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Nicht nur zuhören. Machen!

Der Aktivist Quang Paasch gestaltet eine Podiumsreihe für die Urania Berlin, um für Veränderung zu kämpfen.

14.04.22 > Missyverse

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Interviewer*in: Zain Salam Assaad

„Synergien – Wie erkämpfen wir gemeinsam Veränderung?“ heißt die neue Podiumsreihe, die der Aktivist Quang Paasch für die Urania Berlin kuratiert hat und moderieren wird. In einem Gespräch mit Missy-Autor*in Zain Salam Assaad erzählt Quang von seiner Kooperation mit der Urania, seiner Politisierung und seinem Aktivismus.

Quang, du bist einer der bekanntesten Fridays-for-Future-Aktivist*innen in Deutschland. Wie hast du dich politisiert?
Ich habe mich über das Internet als Jugendlicher stark politisiert. Man wird normalerweise über das soziale Umfeld politisch geprägt. Ich hatte aber kaum politisch aktive Menschen in meinem nahen Umfeld. Ich bin in Berlin geboren und später zur Schule gegangen. Das Politische hat mir früher immer gefehlt. Ich bin selbst von Ungerechtigkeiten und Diskriminierung betroffen. Armut, Sexismus und Rassismus sind präsent in meinem Umfeld, schon seit meiner Kindheit. Ich wollte das nicht einfach so akzeptieren. Ich habe mich deshalb zu verschiedenen Themen aufgeklärt, Nachrichten geschaut und gemerkt, wie viele Menschen z. B. bereit sind zu demonstrieren. Das war trotzdem eher eine theoretische Politisierung, weil ich damals nicht wusste, wie ich auch politisch aktiv sein und agieren kann. Außerdem komme ich aus einer migrantischen Arbeiter*innenfamilie, in der Klima und Umwelt selten Thema gewesen sind. In den Klimaaktivismus bin ich eher reingerutscht.

Was macht die Klimabewegung für dich so besonders im Vergleich zu anderen sozialen Bewegungen?
Als ich zum ersten Klimastreik 2018 ging, hat mich begeistert, dass sich junge Menschen organisieren und politischen Druck machen können. Es war nahbar; eine Bewegung von und für junge Menschen. Obwohl wir nicht aus ähnlichen Verhältnissen kommen, gab es einen freien jungen Space. Diesen Lernraum konnte ich mitgestalten, weil keine etablierten Strukturen vorhanden waren. So habe ich mich empowered gefühlt, dieses aktivistische Netzwerk mit aufbauen zu wollen. Auf diesem Weg bin ich mit vielen anderen Menschen aktiv geworden und habe angefangen, die politische Praxis für mich zu entdecken.

Copyright: Anja König

Über zwei Jahre Pandemie haben wir nun hinter uns. Eine Ausnahmesituation, die vieles nicht nur in der Politik, sondern auch konkret in unserem Alltag verändert. Welche Auswirkung hat die aktuelle Pandemie auf junge aktivistische Strukturen?
Als junge Bewegung, die vor allem auf Internet und soziale Netzwerke gesetzt hat, ist uns nichts weggefallen. Wir sind bundesweit aufgestellt und online gut organisiert. Es war aber klar, dass das einen Einfluss auf die Form der Proteste haben wird. Weiterhin sind junge Menschen eine vulnerable Gruppe in der Gesellschaft und wurden in der Pandemiebekämpfung viel zu wenig beachtet. Die Schule als sozialer Raum fiel weg und es gab kaum psychologische Unterstützung für Schüler*innen. Plötzlich war alleine die Leistung der Schüler*innen ein relevantes Thema. All diese Umstände haben Ungerechtigkeiten vergrößert und Aktivismus noch stärker zu einem Privileg gemacht, das man sich nicht einfach leisten kann. 

