Wenn schon lesbisch

Duygu Ağals Buchdebüt ist eine Zumutung im besten Sinne.

09.05.22 > , Literatur & Comics

Von Çiğdem Akyol

Meine Ersparnisse waren aufgebraucht und ich wachte jede Nacht mit Alpträumen auf, in denen ich um mich schlug, sie unabsichtlich verletzte. Ich dachte, sie sei mein Feind.“ Derin schafft es nicht, in solchen Momenten gegenüber ihrer eigenen Freundin über ihre Ängste zu sprechen. Probleme macht sie lieber mit sich aus, und ihre Freundin findet ohnehin, sie solle sich einfach aufrappeln. Trotz vorausahnender Beklommenheit begleitet sie diese eines Tages zu deren Mutter. Derin denkt, es sei ein bisschen Kuchenessen und Kaffeetrinken, um sich kennenzulernen.
„Als ich aber ankam, führte sie mich wie eine Bedienstete durch jedes Zimmer, zeigte mir jede Tür, jede Oberfläche dieses dreistöckigen Hauses, die ich putzen sollte, für zehn Euro die Stunde.“ Eine Szene, die so unendlich viel aussagt: über die Macht der Mehrheit und ihren Rassismus, den sie in ihrer satten Dummheit nicht bemerkt. Über die Kälte der Abweisung, wenn die Angesprochene nicht so handelt, wie es sich manch Bildungsbürger*in gelegentlich wünscht. Über den Schmerz dieser Bankrotterklärung, welche die Betroffenen demütigt. „Ich bezweifle, dass die Dominanzgesellschaft glauben will, dass so etwas passiert. Ich will aber, dass sie es gelesen hat“, sagt Duygu Ağal, deren Erzähldebüt „Yeni Yeşerenler“ (aus dem Türkischen: Grünwerden, die Heranwachsenden, die Blühenden) gerade im Korbinian Verlag erschienen ist. Der*die Berliner Schriftsteller*in, Radiomacher*in und Kurator*in zeigt in dieser Erzählung mal vielstimmig, mal plakativ, was es bedeutet, wenn die Lebensform aus einer Mehrheitsperspektive oder der Sicht der eigenen Familie verurteilenswert ist. Ağals Ich-Erzählerin Derin Duman flieht vor den traditionellen türkischstämmigen Eltern in Hamburg, weil diese die Queerness der Tochter ahnen und die Wahrheit nicht verkraften würden. „Yanlış Yoldasın! Du bist auf dem falschen Weg!“, schreit die Mutter sie an. Die Tochter will endlich das Leben beginnen, wie sie es sich vorstellt, denn daheim ist sie wie in eine Box eingepfercht, in der sie sich nicht drehen und wenden kann. Irgendwann kann sie die „zwei, drei, manchmal vier Persönlichkeiten, die ich zuhause annehme, nicht länger spielen“. Als junge Frau geht sie, ohne sich von den Eltern, Geschwistern und ihren Freund* innen zu verabschieden. Damit will sie ihnen den Druck ersparen, sich für sie erklären zu müssen. Sie schämt sich, „weil sie diesem einseitigen Narrativ der konservativen Migra-Familie, die ihre Frauen unterdrückten, keinen Nährboden bieten“ will. „Erst recht nicht gegenüber der verfickten Polizei.“ Kombiniert wird Derins Geschichte mit fragmentarischen Kindheitserinnerungen, einem neuen Lebensabschnitt in Berlin und der unglücklichen Beziehung mit einer Frau, die ihren Mann verlassen hat.

Missy Magazine 03/22, Kultur 2, Wenn schon lesbisch
© Bahar Kaygusuz

Selten spürte man in der Literatur einen der- artigen Lebenshunger – und solche Ängste. In Ağals Roman ist die Protagonistin derart voller Selbstzweifel, dass einem*r eng ums Herz wird. Anders als erhofft, folgt der Ablösung nicht nur die Freiheit, sondern auch ein konsequenter Aufprall zwischen der Realität und dem Erträumten – denn Derin ist zunächst auf sich allein gestellt. „Ich arbeitete in der lokalen Bäckerei und begann mein Studium als Lehrerin. Brennen tat ich nicht für diesen Studiengang, aber ich dachte, wenn schon lesbisch, dann wenigstens etwas studieren, worauf meine Eltern stolz wären“ – und das ist wieder so ein Satz, der so viel beinhaltet, weil von unbändiger Richtigkeit. „Das ist genau diese Gleichung, mit der nicht-weiße, queere wie nicht-queere Kids durchs Leben gehen. Dass, wenn sie von ihren Eltern Ablehnung erfahren haben, eine Wiedergutmachung stattfinden muss“, sagt Ağal und schiebt hinterher: „Es geht um Kids, die ihre Eltern stolz machen wollen.“ Die vermeintliche Eigenständigkeit, sie hat einen hohen Preis. Leugnung und Flucht, Herabsetzung und Selbstzweifel – es ist viel, was Ağal den Leser* innen zumutet. „Diese Themen waren mir so wichtig, ich habe mich gefragt, was ich selbst gerne als junge heranwachsende Person gelesen hätte. In der Schule mit Schiller, Goethe und Co. verprügelt zu werden, war schön für Deutschklausuren, hat aber nicht so gebockt.“

Als Leser*in will man Derin ins Ohr flüstern: „Fang an, dir gutzutun. Höre auf, dich selbst zu geißeln. Das macht dich nur gegenüber Menschen kleiner, die es nicht verdient haben.“ Doch obwohl sie mittlerweile in Berlin lebt, ihre Queerness im Fußballverein Platz hat, sind ihre Gefühle gequält, versteckt und zerrissen. Der Besuch bei einer Therapeutin bringt überhaupt nichts. Sie will mit der Frau darüber sprechen, dass es nach ihrem Outing keine „romantischen Umarmungen, umsorgte Gesichter und Küsse auf die Stirn“ gab, sondern „wütende, enttäuschte, verängstigte und angewiderte Gesichter und alle fühlten sich fast verpflichtet, mich das spüren zu lassen“. Doch die beiden verstehen sich nicht. Also bleibt Derin wieder zurück mit all ihre Verwirrungen. „Muss ich mich permanent ‚kultivieren‘, muss ich mich permanent verausgaben, um gesehen zu werden? Ist es so verwerflich, gar ungenügend, nur Derin zu sein? Muss dieser Zirkus um Homosexualität, Rebellion, türkisch/deutschen Kulturzwiespalt und Emotionen sein? Dieses Aushängeschild-Dasein für eine bestimmte Gruppe macht mich gerade krank. Wer wäre ich jetzt, wenn all meine Attribute, die mich zur Minorität machen, die Norm wären?“, fragt sie sich – und weiß zunächst keine Antworten.

Sprachlich wirkt das ganze gelegentlich zwar etwas zu sehr konstruiert, und es fehlen durchaus die Momente, in denen weniger Trübsal zum Durchatmen einladen könnte, doch das ändert nichts an der Tiefe dieses Textes. Ağal ist ein*e Hoffnungsträger*in deutschsprachiger Literatur, der*die sich nicht an Feuilletonleser*innen wendet. „Dieses Buch habe ich für uns geschrieben“, so Ağal. Hoffentlich ist das erst der Anfang.

Duygu Ağal„Yeni Yeşerenler“Korbinian Verlag, 160 S., 20 Euro

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/22.

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