Small Talk Big Pain

Missy-Kolumnist*in Zain Salam Assaad fragt sich, wie lange wir noch schlechte Gespräche führen wollen.

Profilfoto Zain Salam Assaad

Zain Salam Assaad
In einer Kleinstadt in Westsyrien geboren und aufgewachsen und lebt seit Mitte 2016 in Deutschland. Er*sie studiert Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig und arbeitet in den Bereichen Umweltbildung, Übersetzung und Linguistik. In der Freizeit holt sich Zain Udon Nudeln mit veganer Ente und beschwert sich über das Wetter in Deutschland, toxische Netzkulturen und empathiefreie Debatten.

Wutistan von Zain Salam Assaad

 

Über zwei Jahre Pandemie und wenig Kontakt zu anderen Menschen erschweren es uns, von alten Networking Skills Gebrauch zu machen. Man hat oft neue Grenzen entwickelt oder die eigenen überhaupt wahrgenommen und hat keinen Bock mehr auf Gespräche, die zwar nicht tiefgründig, aber zu privat oder fast übergriffig (!!!!) sind. Nun: Was tun, wenn Small Talks übergriffig, zu privat werden?

Die Musik und die Drinks kicken. Du sitzt in einer netten, dir aber nicht eng bekannten Runde an Menschen. Eine Person lächelt dir zu und du freust dich, endlich mit jemandem interagieren zu dürfen. Dann passiert es: die Small-Talk-Phase. Ihr redet über das Wetter und du haust einen Witz über den Klimawandel raus. Es wird gelacht und dann wirst du mit existenziellen Fragen bombardiert. Denn die anderen dachten, dass dein schlechter Witz eine Einladung dazu war.

Eine Person ist von zu vielen Smalltalk Fragen genervt.
© Rahel Süßkind

„Wie, du warst noch nie in einer Beziehung?“
„Hast du aber guten Kontakt zu deinen Eltern?“
„Was willst du mit deinem Abschluss machen?“
„Wie geht es dir?“
Oder noch besser: „Hast du mal in Syrien Explosionen erlebt oder bewaffnete Islamisten gesehen?“

Du denkst dir: „Oh ne. Nicht das schon wieder“ oder fängst an, tatsächlich von deinem unverarbeiteten Zeug zu erzählen. Und so fühlt ihr euch beide unwohl. An die eine oder andere unangenehme Frage erinnerst du dich bestimmt. Die eine hast du selber gestellt und die andere hast du gestellt bekommen. Man beschwert sich, aber natürlich tut man oftmals dasselbe anderen Menschen an. Beziehungen, die auf solchen kleinen Gesprächen aufbauen, werden dann zu einem Alarm für dich, um auf Distanz zu gehen, weil du gleich wieder mit unangenehmen Dingen konfrontiert wirst. Die fragende Person denkt vielleicht, dass sie gerade den Schlüssel zu deiner Kommunikationswelt entdeckt. In der Luft fliegen wohl kleine weißen Tauben und ihr seid jetzt Small-Talk-Friends mit big Issues, doch innerlich wollt ihr nur wegrennen.

Small Talks dürfen uns nicht einschüchtern. Wir dürfen Gesprächsthemen wechseln oder gar das Gespräch beenden, wenn es uns nicht passt. Grenzen zu setzen ist keine Ablehnungserfahrung. Es hat nicht immer etwas mit dem Gegenüber zu tun. Es geht darum, dass wir für uns sorgen und unangenehme Gefühle stoppen, weil wir einfach keinen Bock darauf haben. Das ist eine Lernerfahrung und kann nur etabliert werden, wenn wir einander wirklich zuhören und akzeptieren.

Lange hatte ich Angst, meine Grenzen aufzuzeigen, weil ich mich einsam in Deutschland fühlte. Meine Einsamkeit ließ sich nicht verstecken und die Fragen kamen immer wie ein Schlag ins Gesicht. Selbst, wenn sie gut gemeint waren. Ich hatte Angst, alleine wieder in der Ecke auf irgendeiner Party zu landen oder keine Kontakte zu knüpfen, die nichts anderes als Gespräche über das Wetter und den Klimawandel hergeben würden. Gleichzeitig ist es mir jetzt klar, dass Einsamkeit manchmal die bessere Option ist. Ich halte keine Vorträge über Syrien auf CSD-Partys und erkläre mich nicht als Nah-Ossi-Alles-Wisser*in. Ich versuche, die Kommunikation in Begegnungen bewusst zu filtern. Ich antworte auf „Wie geht es dir?“ mit „Danke, und was hast du heute gemacht?“ Auf die Frage, wie es als queere Person war, in Syrien aufzuwachsen, habe ich leider selbst keine Antwort. Es war anders. Ich weiß aber, dass ich nicht nur an schmerzhafte Erinnerungen oder stressige Themen denken möchte. Ich möchte manchmal loslassen und in mir Dinge sehen, die schön sein können und nichts mit Syrien-Queer-Islamisten-Talks zu tun haben. Ich will von Events nicht mit Tränen in den Augen gehen oder mit einem unbezahlten Rechercheauftrag. So viel habe ich für mich persönlich entschieden. In der Praxis gelingt das nicht immer gleich gut. Man muss das üben und es wird mal awkward, aber kann auch erfolgreich sein. Wir müssen nicht mit allen klarkommen und wir werden uns nicht mit allen anfreunden. Ziel des Tages darf nicht mehr bleiben, der Boxsack der Runde zu sein. Es würde für mich reichen, wenn sich tiefe Gespräche ergeben, aber keine Situationen entstehen, in denen man sich ständig erklären muss.

Wir brauchen Räume, in denen wir lernen können, mit anderen Menschen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Wir brauchen gute Small und Deep Talks. Wir brauchen Menschen, die Grenzen zeigen (dürfen) und diese respektieren. Wir brauchen eine Kommunikationskultur, die Menschen nicht zum Politikum des Tages macht und sie mal chillen lässt. Eine Kultur, die sich nicht frei an Traumata, Marginalisierung oder Fehltritten real existierender Menschen bedient, um sich zu amüsieren. Sind wir so weit? Oder wollen wir weiter die wilden jungen Jahre mit schlechten Gesprächen und Witzen überbrücken? Mein Opa sprach kein Englisch, jedoch lernte er als Mechaniker in Saudi Arabien mal diesen Satz: „Hello my friend! Be nice.“ Süß, oder? Ich denke, ich nehme das mit in Gespräche rein, die mir nicht guttun. Von kleinen Gesprächen mit großen Auswirkungen verabschiede ich mich mit dieser Playlist musikalisch, solange es gehen kann – und am besten für immer.