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Sehnsucht nach Banalität!

Popkulturelle Leichtigkeit ist, was wir als Jüd_innen verdienen, sagt unsere Kolumnistin Debora Antmann.

23.05.22 > , Debora Antmann,

Loud’n Jewcy von Debora Antmann

Was uns in Deutschland fehlt, ist jüdische Popkultur. Und zwar welche, auf die wir nicht 21 Tage bis drei Monate warten und Zoll draufzahlen müssen, sondern HIER vor Ort und regional. Im Dezember bin ich vor Freude kurz ausgeflippt, als mir jüdische Freund*innen erzählten, es gäbe fabelhaft kitschige Hanukka-Decken mit Hunden drauf und Kissen und süßes Hanukka-Geschenkpapier – einfach so bei TK MAXX. Das war eines der wenigen Male in den letzten zwei Jahren, in denen ich mein Hochsicherheits-Corona-Protokoll komplett ignoriert habe und ohne lebenswichtigen Grund in einen Laden gestiefelt bin. Genau genommen in vier Läden, weil ich besagte Hanukka-Utensilien einfach nicht finden konnte. Es stellte sich dann heraus, dass TK MAXX in Berlin keine Hanukka-Deko hatte, sondern nur TK MAXX im Rhein-Ruhr-Gebiet. Die Info war so ein Highlight, weil es für uns sonst nicht einfach so Feiertagskrimskrams zu kaufen gibt. Uns bleibt dafür nur der eine Laden pro Großstadt oder je nach Ort sogar nur das Internet. Ob Internet oder Geschäft für Judaica: Alles, was man hier bekommt, sind hyperreligiös anmutende Gegenstände. Selbst wenn diese nicht in klassischem Schnörkelsilber daherkommen, sondern in buntem Glas oder bemaltem Metall, sie sind ohne Zweifel als ernsthaftes, bedeutungsschwangeres religiöses Objekt gemeint. Keine Hunde mit Kippot, die auf flauschigen Decken „fröhliche Hanukka“ wünschen. Geschweige denn coole Weinbecher oder feministische Leuchter. Dinge für den jüdischen Alltag, die sich selbst nicht zu ernst nehmen, aber trotzdem ausdrücken, dass wir stolz auf unsere Wurzeln sind, dass wir Teil des jüdischen Kulturkanons sind, mit unserer bloßen Existenz: So was ist hier undenkbar. Natürlich gibt es die sweeten Hanukka-Pyjama und kreativ-feministischen Weinbecher in den USA und ich kann sie mir sehnsuchtsvoll im Netz anschauen, aber wir sind so sehr abgeschnitten von jüdischen Feel-Good-Produkten, dass ich sie nicht bestellen kann, weil alles, was cool und jüdisch und nicht auf Etsy ist, nicht nach Deutschland geliefert wird – egal, wie groß die Firma ist, die das Produkt produziert. Denn es ist nicht so, dass diese Produzent*innen keinen deutschen Vertrieb hätten. Es gibt deutsche Händler*innen, die bspw. die Pyjamas der Firmen vertreiben, die auch die Hanukka-Pyjamas produzieren. Und sie verkaufen auch all die anderen Pyjamas der Firmen, die Weihnachts- und Martini- und Schweinchenpyjamas, aber eben nicht die Hanukka-Pyjamas (und haben übrigens auch nicht vor, das zu ändern).

Debora Antmanns Online Kolumne, Sehnsucht nach Banalität
© Rahel Süßkind

Und natürlich ist Popkultur nicht an materielle Dinge gebunden. Ich verspreche euch, das ist uns bewusst. Wir sammeln Memes wie früher Pokémon-Karten. Und natürlich gibt es auch hier viel zu wenig. Aber die, die es gibt, die heiligen Fran Fine, Dajenu und „All I want for Christmas is Jew“-Memes, teilen wir geschwisterlich, wie Erdnussflips bei einer Geburtstagsparty. Ich habe eine ganze Zeit lang versucht, nur gifs mit Jüd_innen zu verwenden, und tue das immer noch zu einem großen Teil, aber das fällt natürlich niemandem auf …

Ich spiele Sleater-Kinney, The Shondes, BETTY und Alicia Svigals so unerbittlich durch meine Wohnung, dass meine Nachbar*innen glauben müssen, mein Leben hänge davon ab. Mein Glossar der jüdischen Bitterkeit ist auf jeden Fall Popkultur und Teil von jüdisch popkultureller Sprache. Aber wir haben auch das Recht, im physischen Raum vorzukommen!

