Schwarz, rot, Regenbogen

Lasst uns Regenbogenflaggen an Parlamentsgebäuden hissen, um zu symbolisieren, … wie scheinheilig wir sind!

Mit lesbischen Grüßen von Felicia Ewert

Whoop whoop, Pridemonth ist da. Lasst uns also möglichst viele Regenbogenflaggen an unseren Verwaltungs-, Parlamentsgebäuden und weiteren Institutionen hissen, um zu symbolisieren, … wie scheinheilig wir eigentlich sind und wie sehr uns die Leben queerer Menschen – explizit der von trans-, intergeschlechtlichen und nicht binären Menschen – am Arsch vorbeigehen.

Vor einem Jahr wurde das Selbstbestimmungsgesetz im Bundestag abgeschmettert. Von Parteien und Politiker*innen mit Prideflaggen auf ihrer Werbung, ihren Profilbildern, in ihren Social-Media-Bios. Selbstverständlich mit großem Bedauern. Jammerschade, dass es nicht geklappt hat, Kopf hoch. Aber hey, nimm dir noch schnell eine Regenbogenflagge vom Tisch mit und vergiss bloß nicht, uns bald zu wählen, denn du liegst uns am Herzen. Happy Pride!
Und selbst das ist noch immer verharmlosend formuliert. Unsere Leben sind vielen dieser Politiker*innen keineswegs egal, es ist keine simple Ignoranz, kein einfaches Aussitzen: Sie unterdrücken uns aktiv.

Oftmals reicht die sogenannte Queerfreundlichkeit privilegierterer Personen nur so weit, bis die eigene Lebensrealität, das eigene Geschlecht, das eigene Begehren zu etwas potenziell Debattierbarem gemacht werden könnte. Doch im Fall des Selbstbestimmungsgesetzes kommen mehrere Ebenen zusammen, die zu Widerständen bei transfeindlichen Personen führen. Das eigene geschlechtliche Bewusstsein von endo, cis Personen. Die Kämpfe von cis, queeren Menschen und im Speziellen die politischen Kämpfe von cis Frauen. Personelle Überschneidungen nicht ausgeschlossen.

Es klingt grundsätzlich nach einer breiten Basis aus feministischen, aktivistischen Personen, die das bestehende sogenannte Transsexuellengesetz locker hinwegfegen könnte. Spoiler Alert: nein.

Denn anstatt sich mit sich selbst zu beschäftigen, einen Reflexionsprozess bei sich zu starten, Therapie zu machen, sich die Frage zu stellen, weshalb ich als cis Person der festen Überzeugung bin, dass mein Geschlecht echter, wahrhaftiger, wertvoller als die Geschlechter anderer Leute wäre, starten oftmals Abwehrprozesse. Es findet eine Aufarbeitungsverschiebung statt. Die eigenen Verunsicherungen werden abgewälzt auf (andere) queere Menschen. Die Probleme transfeindlicher Menschen werden zu unseren Problemen gemacht. Uns wird die Verantwortung für deren „Verwirrungen“ zugeschoben. Währenddessen bleiben sie bei der festen Überzeugung, Gesellschaft, Wissenschaft und die sogenannte Natur fest an ihrer Seite zu wissen. Ihr Selbstbewusstsein macht sie gefährlich für sich und andere.

Eine Illustration mit dem Spruch : Macht Eure Probleme nicht zu unseren! Die Demonstrant*innen zeigen das All Gender symbol
© Bär Kittelmann

Weshalb ist das im Zusammenhang mit dem Pridemonth so wichtig zu benennen? Weil transfeindliche Menschen ganz aktiv versuchen, trans Personen aus historischen Kämpfen zu streichen. Diskussionen darum, wer im Juni 1969 vorm Stonewall Inn in der Christopher Street den ersten Stein auf die Polizei warf, um sich gegen deren fortwährende Gewalt zu stellen, und die Versuche, Menschen wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera zu „verkleideten Männern“ zu erklären, ist eine argumentative Taktik, die bis in die Gegenwart angewandt wird. Und nein, ich vergesse Menschen wie Stormé DeLarverie nicht, gleichwohl ich keine politische Vereinnahmung gegen andere Queers betreibe wie manche Akteur*innen. Was hierbei also passiert: Es wird versucht, wesentliche Personen, die für unsere aktuellen queeren Rechte kämpften, bluteten, litten, aus der Geschichte zu streichen. Ironischerweise berufen sich Menschen auf diese wichtigen Kämpfe und bezeichnen gleichzeitig aktuelle Forderungen von z. B. transgeschlechtlichen Menschen gar als „zu laut, zu aggressiv und überzogen“. Happy Pride!

Sonst alles schnieke mit dem Regenbogenmonat?

Uniformierte aus Institutionen auf’m CSD? Parteien, die ihre Queerfeindlichkeit mit einem Vintage Regenbogen auf’m Plakat überdecken und milliardenschwere Konzerne, die ihre feindlichen Unternehmenspolitiken in Regenbogenbannern verhüllen? Ja, stimmt, da war ja was.

Polizeigewalt gegen Queers auf Demos gehört zum Glück auch der Vergangenheit an. Nee warte, nicht wirklich. Kurzer Rückblick auf den CSD Köln 2016, auf dem Sven W. geschlagen, verhaftet psychisch und körperlich erniedrigt wurde und noch fünf Jahre lang Rechtsstreits ausfechten musste, bis die Anklage fallen gelassen wurde. Und im letzten Jahr auf dem Berliner CSD bspw. drängte die Polizei die Teilnehmenden von der Straße auf die Fußwege, um somit Verstöße gegen die Corona-Auflagen zu provozieren. Happy Pride!

Erinnert ihr euch noch, als weiße Queers die Allianzarena in München in Pridefarben strahlen lassen wollten, um Ungar*innen zu zeigen, wie „fortschrittlich und tolerant“ Deutschland sei? Ist schon wieder ein Jahr her. Da wollten plötzlich sogar Rechtsradikale „pro homo“ sein, wenn es dem Nationalismus dient. Realität überholt Satire. Happy Pride!

Netflix promotet grade, dass wir mit ihnen den Pride-Monat feiern sollen und bietet uns Serien und Filme an. Manchmal sogar welche, in denen queere Personen auftauchen. Im Schatten dessen entließ das Unternehmen kurzzeitig Mitarbeiter*innen, die Kritik an transfeindlichen Comedyproduktionen äußerten. Die Programme sind weiterhin abrufbar, weil der Profit für Netflix wichtiger ist als eine diskriminierungskritische Haltung. Happy Pride!

Und pünktlich zum 01. Juni, dem Start in den Pridemonth, veröffentlicht die „Welt“ einen Artikel darüber, dass öffentlich-rechtliches Fernsehen Kinder manipuliere, „Frühsexualisierung“ und „Umerziehung“ betreibe. Klingt nach rechtsradikalen Propagandabegriffen. Stimmt ja auch. Mit dabei, der transfeindliche Gutachter im „TSG“-Verfahren, der auch unlängst in der „taz“ zum Besten geben durfte, dass es momentan „hip“ sei, trans zu sein. Happy Pride!

Aber abseits davon, haben wir eine strahlende Zukunft vor uns. Und noch verdammt viel Arbeit.

Mit lesbischen Grüßen

Felicia Ewert