Lieblingsstreberin: Andrea Martel

Agentin und Mutter: Andrea Martel aus der Serie „Call My Agent!“ regelt alles!

09.05.22 > Film & Serien,

von Marie Serah Ebcinoglu
Illustration: Eva Feuchter

Dafür haben Sie mich aus den Armen einer tollen Frau gerissen?!“ Andrea Martel (gespielt von Camille Cottin) muss einiges ertragen, um ihre Klient*innen (real existierende Schauspieler*innen, die an jeder Folge autofiktional mitgewirkt haben) bei Laune zu halten. Als Agentin der Pariser Agentur ASK in der französischen Serie „Call My Agent!“ pflegt sie eine ziemlich miese Work-Life-Balance: Sigourney Weaver besteht darauf, dass ein Drehbuch umgeschrieben wird? Charlotte Gainsbourg traut sich nicht, ihrem besten Freund zu stecken, dass sein neuestes Drehbuch Schrott ist? Andrea wird alles regeln, steht dafür nachts auf, organisiert als alleinerziehende Mutter schnell Betreuung für ihre Tochter und läuft kurz darauf mit perfekt fallendem Haar auf hohen Schuhen die Straße runter. Dabei läuft sonst wenig perfekt in ihrem Leben.
 Mit ihren Eltern kann sie nichts anfangen, die Mutter ihres Kindes hat sie (vollkommen zu Recht) verlassen, weil sie Arbeit immer priorisiert, und die Agentur rutscht von einer Krise in die nächste.

Missy Magazine 03/22, Lieblingsstreberin, Andrea Martel
© Eva Feuchter

Sorgen muss man sich trotzdem nicht um Andrea machen, von deren Coolness unsereins nur träumen kann. Auch wenn Carrie-Bradshaw-mäßig einiges unrealistisch am Leben dieser Agentin ist, ist sie mit ihrer latent machohaften Art – die an jeder cismännlichen Figur nerven würde – fast schon inspirierend, womit wir beim vielleicht besten Teil der Serie wären. „Als ich von Männern zu Frauen gewechselt habe, war es, als wäre ich vom Sandkasten zu einem Fußballstadion gewechselt“, prahlt sie vor ihrem Kollegen. Ihre Sexualität ist Teil der Welt, wie es sein sollte. Oder sein könnte – gäbe es nicht auch hier heteronormative Bürden, mit denen sie zu kämpfen hat, z. B., dass ihre Tochter von einer der beiden Mütter adoptiert werden muss. Andreas Figur macht auch deutlich, dass Konzepte von Mutterschaft noch immer zu eindimensional dargestellt werden: Dass sie, die nur lebt, um zu arbeiten, Mutter werden will, wirkt in der Narration fast unglaubwürdig. So schön progressiv ist die Serie zwar nicht in jeder, aber in doch so mancherlei Hinsicht.

Die französische Serie „Call My Agent!“ lief ab 2015, Staffeln 1–4 gibt’s auf Amazon Prime und in der ARD-Mediathek zu sehen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/22.

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