Ich will eben auch in meinem „OY VAY“-T-Shirt am Frühstückstisch sitzen und bei Videokonferenzen erschüttert feststellen, dass man nur die obere Hälfte und zwar spiegelverkehrt sieht und ich jetzt also mit einem „YO“-Shirt dasitze. Es kann doch nicht sein, dass ich mir meine eigenen T-Shirts und Tassen und Kissenbezüge mit jewcy Popkultur-Content bedrucken muss. Ich lasse sogar Schmuck machen, weil ich so verzweifelt bin. Weil ich WILL einen coolen Drei-Finger-Ring, auf dem NAKAM steht. Ich WILL lässige T-Shirts mit unaufgeregten Anspielungen oder In-your-face-Sprüchen. Ich WILL Ohrringe, in denen groß „Angry Jewess“, also „wütende Jüdin“, steht. Ich WILL an Hanukka in meinem Hanukka-Pyjama rumflauschen, Geschenke thematisch passend einpacken und eine Hanukkia aus wahlweise neun kerzenhaltenden Fran Fines oder alternativ neun glitzer-glitternden Sufganijot haben. Ich WILL mein Bücherregal vollgestopft haben mit Büchern über queere, jüdische Street Art in Berlin und deutsche jüdisch-queere Poesie und jüdisch-queere Theaterstücke und jüdisch-feministische Bildbände und und und. Ich WILL mich vor Postern und Postkarten kaum retten können. Ich will das, was für alle Leute, die Weihnachten und Ostern feiern, selbstverständlich ist: lustige Kleinigkeiten. Ich kannte mal eine Person, die hat Weihnachtsbaum-Anhänger in der Form von Gewürzgurken gesammelt, und es ist unglaublich, was für eine Sammlung da zusammenkam. Dabei hat sie bei Weitem nicht jeden Gurkenanhänger mitgenommen, der ihr begegnet ist. Oft, wenn wir ZUFÄLLIG an einem Weihnachtsbaum-Anhänger in Gurkenform vorbeikamen, hat sie entschieden, dass er nicht schön, nicht funkelnd, nicht spektakulär genug ist, weil es offensichtlich genügend Gewürzgurken-Weihnachtsbaum-Anhänger gibt, um eine Auswahl zu treffen. Tatsächlich gibt es im Verhältnis zu jüdischen – und jetzt weiß ich eigentlich nicht mal genau, was ich hier schreiben soll, weil es sind ja nicht nur die Festtagsutensilien, es ist ja ALLES Jüdische –, es gibt also im Verhältnis zu jüdischem Was-auch-Immer eine UNGLAUBLICHE Fülle an Gurken-Weihnachtsbaum-Anhängern in Deutschland.

Die Flamme und ich scheitern währenddessen inzwischen seit Jahren daran, einen Pessach-Teller zu kaufen, weil die Auswahl in Deutschland (INKLUSIVE Internet) so klein und furchtbar ist, dass wir selbst mit absoluter Kompromissbereitschaft nichts finden. Von den Preisen fangen wir gar nicht erst an. Denn Auswahl heißt auch preisliche Vielfältigkeit. Ostern bedeutet, ich kann mir aussuchen, ob ich einen Osterkorb für 3,50 Euro oder 250 Euro kaufe. Seder-Teller fangen bei etwa 60 Euro an – da gibt es so ungefähr zwei – und dann sind wir ganz schnell bei 250 bis 600 Euro. Es ist natürlich auch kein Problem, 2500 Euro und mehr auszugeben, ohne dass man sich dafür auf Luxus-Judaica-Seiten umschauen muss (als gäbe es die …). Es ist übrigens nicht ganz ehrlich, dass es gar keinen Seder-Teller in Deutschland gibt, den wir kaufen würden. Es gäbe sogar einen, mit dem wir uns nach jahrelanger Verzweiflung abfinden könnten, aber wir sind einfach nicht bereit, knapp 300 Euro für etwas auszugeben, das uns eigentlich nicht gefällt, nur weil die Auswahl so unmöglich ist. Und jetzt, während ich das schreibe, denke ich, dass ich eigentlich am liebsten einen feministischen Seder-Teller hätte (auf die Idee sind wir bisher in unserer Hoffnungslosigkeit nicht mal gekommen), bei dem die Orange auch einen Platz hat, weil warum sollte ich mich mit weniger zufriedengeben? Aber ich glaube, dann bricht das deutsche Internet zusammen.

Ich WILL Aufnäher und Buttons und Kleinkram, auf dem Wortspiele wie Jew-ish oder Jewcy drauf sind. Wortspiele und Sprüche, die einerseits absolut banal sind und anderseits ein ganzes jüdisches Lebensgefühl einfangen, ohne mich so recht zu erinnern, wo ich den Anstecker oder den Aufkleber eigentlich herhabe. Weil ich eben nicht acht Stunden im Internet verbracht haben, um die Sachen entweder selbst zu machen oder jemanden zu finden, der sie aus den USA verschickt, um absurd viel Liefergebühren und Wartezeit in Kauf zu nehmen. Ich will mich nicht dran erinnern können, weil ich es von jedem Festival, jeder Demo, jedem Flohmarkt, jedem problematischen T-Shirt- oder Postkarten-Druckgiganten als fertiges Motiv in 42 Ausführungen hätte haben können.

Ich will die Möglichkeit haben, jüdische Alltagsgegenstände und Kultur in meinem Leben zu haben.  Und sie so in meinem Leben zu haben, wie sie in meinem Leben auch Sinn machen. Die widerspiegeln wie und wer ich als Jüdin bin. Und nicht nur irgendwelche klobigen Leuchter, die für ihren religiösen Übermut eigentlich ein eigenes Zimmer bräuchten, nur weil dieses fakakta Land jüdische Leichtigkeit und das Recht auf jüdische Banalität nicht versteht.

So ist sie halt, die traurige Goj_genwart …