerade in engen Beziehungen kann es auch schwierig sein. Aber mit Menschen zu sprechen, die das schon mal erlebt haben, verbindet total. Da fällt dieser Bullshit-Faktor weg. Gerade außerhalb der Familie bekommt manchmal echt richtig bescheuerte Reaktionen. Leute verstummen, reden über ihren letzten Urlaub oder melden sich gar nicht mehr.

Der Suizid wird im Buch ganz am Ende behandelt. Auch im Podcast habt ihr das Thema lange Zeit ausgeklammert. Wie kam es zu der Entscheidung, doch darüber zu schreiben?

Susann: Wir haben gemerkt, dass es für uns eine große Rolle spielt. Wir haben es aus Respekt vor dem Thema erst lange ausgeklammert, dann aber beschlossen, dass es okay ist, darüber zu sprechen. Und es für uns auch nicht wirklich einen Weg um das Thema herum gibt, schließlich sind wir beide damit in Berührung gekommen. Es ist etwas anderes, mit Suizid im nahen Umfeld konfrontiert zu werden, als bei anderen Todesarten.

Caroline: In unserem Podcast sagte ein Bestatter, dass Suizid im Grunde eine weitere Art zu sterben ist. Eine Art zwar, die ganz krasse Herausforderungen mit sich bringt, aber es ist trotzdem eine von vielen Arten zu sterben. Nur ist diese wahnsinnig stigmatisiert. Aber um mit Stigmata aufzuräumen, müssen wir uns das Recht rausnehmen, darüber zu sprechen. Und so eben auch beim Thema Suizid. Trauerprozesse haben viel damit zu tun, inwieweit man sich selbst bestimmte Rechte einräumt und sie auch vertritt. Z. B., ob man als Freund*in einer verstorbenen Person bei der Trauerfeier ganz vorne sitzen oder eine Rede halten darf. Oder ob man dabei sein darf, wenn die Wohnung ausgeräumt wird, auch wenn man nicht zum allerengsten Kreis der Familie gehört. Es geht hierbei schließlich um das Verarbeiten eines Verlusts und dafür ist es wichtig, sich das Recht zu geben, bestimmte Dinge zu tun.

Susann: Ich glaube, dass es total wichtig ist, auf eine gute Art und Weise das Thema Suizid nicht auszusparen. Sonst würden wir es zu einem viel größeren Tabu machen, als es sowieso schon ist. Wir müssen Wege finden, auf eine Art und Weise darüber zu schreiben und zu sprechen, durch die sich Menschen empowert fühlen. Sei es für Überlebende, Angehörige oder Trauernde. Es gibt so viele Menschen, für die es wichtig ist, diese Geschichten zuhören, damit sie nicht das Gefühl haben, allein zu sein. Denn es gibt diese Menschen nun mal. Ob wir jetzt darüber sprechen oder nicht. So viele Menschen nehmen sich das Leben. So viele Menschen fühlen sich alleine.

Empfindet ihr Endlichkeit als etwas Positives?

Susann: Ich finde es absolut wunderbar, dass unser Leben endlich ist! Ich gehe rückwärts auf mein Grab zu und finde es voll okay, dass ich da irgendwann reinfallen werde. Ich kann mich so total auf das Leben konzentrieren. Für mich ist es das beste Gefühl überhaupt.

Caroline: Ich bin sehr froh, dass dieses Leben endlich ist. Ich merke immer wieder, wie fucking anstrengend dieses Leben wäre, wenn es einfach immer weiterginge. Irgendwie hat es doch auch etwas Tröstliches, dass wir alle sterblich sind – und dass wir dazu noch alle im selben Boot sitzen.

  • „endlich. Über Trauer reden“, Paperback , Klappenbroschur, 240 Seiten, erscheint am 14.03.2022 im Goldmann Verlag.
  •  Lesung: 19.03. um 18.30 Uhr im Felsenkeller, Leipzig, im Rahmen von weiter:lesen
  • Buchpremiere und Releaseparty: 01.04. um 20 Uhr im Frannz Club der Kulturbrauerei, Berlin (Moderation: Mareice Kaiser, Musik: Jens Friebe)
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