Russische Invasion – jüdische Krise

Unsere Kolumnistin über die Situation von „Kontigentflüchtlingen“ und Jüd_innen im Kriegsgeschehen.

11.04.22 > Debora Antmann
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Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Loud’n Jewcy von Debora Antmann
Illustration: Rahel Süsskind

Der russische Krieg ist auch eine jüdische Krise
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Vielleicht damit, warum ich es leid bin, dass von weißen Christ*innen gesprochen wird, wenn wir über ukrainische Geflüchtete sprechen. Ich behaupte gar nicht, dass die Mehrheit der Geflüchteten, die aktuell aus der Ukraine kommen, nicht christlich sozialisiert oder sogar Christ*innen sind, aber diese Aussagen ignorieren komplett, wer diese Menschen sind, die hier in Deutschland gerade um ihre Angehörigen bangen, wer retraumatisiert wird und zusehen muss, wie die eigenen Wurzeln zerstört und unter dem Vorwand der Entnazifizierung ethisch gesäubert werden sollen. Denn ukrainische Realität kann nicht getrennt von jüdischer gedacht werden. Sich mit ukrainischer Wirklichkeit in Deutschland auseinanderzusetzen, bedeutet auch, ein Bewusstsein zu haben, wer die Ukrainer*innen in Deutschland sind. Ein Drittel der Ukrainer*innen in Deutschland sind Jüd_innen. Etwa 40 Prozent der Jüd_innen in Deutschland sind Ukrainer*innen. Ukrainische Fluchtursachen und Antisemitismus bedingen sich gegenseitig. Von jeher und jetzt noch mal besonders – sowohl für jüdische als auch für nicht-jüdische Ukrainer*innen. Von „christlichen weißen Geflüchteten“ zu sprechen, zeigt vor allem, dass es weder ein Verständnis für die ukrainische Gesellschaft noch für deutsch-ukrainische Verhältnisse gibt. Gleichzeitig wird ein deutsches (Un-)Verständnis zur Betrachtungsnorm erhoben. Es zeigt, dass über Menschen gesprochen wird, ohne sich mit ihnen auseinanderzusetzen, denn ukrainische Wirklichkeit wird nicht gesehen, wenn die jüdische nicht verstanden wird. Das gilt sowohl in Bezug auf die Ukrainer*innen in der Ukraine und ganz besonders in Bezug auf jene Menschen mit ukrainischen Wurzeln, die in Deutschland leben. Und zwar nicht nur bezogen auf die jüdischen 33 Prozent, sondern zur Gänze. Dabei sind sie es, die seit über einem Monat in Angst um Angehörige und Freund*innen leben, die in ständigem Kontakt und in ständiger Bereitschaft mit dem Krieg konfrontiert sind.

Zudem werden auch überproportional viele jüdische Ukrainer*innen nach Deutschland fliehen, weil sie entweder hier aufgrund der jüdischen Zuwanderung durch die „Kontinentregelungen“ schon Freund*innen und Angehörige haben oder für sich selbst die Hoffnungen in die besonderen Aufnahmebedingungen in der Bundesrepublik für Jüd_innen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion setzen. Gleichzeitig gehört die Ukraine zu den Ländern mit den größten jüdischen Bevölkerungen in Europa. Der EJC (European Jewish Congress) schätzt sie 2014 auf etwa 360.000 bis 400.000 Menschen. Die Zahlen unterscheiden sich stark, unter anderem auch deswegen, weil häufig auf Zahlen der Religions- oder Gemeindezugehörigkeit zurückgegriffen wird. Da in Ländern der ehemaligen Sowjetunion Judentum aber nicht als Religion, sondern vorwiegend als Nationalität und Ethnie verstanden und geführt wurde, ergeben sich große Diskrepanzen zu den Angaben, die sich bspw. stark an Gemeindezahlen orientieren, wie es in Deutschland gängig ist, oder die Zahlen der Jewish Agency, die immer wieder genannt werden, die als israelische Organisation ebenfalls tendenziell eher religiöse statt kulturelle oder familiäre Zugehörigkeit zum Maßstab setzt. Entscheidend ist aber die Realität, die Jüd_innen vor Ort vorfinden, nicht, was andere Länder als statistische Norm setzen. Übrigens hat das auch mit der Realität vieler Jüd_innen in Ländern mit religiösen Normen, wie z. B. Deutschland wenig zu tun. Hier erleben auch Jüd_innen Antisemitismus, die nicht in einer halachischen Statistik vorkommen. Manchmal auch gerade deswegen.

Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Die religiösen Normen, in die Jüd_innen in Deutschland gezwungen werden, werden übrigens auch im Asylrecht sehr deutlich. Es gibt diesen Mythos der besonders privilegierten jüdischen „Kontingentflüchtlinge“, für die Sonderregelungen zur Einwanderung geschaffen wurden. Aber schauen wir uns die Situation von jüdischen Geflüchteten der ehemaligen Sowjetunion doch mal an, die seit den Neunzigern nach Deutschland gekommen sind und nach wie vor kommen. Sie gehören zu den mit am stärksten von Altersarmut betroffen Gruppen. Weil im Gegensatz zu Spätauswanderer*innen ihre Erwerbstätigkeit in Ländern der ehemaligen Sowjetunion nicht anerkannt wird. Keine Rentenpunkte für „Kontis“. Und diese Sonderregelungen: Jüdische „Kontingentflüchtlinge“ MÜSSEN nachweisen, dass eine jüdische Gemeinde sie aufnimmt und dass sie sich zu keiner anderen als der jüdischen Religion bekennen. Aus einer Kultur, in der jüdische Identität vorrangig eine nationale oder ethnische ist, werden diese Menschen nicht nur in ein Glaubensbekenntnis gezwungen, um bleiben zu dürfen, sondern auch in die religiöse Praxis, indem die Mitgliedschaft in einer deutschen Gemeinde nachgewiesen werden muss. Jüdische Pluralität wird aktiv unterbunden mit diesem Einwanderungsprozess und Jüd_innen werden zwangsreligiösiert. Die Aufgabe von „Kontis“ war nie, Jüd_innen zurück in die deutsche Gesellschaft zu bringen oder, wie es so schön vom Auswertigen Amt heißt, „das jüdische Leben in der Bundesrepublik Deutschland [zu] stärken“, sondern schlicht und ergreifend die Gemeinden aufzufüllen. Denn das ist, wo wir Juden hingehören. In den Betsaal und nirgendwo anders. Und alle jene, die an dieser Schweinerei beteiligt sind, halten diese Instrumentalisierung und dieses Ausnutzen von Flucht für gerechtfertigt. Es gibt keine Distanzierung, keine Aufarbeitung dieser Praxis, weil man sie für legitim hält. Deswegen ist man stolz darauf, dass auch jüdische Geflüchtete aus der Ukraine sich jetzt dieser Farce unterziehen dürfen. Jüdische „Kontingentflüchtlinge“ bekommen übrigens auch erst das Aufenthaltsrecht, wenn sie Deutschkenntnisse nachweisen können, die mindestens der Niveaustufe A1 entsprechen und wenn sie dauerhaft selbst für ihren Lebensunterhalt in der Bundesrepublik Deutschland sorgen können. Hierfür wird durch das Bundesamt für Migration eine Integrationsprognose erstellt. Jüdische Ukrainer*innen haben aktuell immerhin einen Aufschub von zwölf Monaten, um ihre Deutschkenntnisse nachzuweisen. Sagt die ZWST übrigens, die jüdische Gemeinde wird dich nicht aufnehmen, weil nur ein Großvater Jude war (du aber trotzdem verfolgt wirst, weil in Ländern der ehemaligen Sowjetunion die Nationalität/Ethnie Jude meistens über den Vater weitergegeben wurde), wirst du von Deutschland nicht aufgenommen. Weil hier gelten ausschließlich die tief religiösen Gesetze der Halacha. Welche anderen Geflüchteten müssen bitte neben Integrationsnachweis und Sprachnachweis ein Glaubensbekenntnis ablegen und staatlich verordnet Teil einer religiösen Gemeinschaft werden, um bleiben zu dürfen, während sie am Ende in Altersarmut verenden? Die Situation von Jüd_innen und besonders von Jüd_innen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion ist pervertiert in diesem Land.

