Hier bitte keine Kinder!

Kinder werden noch viel zu wenig mitgedacht und das ist eine feministische Herausforderung.

25.04.22 > Josephine Apraku
Profilfoto Josephine Apraku

Josephine Apraku
ist nicht mehr ganz so neues Elternteil, macht Bildungsarbeit zu Diskriminierungskritik, schreibt Dinge und gründet gerade neu.

Text: Josephine Apraku
Illustration: Xue Magrini Troll

Deutschland ist, nicht nur manchmal, ein komisches Land. Das gilt aus meiner Sicht insbesondere mit Blick auf Kinder. Kinder sind hier einfach nicht willkommen. Sie sind zu laut, rennen, wo nicht gerannt werden darf, lachen oder weinen in Momenten, die Erwachsene unangemessen finden, und stören Erwachsene in der wenigen Ruhe, die der Kapitalismus ihnen zugesteht. Im Idealfall, so erscheint es mir regelmäßig, sollten Kinder kleine Erwachsene sein – wobei ich insgeheim vermute, dass viele Erwachsene sie selbst dann als störend empfinden würden.

Missy Online Kolumne
© Xueh Margrini Troll

Kürzlich wagte ich es, wie ich heute weiß, eine törichte Entscheidung von mir, in eine Ausstellung zu gehen. Ich war im Grunde die gesamte Pandemie zu Hause – auch weil von Kindern vermeintlich eine überdurchschnittliche Gefahr auszugehen drohte – und dachte mir, ich möchte mal etwas machen, das Spaß macht. Gemeinsam mit drei anderen Erwachsenen und meinem Kind ging ich in die Zanele-Muholi-Ausstellung im Gropius Bau.

Unwohl fühlte ich mich eigentlich sofort, vor allem deshalb, weil anders, als ich es während der Pandemie erwartet hätte, sehr, sehr viele Menschen sich durch die Ausstellung drängten. Andere Besuchende fanden aber, dass ich mich meines Kindes wegen hätte unwohl fühlen sollen: einerseits weil es in der Ausstellung nackte Schwarze Körper zu sehen gibt (Diggi, was denkst du, wie die nackten Körper aussehen, die mein Kind zu Hause sieht? Eben!) und weil die Inhalte zutiefst politisch sind (I mean, ist zu Hause auch nicht anders). Andererseits, weil mein Kind sich wie ein Kind verhielt und sich über die vielen Bilder und die große Fläche zum Rennen freute.

Hinter mir zischten sich zwei Personen zu: „Ich hasse solche Leute“ und deuteten auf mein Kind und mich. Und ich dachte mir: „Ja und ich finde Leute wie euch ätzend.“ Kurzzeitig überlegte ich, die Ausstellung um eine kleine (künstlerische) Performance meinerseits zu ergänzen, in der ich die Absurdität der Aussage aus unterschiedlichen Perspektiven attackiert hätte (Meinst du Schwarze Menschen, die gern die Kunst Schwarzer Menschen erleben wollen?).

Ich erinnere mich noch gut daran, dass meine Mama, die ja alleinerziehend war, mich überall mit hinnahm. Eine der Anekdoten, die sie noch immer erzählt, ist, dass sie ein Interview in einem Restaurant machte und ich am Ende des Abends bei anderen Menschen mit am Tisch saß und fröhlich mit ihnen aß. Ich selbst erinnere mich am liebsten an das Haus der Kulturen der Welt, in dem ich in einer kleinen Horde gemeinsam mit anderen alles erkundete: Treppe rauf, Treppe runter, in den Aufzug, hoch, dann wieder runter. Das war so viel Spaß.

Das Problem ist, dass alle möglichen Räume Kinder nicht mitdenken – auch feministische machen das nicht annähernd konsequent genug. Dabei sollte doch gerade da klar sein, dass Kinder mitgedacht werden müssen, denn sonst werden Sorgearbeit und die Trennung in öffentliche und private Sphäre wiederholt und aufrechterhalten. Konkret hat das entweder zur Folge, dass Menschen mit Kindern, besonders jene, denen Sorgearbeit zugeschrieben wird, sich konstant abstrampeln müssen, oder dass sie schlicht nicht dabei sein können. Und: Kinder sind doch vor allem deshalb „nervig“, weil ihnen kein Raum zugestanden wird und sie in der Planung nicht als Faktor beachtet werden. Das muss aber so nicht sein.