Die Methode des lauten Erinnerns

Missy Autor*in Zain Salam Assaad führt ein kurzes persönliches Protokoll über Erinnerungen und Frieden.

Profilfoto Zain Salam Assaad

Zain Salam Assaad
In einer Kleinstadt in Westsyrien geboren und aufgewachsen und lebt seit Mitte 2016 in Deutschland. Er*sie studiert Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig und arbeitet in den Bereichen Umweltbildung, Übersetzung und Linguistik. In der Freizeit holt sich Zain Udon Nudeln mit veganer Ente und beschwert sich über das Wetter in Deutschland, toxische Netzkulturen und empathiefreie Debatten.

Taxistreit von Zain Salam Assaad

Wer kennt das nicht mit dem komischen Anfang? Neue Liebe, neuer Job oder der Umzug in die nächste große Stadt. Gleichzeitig aufregend und verstörend. In meinem Fall war allerdings Deutschland die nächste große „Stadt“. Seitdem ich in Deutschland lebe, stelle ich mir die eine Frage: Darf ich mich laut erinnern? Erfahrungsberichte und Meinungsstücke werden oft schnell durchgeschluckt und dann auch gerne entkräftet, weil sie zu privat und subjektiv seien. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Syrien verbracht. Erinnerungen sind Teil meines Alltags. Vor allem erinnere ich mich an Anfänge, denn sie sind immer besonders prägend: Sei es meine Anfangszeit in Deutschland oder mein erster Schultag in Syrien – vergleichen kann man beide Erfahrungen nicht, in meinem Kopf existieren sie trotzdem zugleich untrennbar.

© Xueh Margrini Troll

Bei meinem Schulanfang in Syrien, damals mit sechs Jahren, hat man auf dem Schulhof „Einheit, Freiheit, Sozialismus“ geschrien und laute Versprechen gemacht, die „Nation“ zu verteidigen. Die Anfangszeit in Deutschland war anders. Ich wollte immer etwas sagen, aber die Verkäuferin im Supermarkt (mein einziger etablierter Kontakt damals) war zu schnell. Daher vergingen manchmal Wochen, ohne dass ich Kontakt mit Menschen in meinem Umfeld hatte. Diese Leere begleitet mich immer noch. Auch in der Schule in Syrien habe ich diese Leere gespürt: unsere braunen Uniformen – später sind sie aus irgendeinem Grund blau geworden. Die einheitlichen Wasserflaschen mit unseren Namen darauf. Ein Apfel und ein Wrap mit Käse oder Za’atar, eine traditionelle Gewürzmischung mit der Hauptzutat Thymian. Viele Bilder von „Assad“, Syriens Diktator, und seinem Vater, mal lächelnd, mal ernst schauend. Alles hat die Leere verstärkt.

In Deutschland habe ich kein Bild von Angela Merkel in der Ausländerbehörde hängen sehen, was mich beruhigt hat. Deutsche Behörden brauchen allerdings keine solchen gerahmten Bilder. Sie können z. B. Menschen mit der Kraft eines Gesetzes abschieben, sie machen nämlich nichts anderes als ihren „Job“. Gerade mache ich auch nur meinen Job und wohne seit sechs Jahren in Deutschland – das stimmt. Mein Deutsch ist sehr gut dafür, danke. Während ich mich in der Realität hier langsam wiederfinde, habe ich zufällig letzte Woche einen Bekannten aus Syrien auf der Straße in Mainz wieder getroffen, der erst vor ein paar Monaten hierher geflohen ist. Er hat mir vieles erzählt. Vieles, wovon ich mir nichts vorstellen kann, obwohl ich meine ersten 18 Lebensjahre voller Erinnerungen dort verbracht habe. Meine Geschichten und Ängste fühlten sich so klein auf einmal. Es ist nicht der Vergleich zwischen Syrien und Deutschland, sondern Armut, Hunger und Krieg, die dort, wie in vielen anderen Orten der Welt herrschen, die mich so machtlos fühlen lassen. Ich habe auch realisiert, dass meine Geschichten noch nicht zu einem Ende gekommen sind, obwohl ich sie in der Vergangenheitsform erzähle. Exiliert zu werden, hält Teile deiner Realität von dir fern. Die Orte, die Menschen und die Erinnerungen lebten und überlebten weiter, nachdem ich Syrien verlassen habe. Hier ist all das nicht relevant. Relevant ist nur, dass man einen Job hat. Geflüchtete dienen im besten Fall als Metapher im „Westen“. Ihre Meinungen, Gefühle oder Gedanken sind nicht allzu relevant. Sie sind Erfolgsgeschichten oder klassistische und rassistische Stereotypen ohne Vergangenheit.

Dieser Text hätte ein Friedensmanifest sein sollen. Dafür bin ich aber zu kriegerisch, zu emotional und zu wütend: Der Krieg geht weiter und in den Medien kursieren Vergleiche darüber, wer überleben darf: Kinder oder Erwachsene? Männer oder Frauen? Ukrainer*innen oder Afghan*innen? Anstatt Frieden als Praxis der Solidarität zu verstehen, wird Frieden als Ausspielung verschiedener Narrative gegeneinander dargestellt. In der deutschen Linken und in vielen anderen politisierten Kreisen werden auch diese Ausspielungen begangen, ohne die tatsächlichen Struggles und Lebensrealitäten von den verglichenen Menschen und deren Kämpfe für Freiheit und Frieden zu erklären. Vermeintliche „Ost vs. West“- Feindbilder werden stets reproduziert, obwohl sie Menschen nichts nützen, die den Frieden nicht nur als eine Metapher verstehen. Eins wird dabei vergessen: Fliehende und geflüchtete Menschen sind nicht der Krieg. Menschen in Kriegsgebieten sind nicht der Krieg. Ich bin nicht der Krieg. Und am allerwichtigsten: Frieden ist keine Metapher.