Ein antisemitischer Krieg
Für viele Jüd_innen ist die Kriegssituation aber nicht nur so unfassbar traumatisierend, weil sie aktuell um Freund*innen und Familie fürchten und zusehen, wie die eigene Geschichte (erneut) zerstört wird, sondern auch, weil die Narration dieses Krieges so durch und durch antisemitisch und die kriegstreiberische Haltung dahinter für viele ein Echo dessen ist, weswegen sie als Jüd_innen überhaupt nach Deutschland geflohen sind. Und das gilt nicht nur für ukrainische Jüd_innen. Auch viele andere Jüd_innen der ehemaligen Sowjetunion erleben gerade diese Retraumatisierung – ein Flashback zur eigenen Flucht.

Putin ist ein faschistischer Autokrat, der einen Krieg mit der Denazifizierung eines Landes rechtfertigt, das nicht nur eine der größten jüdischen Bevölkerungen Europas hat, sondern auch jüdische Regierungsoberhäupter und bei den letzten Wahlen unter fünf Prozent der Stimmen an rechte Parteien gegeben hat. Davon können wir in Deutschland doch nur träumen. Das heißt übrigens nicht, dass es kein massives Antisemitismusproblem in der Ukraine gibt. Jason Stanley erklärt in seinem Artikel „The antisemitism animating Putin’s claim to ‚denazify‘ Ukraine“ in „The Guardian“ ganz fabelhaft einen der Aspekte, warum der russische Krieg gegen die Ukraine ein antisemitischer ist: Faschismus ist der Kult des Führers. Ein Führer, der verspricht, nach vermeintlicher Demütigung, Entmännlichung und Enteignung durch ethnische oder religiöse Minderheiten, Liberale, Feminist*innen, Migrant*innen und Queers die nationale Unversehrtheit wieder herzustellen. Der faschistische Führer behauptet, die Nation sei von diesen Kräften bedroht und beraubt worden und es läge nun an ihm, den früheren Glanz (und oft auch ehemaliges Territorium) und damit Recht mit Gewalt wieder herzustellen.

Gleichzeitig sind es angeblich Jüd_innen, die für den moralischen Verfall und damit für liberale Demokratie, Feminismus und Queerness und damit stellvertretend für Dekadenz, Unsittlichkeit, Schwäche und Unreinheit verantwortlich sind. Putin versteht sich selbst als Anführer des christlichen Nationalismus und Jason Stanley erkennt ganz richtig: „Putin hat sich zum Anführer dieser Bewegung entwickelt, zum Teil aufgrund der globalen Reichweite neuerer russischer faschistischer Denker wie Alexander Dugin und Alexander Prochanow, die die Grundlagen dafür gelegt haben. Es ist leicht, in Putins Invasion in der Ukraine den Fahrplan zu erkennen, der in den letzten Jahren von Dugin und Prochanow, wichtigen Persönlichkeiten in Putins Russland, entworfen wurde. Sowohl Dugin als auch Prokhanov betrachteten eine unabhängige Ukraine als existenzielle Bedrohung für ihr Ziel, das Timothy Snyder in seinem Buch The Road to Unfreedom von 2018 als ‚Wunsch nach der Rückkehr der Sowjetmacht in faschistischer Form‘ beschreibt. Die Form des russischen Faschismus, die Dugin und Prochanow verteidigten, ist wie die zentralen Versionen des europäischen Faschismus – explizit antisemitisch. Wie Snyder schreibt: […] Wie Adolf Hitler beschuldigte Prochanow das Weltjudentum, die Ideen erfunden zu haben, die sein Heimatland versklavten. Er machte sie auch für den Holocaust verantwortlich.’“

Es ist also kein Zufall, dass Putin ausgerechnet der Ukraine vorwirft, ein Land zu sein, das entnazifiziert werden müsse. Tatsächlich ist diese Form der Umkehr sogar ein klassisches antisemitisches Motiv. Dass Putin eine globale Bedrohung zu einem Land konstruiert, das eine starke jüdische Vertretung in der Regierung hat und diese dann auch noch als die eigentlichen Faschist*innen in seiner Kriegspropaganda ausmacht, zeigt, wie stark die antisemitische Narration der russischen Invasion ist.