Rassismus, Sexismus & Ableismus: Das sind nur wenige Beispiele für strukturelle Ungleichheiten in fast jeder Gesellschaft. Kann man gegen all das gleichzeitig kämpfen?
Menschen haben verschiedene Facetten und Identitäten und können genauso wie die Klimakrise nur als Ganzes begriffen werden. Wenn man sich mit Ungerechtigkeiten beschäftigt, wird klar: Macht- und Herrschaftsdynamiken überschneiden sich und wirken, weil wir in einem kapitalistischen System leben, das diese Dynamiken gegen marginalisierte Menschen in Stellung bringt. Es gibt keine Klimagerechtigkeit ohne Klassenkampf. Diese Komplexität ist eine Herausforderung und keine Utopie. Es ist vielleicht eine Utopie zu erwarten, dass alle alles checken, aber wir alle können als Teil vom Ganzen etwas dazu beitragen, all die Ungerechtigkeiten und die Klimakrise gemeinsam anzugehen.

„Synergien – Wie erkämpfen wir gemeinsam Veränderung?“ So heißt die Veranstaltungsreihe, die du für die Urania Berlin kuratierst. Welche Veränderung sollen wir ganz konkret gemeinsam erkämpfen?
Wir brauchen eine Gesellschaft, die Menschen und Natur nicht ausbeutet, Menschen nicht in Identitäten kategorisiert und sie in Positionen bringt, in denen sie andere unterdrücken können. Eine Gesellschaft, die Menschen nicht über Leistung definiert und Profite priorisiert. Die Reihe ist dafür da, dass wir einen Raum für Menschen schaffen, die für das Gleiche kämpfen, aber sonst vielleicht nicht zusammenkommen würden. Seien es Menschen aus Aktivismus und Zivilgesellschaft, Kunst und Kultur oder auch aus der Wissenschaft.

Was ist das Ziel dieser Reihe?
Viele von uns fallen sehr schnell in die Leistungsschiene und wollen immer so viele Menschen wie möglich erreichen. Ich möchte die Menschen erreichen, die sich politisch verständigen wollen, ohne dass sie reine Fachexpert*innen sind. Was mir noch wichtiger ist, ist, den Zuschauenden zu zeigen, das wir alle etwas haben, wofür wir kämpfen wollen. Und das heißt nicht unbedingt, dass man ganz traditionell in die Politik gehen muss, sondern dass wir über Kommunikation und Kooperation gemeinsam Veränderungen in vielen Bereichen erkämpfen können. Ich möchte, dass Menschen wissen, dass sie sich für Themen interessieren und dieses Interesse in passende Aktionen umwandeln können.

Die Urania widmet sich als Institution der Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen an die Breite der Gesellschaft. Wie lässt sich das mit deinem Aktivismus vereinbaren?
Fridays for Future stellt die Frage, wie wir als soziale Bewegung die verschiedenen Wissenschaften nutzen können, um die bereits spürbaren Konsequenzen der Klimakrise zu stoppen. Wir sollten wissenschaftliche Erkenntnisse verstehen und akzeptieren, aber auch verstehen, dass sie, im Kontext einer Gesellschaft, auf Konstrukten basieren. Genauso ist die Klimakrise nicht als rein naturwissenschaftliches Phänomen zu verstehen. Es gibt noch Hintergründe und Konsequenzen, die in dem Zusammenhang relevant sind. Dieser Spagat lässt sich in der Wissensvermittlung reflektieren und hier treffen sich meine aktivistischen Anliegen und die Position der Urania als Institution sehr gut.

In der Veranstaltungsbeschreibung wird betont, dass junge Menschen die Podien mit ihren Perspektiven gestalten. Welche Botschaft soll damit vermittelt werden?
Ich finde es schön, wenn man die Hegemonie der vorherrschenden Leitbilder bricht. Es ist erst mal nicht die Norm, dass ich als 21-Jähriger das Ganze moderiere und kuratiere. Die Meinungen und Lebensrealitäten junger Menschen werden wenig abgebildet und oft abgewertet. Die Veranstaltungen sollen für diese Stimmen eine Plattform bieten. Lernerfahrungen sind nicht altersbegrenzt. Es muss nicht nur immer sein, dass jüngere Menschen zuhören und zunicken. Es geht auch besser, wenn wir kollektiven Austausch fördern und diese Rollen verschieben. 

Das ist die erste Podiumsreihe, die du kuratierst und moderierst. Was bedeutet diese neue Rolle für dich?
Ich freue mich natürlich darüber sehr. Für mich ist das ein politischer Akt, wenn wir uns überlegen, wer in der Regel Dinge moderiert und was die Personen für Dinge und Erfahrungen mitbringen. Zusätzlich ist das ein Perspektivwechsel, weil ich früher eher nur zum Mitreden eingeladen wurde. Jetzt kann ich das Gespräch aktiv mitgestalten.