Hierarchisierung ist das Gegenteil von Komplexität
Für viele Jüd_innen, die aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion geflohen sind, weil die antisemitische Verfolgung ihnen keine andere Möglichkeit gelassen hat, sind diese Narrative nichts Neues. Es ist kein Zufall, dass sie als Jüd_innen aus diesen Ländern fliehen mussten und dass Putin, diese gefährlichen antisemitischen Narrationen weiter zum Erstarken bringt. Für 90 Prozent der Jüd_innen in Deutschland, denn so viele sind sogenannte Kontingentflüchtlinge, ist dieser Krieg eine Vergegenwärtigung des Antisemitismus, vor dem sie geflohen sind. Dieser Krieg trifft also auch viele nicht-ukrainische Jüd_innen viel tiefer als alle anderen in Deutschland.

Gleichzeitig wird von christlichen weißen Geflüchteten gesprochen, was Putins Kriegsnarration nicht nur weiterträgt, sondern auch die deutsche Realität völlig ad absurdum führt und einen Großteil der Ukrainer*innen, der Menschen mit ukrainischem Background, die in Deutschland sind, unsichtbar macht und der sensiblen Situation zusätzlich zusetzt, statt die komplexe Realität in diesem Land und für diese Menschen aufzuarbeiten.

Da hilft es auch nicht, dass wir plötzlich wieder anfangen, Diskriminierungen zu hierarchisieren. Es gehen Posts in Bezug auf die Situation in der Ukraine und an den Grenzen durch die Sozialen Medien mit Sätzen wie: „Wenn Schwarze Menschen sicher sind, sind es auch alle anderen.“ Was nicht nur absurd und falsch ist in Anbetracht dessen, in welcher dramatischen Situation sich aktuell ukrainische trans* Frauen befinden, sondern auch in welcher vulnerablen und gefährlichen Situation bspw. jüdische Männer in der ukrainischen Armee sind. Der ohnehin schon starke Antisemitismus wird durch die Kriegssituation und die antisemitische Motivation Putins mit Sicherheit nur wachsen. In einer militärischen Situation wie in der Armee ist es bekannt, dass Diskriminierung und Gewalt sich zusätzlich schnell potenziert und Männlichkeitsideale toxische Konjunktur haben. Das Jüdische steht im antisemitischen Narrativ dagegen für das Schwächliche, Verweiblichte, Entmännlichte, womit jüdische Männer in der Armee schnell zum Sündenbock einer möglichen Niederlage und zur Verkörperung der Schwäche der Einheit werden.

Das sind nur zwei Beispiele, die sehr deutlich machen, dass mit Hierarchisierung keine intersektionalen Politiken betrieben werden können und nur wenn ALLE sicher sind, auch wirklich alle sicher sind.

Unterkomplexe Debatten helfen niemandem und gerade in Kriegszeiten können sie sogar hochgradig gefährlich werden. Diese Krise ist wie alle Krisen kompliziert und zwar nicht nur, weil wir es über Jahrzehnte versäumt haben, über antislawischen Rassismus zu sprechen, sondern auch, weil wir ignorieren, wer die Menschen sind, die hier unmittelbar von diesem Krieg betroffen sind, und wie dieser Krieg geführt wird. Selbstverständlich gibt es jeden Grund zur Wut, dass so getan wird, als wäre dies seit 1945 der erste Krieg in Europa, oder darüber, wie Solidarität und Hilfsbereitschaft verteilt wird. Das legitimiert aber nicht, sich nicht mit jenen auseinanderzusetzen, über die man spricht, Realitäten nach Jahrzehnten immer noch zu übergehen und in Momenten der absoluten Krise auf seiner Ignoranz zu bestehen.