Die Auftaktveranstaltung der Reihe heißt: „Jung und politisch in Ostdeutschland“. Deine Gäst*innen sind der Aktivist Jakob Springfeld und die Journalistin Nhi Le. Ihr drei bringt verschiedene Perspektiven auf Ostdeutschland mit. Warum ist es wichtig, über Erfahrungen und Aktivismus in Ostdeutschland sprechen?
Ich habe eine stark ausgeprägte ostdeutsche Identität. Mein Vater war Vertragsarbeiter in der DDR in Leipzig, Sachsen, und meine Mutter kam kurz nach der Wende nach Mecklenburg-Vorpommern. Wir hatten also auch eine ostdeutsche Realität und die ostdeutsche Nachwendezeit ist ganz anders als die Westdeutsche verlaufen. Diese Identität wurde kreiert, weil die Dominanzgesellschaft, die Heterogenität der Geschichten und Kulturen Ostdeutschlands ignoriert und sich über diese gestellt hat. Die Nachwendezeit war schwer, gerade für Vertragsarbeiter*innen, die plötzlich keine gültigen Verträge mehr hatten, weil es das Land nicht mehr gab, mit denen sie diese Verträge geschlossen hatten. Diese historischen Ungerechtigkeiten sollen sichtbar sein und stellen keine Witze dar. Diese Perspektiven brauchen wir in Deutschland, wenn wir über Gerechtigkeit reden wollen. Persönlich ist das auch eine symbolische Ehrung für die Lebensleistungen meiner Eltern und eine Danksagung. 

Was steht noch nach der ersten Veranstaltung?
Ich habe mir gedacht, ich muss das Rad nicht neu erfinden. Ich habe Themen ausgesucht, die ich wichtig finde, selbst wenn sie in der letzten Zeit in den Medien präsent waren. Die zweite Veranstaltung soll sich um Postkolonialismus drehen. Die letzte Veranstaltung soll die leitende Frage im Titel der Veranstaltungsreihe behandeln: „Wie erkämpfen wir gemeinsam Veränderung?“ Dafür sollen Menschen aus verschiedenen Bewegungen zusammenkommen und über Organisierung und Transformation sprechen.

Welche Projekte stehen bei dir sonst noch an?
Ich habe letztes Jahr zur Bundestagswahl ein politisches Bildungsprojekt gemeinsam mit anderen jungen Aktivist*innen gegründet: ZANK.info. Wir haben Videos zu politisch relevanten Themen gemacht. Jetzt wollen wir das Projekt neu aufstellen. Kulturelle Medienarbeit zieht mich an, weil diese ein gutes Mittel im Kampf für die befreitere, sozial gerechtere, unterdrückungsfreiere Gesellschaft ist. 

Wenn es um soziale Ungerechtigkeiten geht, wird Solidarität öfter als Buzzword genutzt. Können Menschen unpolitisch und gleichzeitig solidarisch sein?
Ich würde es umformulieren. In unserer Gesellschaft können Menschen vermeintlich solidarisch sein und sich trotzdem als unpolitisch verstehen. Durch die Liberalisierung von bestimmten politischen Themen wird Solidarität als individuelle oder performative Handlung begriffen – wie z. B. ein Share-Pic zu posten oder einmal was zu spenden. So was reicht aber nicht aus. Wir müssen an den Strukturen und am System ansetzen und es gemeinsam verändern. Nichts und keine*r ist in unserer Gesellschaft unpolitisch.

In wenigen Worten: Was heißt es für dich, solidarisch zu sein?
Solidarität bedeutet, Ausbeutung und Unterdrückungen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern gemeinsam zu kämpfen und zu verändern. Hoch die internationale Solidarität!

Quang Paasch ist Aktivist aus Berlin. Aktuell ist er Pressesprecher für Fridays for Future und studiert Sonderpädagogik und Politikwissenschaften an der FU und Gender Studies an der TU Berlin. Neben seinem Aktivismus und Studium arbeitet er in der politischen Bildung und leitet das Projekt ZANK.info.